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AN EARLY CASCADE – Keine Lieder über Fußball!

29 April 2017 No Comment
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Selten gibt es deutsche Bands, die uneingeschränkt gute Musik machen und dann auch noch international kompatibel sind. Natürlich liegt die Qualität stets im Ohr des Zuhörers, aber AN EARLY CASCADE aus Stuttgart haben mit „Alteration“ ein Album aufgenommen, das handwerklich mit Größen wir THRICE, KARNIVOOL und Co. mithalten könnte. Wie gut wir die Platte finden, könnt Ihr hier nachlesen!

Ob die Band mit dem Album erwachsen geworden ist, ob der VfB Stuttgart besungen wird, wo die kreativen Vorbilder liegen und ob es zu viele Männer in Stuttgart gibt, hat uns Sänger Maik Czymara verraten.

triggerfish.de: Glückwunsch zu einem tollen zweiten Album! Ich durfte „Alteration“ bereits hören und bin begeistert. Seit der letzten EP ist einige Zeit vergangen. War die längere Songwritingphase geplant und seid ihr nun erleichtert, die Platte endlich fertig zu haben?

Maik Czymara: Danke für die Glückwünsche, das freut uns sehr, dass Alteration dich begeistert! Wir haben nach der Kairos EP zunächst viel gespielt und hatten einen Besetzungswechsel an der Gitarre. Für die Songs auf Alteration haben wir 6 Monate intensiv geschrieben. Unserem Gefühl nach nicht wirklich lange, was den Zeitraum angeht. Für vergangene Platten hatten wir teilweise 1-2 Jahre gebraucht. Das Besondere beim jetzigen Album ist, dass wir erstmals zusammen im Proberaum an den Songs in Sessions geschrieben haben. Das hat ein ganz anderes Gefühl als Band in uns hervorgerufen und uns musikalisch und emotional noch mehr zusammengeschweißt. Das hört man, wie wir finden. Am Ende hatten wir dann 20 Demos, daraus 15 fertige Songs und haben davon die für uns besten 12 fürs Album ausgewählt. Erleichtert würde ich den Effekt jetzt danach nicht nennen, eher vorfreudig – auf die fertige CD oder Vinyl die man später dann endlich in den Händen halten kann und auf Konzerte die wir mit den neuen Songs noch spielen werden.

Für die Mehrheit, die das Album noch nicht kennt; Was dürfen wir erwarten, welche Richtung verfolgen die Songs? Welchen Ideen waren euch zu Beginn des Songwritings wichtig und ist euch rückblickend die Umsetzung gelungen?

Alteration ist definitiv ein Album, das so noch in keinem Plattenregal stehen dürfte. Wir nehmen uns immer vor, nicht einfach nur über den Zeitstrahl gesehen „neue“ Lieder zu schreiben, sondern vielmehr eine wirklich weiterentwickelte Version von uns selbst zu schaffen. Das ist und war uns auch für Alteration wichtig. Es ist ein emotional tiefgreifendes und zugleich hartes Album. Ja fast schon so etwas wie Post-Emocore, falls es das geben sollte. Wenn nicht, erfinden wir das Genre hier jetzt einfach mal. Alteration hat aber dennoch, wenn man das so sagen darf, in wie von uns gewohnter Art und Weise kein Schubladenformat. So ist das Album aus unserer Sicht der beste Mix aus der Gegensätzlichkeit auf „Versus“ und der starken Progressivität und leichtem Pop-Appeal auf „Kairos“. Das war uns auch für das Songwriting wichtig, dass es sich immer noch nach uns anhört, und trotzdem anders ist. Wir sind sehr zufrieden was aus Alteration geworden ist. Das Album fängt, so finden wir, alles was wir als Band waren und geworden sind super ein.

Studio im Wald

Wo und mit wem habt ihr die Platte aufgenommen? Der Sound von „Alteration“ klingt sehr modern und international. Los Angeles, London oder Stuttgart – beim reinen Hörgenuss hätte ich es nicht sagen können.

Benny Hermann hat Alteration mit uns in den Château Studios – ein wunderschönes Studio auf einem Berg in einer ruhigen abgelegenen Schlossvilla – aufgenommen und produziert. Oben drein dachte sich Benny, dass er die Scheibe ja gleich wunderbar mixen und mastern könnte. Also hat er das auch gemacht. Der Kerl wohnt nicht nur im Wald (tut er wirklich), sondern ist auch noch ein richtiger Fuchs. Krass geiler Typ!

Textlich dominieren Themen um Identitätsfindung, Autonomie im eigenen Handeln und die Emanzipation von Fremdansprüchen. Seid ihr erwachsener geworden mit dieser Platte?

Ja kann man schon so sagen. Vielleicht würden wir es nicht unbedingt nur erwachsener nennen. Die Themen schüren aus Dingen die uns beschäftigen, aus ernstzunehmenden Problemen mit denen es sich auseinander zu setzen und Gefühlen die es zu verstehen gilt. Alles um einen verändert sich. Zeitweise mehr, manchmal auch weniger. Für uns hat sich im Laufe unserer Band und unseres Lebens so viel verändert. Vor allem das wollten wir mit Alteration verarbeiten und zum Ausdruck bringen.

Beeindruckender Gesang

In dem Track „Without You I Am Nothing“ singt ihr recht bedeutungsschwanger: „Your light is guiding me; Through the valley; And darkest streets; Your heat is driving me; On longest routes; Without you I am nothing“. Wer oder was ist hier gemeint? Eine spirituelle Macht? Eine Frau? Der VfB Stuttgart?

Alles drei zusammen. Der Song steht für diese eine Sache, ohne die du nicht kannst. Welche das ist, darfst du selbst entscheiden. Hoffentlich aber nicht nur der Fußball! haha

Dein Gesang ist beeindruckend anders im Vergleich zu den meisten Bands, die die Szene, in der ihr unterwegs seid, bevölkern. Kein reines Shouting und heiseres Gegrunze, sondern hoher Gesang mit einer großen dynamischen Spanne ist dein Ding. Wie bist du zum Singen gekommen, hast du eine klassische Ausbildung genossen und wie hast du deinen jetzigen Stil gefunden?

Das hört man gerne, vielen Dank! Ich singe in Bands seit ich 13 bin. Vom Punk-Rock, über Emo- und Metalcore bis hin zu Progressive Rock. Irgendwann 2009 hatte ich mir meine Stimme kaputt geschrien. Nach einigen Arztbesuchen und einem Krankenhausaufenthalt, hatte ich mich dazu entschlossen konsequent Vocal Coachings zu nehmen und an mir zu arbeiten. Das hat mich sehr dabei unterstützt und inspiriert die Musik und den jetzigen Stil so zu verfolgen und umsetzen zu können. Natürlich spielen musikalische Einflüsse dabei auch eine sehr große Rolle. Ich höre persönlich viel unterschiedliche Musik. Während der Kairos EP sehr viel Progressives. In letzter Zeit und vor Alteration wieder mehr in Richtung Rock, Alternative, elektronisches und Indie.

Der Sound von „Alteration“ ist recht vielseitig. Post-Hardcore, Pop, Prog, Alternative und Metal kann man herauslesen. Welche musikalische Sozialisation führt zu so einem Mix? Ich höre in der neuen Platte viel THRICE und KARNIVOOL heraus. Sind das auch Vorbilder für euch?

Wir alle in der Band haben eine gemeinsame musikalische Vergangenheit – fest verankert irgendwo zwischen Emo, Hardcore und Punk-Rock. Der Großteil von uns hat seine Jugend im Pit oder in den ersten Reihen bei Alexisonfire, Thursday, Underoath und natürlich auch Thrice verbracht. Das prägt. Heute hört jeder in der Band nahezu unterschiedliche Musik. Es ehrt uns natürlich sehr mit solch grandiosen Bands wie Thrice oder Karnivool, sagen wir mal, verglichen zu werden. Ich glaube aber, was uns am meisten auszeichnet, ist die Eigenständigkeit. Wir haben uns noch nie bewusst an anderen Bands orientiert oder gar versucht abzukupfern. Ebenso waren wir stets bestrebt uns selbst nicht zu kopieren, sondern viel mehr nie davor zurück zu schrecken uns neu zu erfinden oder herauszufordern. Sicher rührt daher am meisten die Vielseitigkeit, von der du sprichst.

Über das Musikbusiness

Das Album erscheint auf u.a. Midsummer Records, einem Label, das seit Jahren hochklassige Bands aus der Szene unterstützt. In Bezug auf Labels und Bookingagenturen geben Bands oft viel Selbstbestimmung ab und letztlich basiert alles auf Vertrauen, dass die Partner das eigene „Baby“ nicht vor die Wand fahren. Wie sind eure Erfahrungen mit der Musikindustrie? Gab es bittere Erfahrungen und wie geht man als Band heute seinen Weg?

Viele vergessen, dass es immer mit der Musik anfängt. Das muss man sich immer wieder bewusstmachen. Ich weiß nicht ob das schon immer so war, aber wir selbst verspüren, dass heutzutage alles schnell auf das „Funktionieren“ reduziert wird. Letztendlich musst du dich selbst fragen, ob du es machst, weil du es liebst und Bock hast, oder weil es „funktionieren“ muss. Wir haben, vor allem jetzt mit Alteration, sehr positive Erfahrungen gemacht. Mit Midsummer Records und Kick The Flame / Finetunes haben wir ganz wunderbare und herzliche Menschen gefunden, die hinter ihrer Arbeit stehen und das nur machen, wenn sie auch davon überzeugt sind. Das ist das Fundament allen Vertrauens. Wir könnten nicht happier sein, dass jetzt alles so toll gelaufen ist.

Ihr kommt aus Stuttgart. Und seid mit HEISSKALT verbandelt, die euch schon häufiger auf Tour mitgenommen haben. Wie ist die lokale Szene bei euch im Süden? Was ist gut und was schlecht? Wie kann man sich das Bandleben in Stuttgart in Bezug auf Kreativmacher, Publikum und Locations vorstellen?

Stuttgart ist an sich eine schöne Stadt. Nicht wirklich eine Großstadt, wie man es von Berlin, Hamburg oder Leipzig kennt. Man kann sich viele kleine Dörfer rings herum und ein großes Dorfzentrum im Tal (auch Kessel genannt) vorstellen. Eigentlich charmant. Leider aber zerstören Projekte wie S21 allen Charm und nicht zuletzt auch die Kultur. Viele tolle Clubs schließen oder wurden platt gemacht. Für Subkultur sieht das Land scheinbar wenig bis keine Relevanz. Zeitgleich bildet sich dadurch aber auch eine kleine Revolte was man bei den Konzerten spürt. Viele tolle, tolerante und musikhungrige Menschen. Deshalb spielen wir gerne zu Hause. Vor allem jetzt mit neuem Album im Gepäck gleich umso lieber!

Eine halbernste Frage zum Ende: Jüngst habe ich gelesen, Stuttgart hätte einen zunehmenden „Männerüberschuss“ zu verzeichnen. Eine Studie bzw. die Bevölkerungsstatistiken sagen, es würde heute fast jeder zweite Stadtbezirk von Männern dominiert. Merkt man das? Ist Stuttgart eine Männerstadt?

Wirklich? Wäre mir jetzt nicht aufgefallen. Aber ist doch toll! Dann haben Jungs und Mädels, je nach Orientierung, mehr Auswahl.

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