Home » Featured, Filme, Kino, Reviews

THE HATEFUL 8

31 Januar 2016 No Comment
THE_HATEFUL_8_Hauptplakat

© Universum Film

Ein paar Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg transportiert der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell) seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) mit einer Postkutsche durch das verschneite Wyoming. Mit dem blutigen Konflikt Nord gegen Süd und Bruder gegen Bruder noch deutlich im Rückspiegel zu sehen und mit der Stadt Red Rock als Ziel, wo die vorlaute Daisy gehängt werden soll, treffen die beiden auf den afroamerikanischen Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der seine eigenen vier, schon toten Köpfe abzuliefern und Belohnungen abzukassieren hat.

Nach anfänglichen, misstrauischen, gegenseitigen Beschnuppern beschließen Ruth und Warren, sich gegenseitig zu unterstützen. Ein persönlicher Brief von Abraham Lincoln machen Major Warren zu einem besonders vertrauenswürdigen Partner. Dieser Brief hat im Handlungsverlauf noch eine spezielle Bedeutung, an dieser Stelle hilft das Schriftstück dem pferdelosen Kopfgeldjäger, erst einmal einen Platz in der Kutsche und Schutz vor einem heraufziehenden Schneesturm zu bekommen. Zufälligerweise ist auch der ehemalige Südstaatensoldat Chris Mannix (Walter Goggins) zu Fuss unterwegs. Dieser gibt vor, der neue Sheriff von Red Rock zu sein und sichert sich schon allein dadurch einen Platz. Doch schon hier kommt es zwischen den ideologisch ungleich gesinnten zu ersten Auseinandersetzungen.

Kurt Russell Samuel L. Jackson

John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell l.) und Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson r.) © Universum Film

Weil sie auch irgendwann nicht mehr mit der Kutsche weiterkommen, macht das Gespann nicht in Red Rock, sondern in bei Minnies Kleinwarenladen Halt, einer kleinen Blockhütte, die mitten in der eingeschneiten Wildnis liegt. Statt der Besitzerin Minnie, warten jedoch der Mexikaner Bob (Demian Bichir), der angeblich Minnie und ihre Angestellten vertritt, der in sich gekehrte Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der Südstaaten-General Sandford Smithers (Bruce Dern) und der feine Gentleman Oswaldo Mobray (Tim Roth) auf die Neuankömmlinge. Die sowieso schon hochgekochten Emotionen kochen noch ein wenig höher, denn es ist von Anfang an klar, dass manche oder alle der freiwilligen und unfreiwilligen Gäste nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Wer letztendlich gegen wen kämpfen und wer sich mit wem verbünden wird, bleibt jedoch bis zum Schluss im Unklaren und sorgt für eine nicht unmaßgebliche Spannung, die den Film unterfüttert.

Quentin Tarantinos achtes Werk hatte es wirklich nicht leicht. Schon bevor es in seinem glorreichen 70mm Format auf die Kinoleinwand kam, wurde eine frühe Drehbuchfassung, die der Drehbuchautor und Regisseur noch als Fortsetzung für „Django Unchained“ konzipierte, illegalerweise im Internet veröffentlicht. Nach der Fertigstellung wurde eine Screener Version des Filmes vor Kinostart ebenfalls im Internet veröffentlicht. Außerdem konnte die Premiere des Filmes nicht im berühmten Chinese Theater stattfinden, eines der wenigen Kinos, das in der Lage ist, das 70mm Format zu projizieren. Disney und die „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ – Premiere kamen Tarantino zuvor. Eine Aktion, die Disney als gezielten Affront gegen den Regisseur plante, wie er glaubt.

Regisseur und Besetzung

Autor und Regisseur Quentin Tarantino (l.) am Set mit seinen Darstellern © Universum Film

„The Hateful 8“ ist allerdings auch kein Film, der unbedingt darauf aus ist, die Herzen und Sympathien seiner Zuschauer zu gewinnen, aber seinem Titel dafür umso gerechter wird. Denn sympathische Charaktere lassen sich hier wirklich keine finden. Der scheinbar rechtschaffene John Ruth sorgt zwar augenscheinlich für Gerechtigkeit, empfindet allerdings auch ein perverses Vergnügen darin, seine weibliche Gefangene zu verprügeln. Tarantino scheint eine Art Freifahrtschein für vulgäre Sprache und diese Form von Gewalt zu haben und gelegentlich strapaziert er diesen etwas über.

Die grün und blau geschlagene Gangsterin Daisy ist allerdings selbst kein unbeschriebenes Blatt: Moralisch eine extrem fragwürdige Persönlichkeit und vor allem mit einem ungeniert rassistischen Mundwerk ausgestattet, würde sie jeden die Kehle durchschneiden, wenn es ihr zum Vorteil gereicht. Zwar arbeitete die Schauspielerin Jennifer Jason Leigh stetig in den letzten Jahren in Film und Fernsehen, aber es ist wieder einmal Tarantino zu verdanken, dass sie aus einer relativen Obskurität hervorgeholt wird, sowie prompt und verdient eine Oscar-Nominierung erhält. So wortkarg und widerwärtig ihr Charakter auch sein mag, so vergnüglich ist es gleichzeitig, ihrer Figur und ihren Reaktionen auf den Wahnsinn um sie herum zuzusehen.

Daisy Jennifer Jason Leigh

Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) auf dem Weg zum Galgen © Universum Film

Quentin Tarantino baut allein damit ein interessantes moralisches Dilemma für seine Zuschauer auf und fragt das Publikum, ob die brachiale Behandlung dieser Figur gerechtfertigt ist, auch wenn sie eine ruchlose Verbrecherin ist. Er stellt aber auch das Konzept des amerikanischen Gerechtigkeitsempfinden an sich in Frage: Macht es wirklich einen Unterschied, ob ein Henker mit dem Gesetz im Rücken ein Todesurteil ausführt oder eine willkürliche Person mit einer Waffe in der Hand? Vor allem wenn gesetzliche Organe genauso moralisch korrumpiert und korrumpierbar sind wie das einzelne Individuum.

