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BLACKBERRIES – Disturbia

23 November 2018 No Comment
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Auf ihrem dritten Album gehen Blackberries aus Solingen weiter ihren Weg in die gleiche Richtung, die auch schon ihr Vorgänger „Greenwich Mean Time“ eingeschlagen hatte: Hin zu einer Musik, die psychedelische, experimentelle Jam-Band-Einflüsse und auch Krautrocklemente zulässt, aber die Songstruktur wahrt. Julian Müller, der als Kopf der Band fungiert, wollte diesmal auch eine andere Produktion als auf dem letzten Album. Der Sound ist versponnener, geheimnisvoller angelegt, was zulasten der Präsenz der Drums geht und stattdessen die Sologitarre und auch oftmals die Keyboards, neben dem Gesang, weit nach vorn in den Mix holt.

Das Album startet mit dem Titelsong. Die ersten Zeilen sind „There’s a wind risin‘ up to a storm, shakin‘ the trees creepin‘ through the dorm“. Und weiter geht es mit „All these fears and all these lies, they feed each other –  maybe they won’t die. What a disturbing sight, what a disturbing sight. I’ll take you for a ride through these disturbing sights”. Die Stimme von Müller ist in Hall gebettet und dieser Ritt durch die verstörenden Sehenswürdigkeiten spannt das Motto für die Platte: Es gibt etwas zu sehen hier und es mag Dich befremden. Aber die Platte heißt “Disturbia” und nicht “Distortionta” – sie wird Dich vielleicht etwas verunsichert zurück lassen, wenn Du Dich auf sie einlässt, aber sie wird Dir nicht weh tun.

Es folgt „Light A Fire“, durchaus beatlesk im 1967er Sinne. Der gefühlt kürzeste Song auf der Platte mit dem feinen Chorus „Light a fire for me when I’m gone. Watch the sparks fly high while you are young. Time will show if we will meet again. Keep in mind that I have loved you then.“ Starke Zeilen, auf den Punkt gebracht. „High Noon“ lullt den Zuhörer in eine psychedelische Siesta ein, „Snow White Tiger“ basiert auf einem groovigen Riff, das dann jedoch im Mix untergeht – stattdessen bringen sich Gesang und Gitarre in den Vordergrund. Da könnte sich der Konzertbesuch lohnen, der den Track live in einem anderen Soundverhältnis darbieten könnte.

Mit „Fonográf“ beschließt ein äußerst eingängiger Track die erste Seite der LP. Die Schreibweise stellt deutlich, dass hier durchaus der ungarischen Kultband gehuldigt wird, die zum Teil aus den Musikern der Band Illés besteht, die Müller überaus verehrt. Aber der Text nimmt schon Bezug auf die Erfindung des Phongraphen, jenes Vorläufers des Grammophons, der Töne auf eine Wachwalze aufzeichnete, von der diese dann wieder hörbar gemacht werden konnte. In diesem Kontext versetzt sich Müller in das 19. Jahrhundert, in dem es erstmals möglich war, die Stimme eines Menschen zu konservieren, so dass dessen Stimme auch noch nach seinem Ableben erlebt werden könnte.

Die zweite Seite beginnt mit „Sphinx I“, der ruhigeren der beiden Nummern, die ihre Verbindung über die fast-gemeinsame Zeile „(I’m) Like a sphinx in the sun you (I) don’t move“ haben. „Sphinx II“ ist deutlich rhythmischer, verbindet arabeske Motive mit einem pumpenden Beat und ist live wahrscheinlich ein besonderes Erlebnis. „Another Day Of Violence“ nimmt die einlullende Stimmung von „High Noon“ auf, aber haut textlich ziemlich rein. „I went to bed to ten people dead – One hundred when I woke“ sind die ersten Zeilen, schwer zu verstehen in einem Nebel aus Hall und Chören, aber treffend, wenn man sie mitliest. Zum Abschluss gibt „Beyond The Mountains“ aber wieder Hoffnung. Zu treibenden Beats singt Müller „We all come from different places, but each of us can see the sun. The different looks upon our faces should not divide us from being one“

Das Cover des Albums gruppiert 8 Symbole/Bilder um ein zentrales Symbol, das auch den Bandnamen und den Titel trägt. Bei manchen kann man recht schnell einen Bezug zu den Songs auf der Platte herstellen, bei anderen dauert es ein bisschen länger. Das (Mit-)Lesen der Texte gibt da konkrete Hilfestellung. Aber man muss aus „Disturbia“ kein Rätsel machen. Man kann die Platte auch einfach genießen. Und wer sich beeilt, kann vielleicht noch ein Exemplar in wunderbar anmutigem blauem Vinyl ergattern. Lohnt sich!

Bewertung: 5 von 6

VÖ: 23.11.18

http://www.blackberriesmusic.com/

Unique Records

Tracklist:

Seite A:

  1. Disturbia
  2. Light A Fire
  3. High Noon
  4. Snow White Tiger
  5. Fonográf

Seite B:

  1. Sphinx I
  2. Sphinx II
  3. Another Day Of Violence
  4. Beyond The Mountains

Jan Woelfer
Jan Woelfer

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