Home » Reviews, Tonträger

BILL PRITCHARD – Midland Lullabies

15 März 2019 No Comment
Share

Ende der Achtziger war Bill Prichtard laut britischer Musikpresse für einen kurzen Moment so etwas wie „Der neue Morrissey“. „Jolie“ brachte ihm 1991 mittelgroßen Ruhm, gerade in Japan, wo man dem englischen Pop her von je her sehr zugeneigt war. Was folgte, war eine wechselhafte Karriere als Singer/Songwriter und 2014 das Comeback bei der deutschen Plattenfirma Tapete.

Seit dem Deal mit den Hamburgern hat der Brite mit „Midland Lullabies“ nun bereits seine dritte Veröffentlichung in fünf Jahren am Start und es ist seine beste Platte! Das Ansinnen, reduziert und auf den Punkt zu produzieren sowie die Songs in den Vordergrund zu stellen, wurde hier von Tim Bradshaw bestens umgesetzt.

Die dreizehn Kompositionen changieren zwischen zurückhaltenden und gefühlvollen Klavier-Interpretationen, Streicher-Begleitungen und zupackendem Pop mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, wie ihn Pritchard mit seiner nasalen Stimme so unnachahmlich beherrscht.

Vom zarten Klavier-Einstieg mit „Iolanda“, über Streicher-Romantik bei „Lullaby“ bis hin zur kernigen Eurokritik („The Last Temptation Of Brussels“) durchzieht diese Scheibe der nostalgische Charme einer besseren Zeit. Diese hat auch schon die Mitte Großbritanniens mit Birmingham und seinen Kohleminen gesehen, die hier zum Thema der Platte gemacht wird.

Dazu kann man sich den gealterten Protagonisten als Crooner mit schäbigem Anzug vorstellen, der den Finger in die Wunde legt und lakonische Geschichten von schrulligen Existenzen erzählt („Tricksey“). „Garibaldi“ ist die perfekte Symbiose aus schwelgenden Streichern + Piano und „Grow“ dreht sich wie ein kruder Walzer während Pritchard „Age Really Suits You“ singt.

Die Songs zünden; jeder einzelne für sich. „Tuesday Morning“ atmet den Geist der Fab Four und gegen Ende wird es mit „Mother Town“ noch größer. Der 54-Jährige zählt die Orte seiner Heimatstadt auf und die Nostalgie ist mit Händen zu greifen. Bei „Forever“ zieht der Singer/Songwriter nochmal das Tempo an, nur um mit „Piano Sunstrokes“ extrem ruhig und reflektierend aus dieser gut halbstündigen Platte hinauszugeleiten.

Auf „Midland Lullabies“ hat alles seine Bedeutung. Kein Arrangement ist zu viel und alle Songs sind maximal als Dreiminüter konzipiert. Die Platte bietet britische Popmusik, wie sie heute nur noch recht selten von der Insel zu hören ist. Eine verführerische Nostalgie in Zeiten des Brexit und irgendwie auch eine Abschiedsplatte. Unbedingt reinhören!

Bewertung: 5,5 von 6
VÖ: 08.03.2019
Label: Tapete Records
Format: Vinyl / Download / CD

Tracklist:
1. Iolanda
2. Lullaby
3. The Last Temptation Of Brussels
4. Thanks
5. Tricksey
6. Lanterns
7. Piano Sunstrokes (Interlude)
8. Garibaldi
9. Grow
10. Tuesday Morning
11. Mother Town
12. Forever
13. Piano Sunstrokes (Outro)

Web: www.billpritchardmusic.com

Sascha Kilian

Letzte Artikel von Sascha Kilian (Alle anzeigen)

Share

Comments are closed.