Diese stetige Spannung baut sich langsam auf, umso mehr braut sich jedoch unter der Oberfläche zusammen. Im Gegensatz zu seinen Vorbildern, den wortkargen Spaghetti-Western, ist  jedoch das Drehbuch sehr viel redseliger, wie man es allerdings nicht anders von Tarantino kennt. Der Regisseur arbeitet symbolisch mit breiten Pinselstrichen, indem er seine Charaktere die Hütte selbst in Nord und Süd aufteilen lässt, mit dem Esstisch und der Bar als quasi neutrale Zone. Grenzen, die schnell obsolet werden, sobald es zur gewalttätigen Entladung kommt.

Jennifer Jason Leigh Hangman Tim Roth

Oswaldo Mobray (Tim Roth l.), John Ruth und Daisy Domergue lernen sich besser kennen © Universum Film

Man mag dem Regisseur einen Fetisch für die Stilistik einer längst vergangenen Filmära vorwerfen: Ennio Morricone, der große Komponist des Spaghetti-Westerns, komponierte wieder den musikalischen Score und dieser bedient sich selbst an seiner Musik von „Das Ding aus einer anderen Welt“, was angesichts der paranoiden Anspannung, die „The Hateful 8“ zugrunde liegt, nicht verwunderlich ist. Auch das 70mm Panasonic Format, das seit 1966 nicht mehr verwendet wurde, deutet auf Tarantinos Faible für Nostalgie hin.

Dennoch kann man ihm nicht absprechen, dass er unverwechselbare und frische Charaktere erschafft und diese gegeneinander antreten lässt. Er bringt mit ihnen ein gebrochenes, amerikanisches Versprechen auf die Leinwand: sadistische Männer und Frauen, die sich in fehlgeleitete Ideologien flüchten und mit den Fingern gegenseitig aufeinander zeigen: Wer lag richtig, wer lag falsch im letzten Krieg? Diskussionen, die letztendlich in nichts anderes als in Blutfontänen kulminieren. Die Idee Amerika bleibt hier eine Lüge auf einem blutverschmierten Blatt Papier bzw. auf einen angeblichen Brief von Abraham Lincoln. Vorurteile, Paranoia und ein nervöser Finger am Abzug ist das, was hier dominiert.

Hangman and Daisy

John Ruth, Daisy Domergue und General Sandy Smithers (Bruce Dern r.) © Universum Film

Was Tarantino kaum ausfindig machen kann, ist die Psychologie, die hinter dieser Art von Hass steckt. Allerdings würde er damit seinen Figuren wahrscheinlich zu viele Sympathiepunkte zuspielen. „The Hateful 8“ könnte letztendlich auch ein Internet-Kommentarthread sein, den er in ein Spaghetti Western-Setting transportiert hat. Denn die nirgendwo hinführenden Diskussionen, wirken den heutigen nicht unähnlich, was die zugrunde liegenden Thematiken zeitlos wirken lässt. Dies liegt auch an den Darstellern, die Tarantino zum wiederholtem Male verwendet. Deren Charaktere könnten die Urgroßväter der Figuren in „Reservoir Dogs“ oder „Pulp Fiction“ sein. Dies alles unterstützt nur den Anschein einer jüngeren und älteren amerikanischen Geschichte, die von sich ewig wiederholenden Gewaltzyklen geprägt ist.

Technisch beeindruckend fängt Kameramann Robert Richardson die atemberaubende und lebensgefährliche Schönheit der Schneelandschaften Wyomings ein. Später leuchtet er jeden Winkel der trügerischen Gesichter und jede noch so dunkle und zwielichtige Ecke der Blockhütte aus. Ein Setting, das umso klaustrophobischer wirkt, weil er jede Wand auf einmal mit dem 70mm Breitbandformat inerhalb einer Einstellung erfassen kann. Tarantino und Richardson spielen auch  mit Fokus, nehmen mal die eine, mal die andere Figur schärfer ins Sichtfeld, was sich auch auf die Erzählung überträgt. Ein erzählerischer Trick, den Tarantino schon seit „Reservoir Dogs“ verwendet, aber hier noch einmal eine der Grundthematiken unterstützt, nämlich, dass nichts so ist, wie es erscheint und die Wahrheit immer eine andere ist, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt.

„Hateful 8“ hält sich fast schon frustrierend mit Action zurück und konzentriert sich anfangs ausschließlich auf seine nicht sehr angenehmen Charaktere. Tarantino tut fast alles, um Sympathie und Charme, die alle seine anderen Figuren auszeichneten, zu untergraben. Konventionelle Helden, an die sich der Zuschauer klammern könnte, existieren in „The Hateful 8“ keine, was Tarantinos achten Film umso herausfordernder und faszinierender macht.

THE HATEFUL 8

Bewertung: 5 von 6
Starttermin: 28.01.2016
Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walter Goggins, Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madson, Bruce Dern, James Parks
Regie: Quentin Tarantino
Kamera: Robert Richardson
Drehbuch: Quentin Tarantino
Musik: Ennio Morricone
Produktion: Richard N. Gladstein, Shannon McIntosh, Stacey Sher
Ausführende Produktion: Georgia Kacandes, Bob Weinstein, Harvey Weinstein

Leave your response!

Add your comment below, or trackback from your own site. You can also subscribe to these comments via RSS.

Be nice. Keep it clean. Stay on topic. No spam.

You can use these tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar.