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4 KÖNIGE

2 Dezember 2015 No Comment
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© Port au Prince Film- und Kulturproduktion GmbH

Nicht für jedermann ist das Weihnachtsfest eine besinnliche Veranstaltung, sondern kann schnell zur psychischen Zerreissprobe ausarten. Auf niemanden trifft dies mehr zu als auf die vier Hauptprotagonisten in dem Langfilmdebüt der Regisseurin Theresa van Eltz, welche ihr Weihnachten in einer Nervenheilanstalt verbringen müssen:

Der verschlossene Fedja (Moritz Leu) muss das Trauma einer Mobbingattacke seiner Mitschüler überwinden und bewegt sich von Angst erfüllt durch die Hallen der Klinik. Auch von der neugierigen und frechen Lara (Hella Haase) lässt er sich nicht aus der Reserve locken. Die hat mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und kann den hohen Ansprüchen ihrer gut betuchten Eltern nicht gerecht werden. Diese möchten gern eine brave und kultivierte Tochter, ohne sie dabei jedoch auch nur ansatzweise zu kennen oder ihre Wünsche zu respektieren.

Währenddessen kommt die Zeit in der Psychiatrie der stillen Alex (Paula Beer) gerade recht. Sie kümmert sich ansonsten um ihre psychisch labile Mutter und geht an der Verantwortung fast zu Grunde. Als der von der Mutter getrennt lebende Vater Alex zu Weihnachten zu sich holen möchte, ist ihr schlechtes Gewissen so groß, dass sie sich aus einem fahrenden Auto wirft.

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Vier ungleiche Patienten © Port au Prince Film- und Kulturproduktion GmbH

Zu guter Letzt stößt der hochaggressive und gewalttätige Timo (Jannis Niewöhner) zu dieser illustren Gruppe geplagter Teenager, den der junge und enthusiastische Psychiater Dr. Wolff (Clemens Schick) aus der geschlossenen Psychiatrie hierhin verfrachtet. Zu allem Überfluss steckt er ihn noch mit dem ängstlichen Fedja auf ein Zimmer. Ein riskantes Experiment, denn Fedja kann mit der konstanten Bedrohung, die von dem chronisch wütenden Timo ausgeht, gar nicht umgehen.

Schnell könnte sich der Eindruck aufdrängen, bei dem Film handele es sich um eine klischeehafte Komödie, in der sich die vier Figuren mit klamaukhaften Witzen gegenseitig aus der Misere helfen. „4 Könige“ wächst aber weit über die vermeintliche Konstruiertheit seiner Ausgangssituation hinaus. Dies liegt zum einem am erfreulich und erstaunlich klischeefreien Drehbuch von Esther Bernstorff. Hier  käuen die vier Hauptcharaktere ihre tragischen Hintergrundgeschichten nicht in langen, ausufernden Monologen und Dialogen wieder. Vielmehr entwickelt sich zwischen den Figuren eine natürliche Dynamik.

Viel bleibt dem Zuschauer und seiner Interpretationsfähigkeit überlassen. Warum Timo sich so aggressiv gibt, wird rein aus der Beziehung zwischen ihm und seinem eingeschüchterten Vater deutlich und einer scheinbar dominanten Mutter, die gar nicht persönlich im Film vorkommt. Drehbuchautorin Bernstoff und Regisseurin van Eltz haben den Mut, diese Spannungen zwischen den Figuren nicht zu zerquatschen, sondern sich langsam und über die gesamte Laufzeit des Films entwickeln zu lassen.

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Dr. Wolff beschützt seine 4 Schützlinge © Port au Prince Film- und Kulturproduktion GmbH

Viel lastet auch auf den Schultern der vier jungen Darsteller, was aber kein Problem ist, denn es handelt sich hier um einige der besten und interessantesten jungen Gesichter, die das deutsche Kino zu bieten hat. „Gesichter“ ist ein gutes Stichwort, denn die  Emotionen spielen sich hauptsächlich auf eben diesen ab. Ohne jedoch übertriebene Gesichtsakrobatik zu vollführen, gelingt es den vier Hauptdarstellern, ein sensibles und ernstzunehmendes Porträt verstörter Jugendlicher abzuliefern. Dies ist besonders wichtig für die Figuren, denen man kaum Dialogzeilen zur Verfügung stellt. So bringt Fedja, gespielt von Moritz Leu, die meiste Zeit kaum ein Wort heraus, seine paralysierende Angst ist aber zu jeder Zeit für das Publikum spürbar.

Hella Haase wechselt mühelos von der Prolätin Chantal aus „Fack ju Goethe 2“ zur vorlauten Göre Lara, deren selbstbewusste Frechheit nur dazu dient, ihre Unsicherheiten zu überspielen. Paula Beer nimmt dagegen eine viel stillere und beobachtendere Rolle ein, dennoch kann man hinter ihren Augen sehr viel Intelligenz, Sensibilität und Mitgefühl erkennen.  Das Drehbuch räumt allen diesen Charakteren gleich viel Raum ein, so dass keine Geschichte dominiert, keine Figur zu kurz kommt und alles kunstvoll ineinander greift. Eine besonders kraftvolle Präsenz ist allerdings Jannis Niewöhner, der dem Publikum hinter Timos Gewaltbereitschaft eine emotional plausible und mitreißende Seite aufzeigt.

Ein großes Manko vieler Dramen und Komödien ist, dass sie innerhalb von Spielfilmlänge die psychischen Belastungen junger Menschen lösen, sei es durch ein paar Therapie-Sitzungen bei einem kauzigen Therapeuten, durch eine junge Liebesbeziehungen oder durch überforderte Eltern, die ihre Kinder  letztendlich doch unterstützen (so geschehen z.B. in „About a Girl“ früher in diesem Jahr). Regisseurin Eltz hüllt ihren Plot zwar in fast schon meditativ und ruhig anmutende Bilder, nimmt aber ansonsten eine beobachtende Haltung ein. „4 Könige“ gibt nicht vor, Antworten zu haben. Am Ende ist nichts gelöst und die vier Hauptfiguren stehen nicht unbedingt besser dar als am Anfang. Auch wenn es einen kleinen Hoffnungsschimmer der Heilung gibt, wirkt dieser glaubhaft und verdient.

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Schwester Simone ist mit den Methoden von Dr. Wolff nicht einverstanden © Port au Prince Film- und Kulturproduktion GmbH

Frei von kleinen Klischeefettnäpfchen ist „4 Könige“ nicht: Während sich der junge, idealistische Dr. Wolff gegen die Bürokratie und das ambivalente Establishment der Klinik zur Wehr setzt, ist es die einsame Krankenschwester Simone (Anneke Kim Sarnau) mittleren Alters, die anfangs noch sympathisch wirkt, aber später mit strenger Hand durchgreift und Dr. Wollf bei seinem Vorgesetzten verpetzt, um dem unliebsamen Timo aus dem Weg zu schaffen. Hinter einigen dieser Klischees verbirgt sich Wahrheit, hinter anderen etwas weniger.

Trotz dieser kleinen Stolpersteine ist „4 Könige“ einer der besten Filme des deutschen Kinojahres, was umso erstaunlicher ist, weil er so unspektakulär und zurückhaltend daherkommt. Gerade hierin liegt jedoch seine Kraft, denn das Drama schwätzt die Probleme der jungen Menschen nicht zu Tode und gibt nicht vor, diese lösen zu können, sondern nimmt sie ernst und inspiriert den Zuschauer, selbiges zu tun.

4 KÖNIGE

Bewertung: 5 von 6
Starttermin: 03.12.2015
Darsteller: Jella Haase, Jannis Niewöhner, Paula Beer, Moritz Leu, Clemens Schick, Anneke Kim Sarnau
Regie: Theresa von Eltz
Kamera: Kristian Leschner
Drehbuch: Esther Bernstorff
Musik: André Feldhaus
Produktion: Benjamin Seikel, Florian Schmidt-Prange

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