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BLUMFELD – 02.06.2018, Frankfurt, ZOOM

4 Juni 2018 No Comment
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“ Lass uns über Sex reden“

Es ist ein offenes Geheimnis; die Hamburger Schule war zu Beginn der 90s die Keimzelle für gitarrenlastigen Indie-Rock mit außergewöhnlichen deutschen Texten, welche in der Intensität nie mehr reproduziert werden konnte oder gar ein Äquivalent fand. Blumfeld, um Mastermind und Sänger Jochen Distelmeyer, waren sicherlich mit ihren tiefgehenden, verschlüsselten Lyrics und dem schroffen Klang der Anfangstage eine der prägendsten Bands des Genres.

Distelmeyer fand bereits 2007, nach 17 Jahren Bandgeschichte, dass alles gesagt sei, löste die Band auf und widmete sich fortan Soloprojekten und seinem Literatur-Debut „Otis“. Als man 2014 zum 20-jährigen Jubiläum des epochalen „L’état et moi“, in verstärkter Originalbesetzung, die Platte auf einer Tournee komplett aufführte, dachten alle Anhänger, dies sei die Rückkehr zum aktiven Bandleben.
Doch es dauerte weitere 3-4 Jahre, bis man sich entschloss, nach einer umjubelten Gesamtaufführung des Debuts „Ich-Machine“ im Dezember 2017 in Düsseldorf, im Jahr 2018 unter dem Tour-Motto „Love Riots Revue 2018“ nun in fast gänzlich ausverkauften Clubs bundesweit nochmal unter Beweis zu stellen, was der vorwiegend belanglosen deutschen Musiklandschaft gefehlt hatte: Textliche Tiefenschärfe bei gleichzeitiger Vertracktheit, Unbequemlichkeit und unbändige Lust am Spiel.

Denn auch 2018 herrscht in Deutschland wieder das Gefühl einer Spaltung in der Gesellschaft, die u.a. von rechtspopulistischen Strömungen verursacht wird. Das Ganze ähnelt der Zeit nach der Wende, als zu Beginn der 90s Deutschtümelei salonfähig war und es bräuchte heute mehr denn je, dringend ein künstlerisches Korrektiv mit Haltung, Hirn und Humor. Dieses findet sich aber leider nicht unter den von Jan Böhmermann so treffend persiflierten „Menschen-Leben-Tanzen-Welt-Künstlern“ der heutigen jungen Musikergeneration. Die Schroffheit, der Sarkasmus und die nackte Alltags-Verzweiflung der frühen Blumfeld Werke muten jetzt fast die eine Vorsehung an. Bei Blumfeld war das Politische immer auch privat und Distelmeyers lustvolles Spiel mit der inneren Zerrissenheit oft ein perfekter Spiegel für die Ambivalenz der Republik und ihrer Gesellschaft.

Das Kondenswasser tropft an diesem sommerlich heißen Frühlings-Samstag von der niedrigen Decke des schon lange ausverkauften Frankfurter ZOOM. Es ist eine mittelgroße Sensation, dass Blumfeld nach 4 Jahren Pause wieder aktiv sind und die Reviews der bisherigen Gigs verheißen Großes.

Vorab: Dieser Konzertabend wird wieder so ein Moment sein, an den man sich in Hessens Metropole ewig erinnern wird. Mit Distelmeyers Solo-Obskurität „Einfach so“ walzt die Blumfeld-Maschine los. Diese Maschine besteht 2018 aus dem Ur-Hamburger André Rattay, der immer noch den entschlacktesten Beat jenseits der Elbe spielt und Publikumsliebling Eike Bohlken, seines Zeichens promovierter, hauptberuflicher Dozent. Der spielt die wummernden Bassläufe genau dahin, wo sie das dicht gedrängte 40s-Something-Publikum fühlen kann, ist dabei völlig auf seine vier Saiten fokussiert und lächelt scheu ins Auditorium. Das Urtrio um Distelmeyer wird zu Beginn noch durch Daniel Florey an Keys und Gitarre verstärkt.

„Von der Unmöglichkeit „Nein“ zu sagen, ohne sich umzubringen“ und „Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder“ fegen wie ein Tornado durch das Zoom. Alleine die Titel der Songs stellen manchen schon vor Verständnisprobleme; sie in Kontext zu Indie-Rockmusik zu bringen ist eine wahre Kunst. „Wir sind politisch und sexuell anders denkend“ skandiert der Sänger selbstbewusst von der niedrigen Bühne. „Ich – wie es wirklich war“, vielleicht der wunderbarste unter vielen aus dem Frühwerk der Band, stürmt im Gitarren-Stakkato drängend voran, wie die seligen The Smiths zu Beginn ihrer Karriere und Dr. Eike Bohlkens Bass hüpft und springt dabei ausgelassen. Auch das tragisch-komische „Pickelface ist back in town“ und das halszuschnürende „Aus den Kriegstagebüchern“ zeigen, was diese Band zu Beginn ihrer Karriere ausmachte. Wer hat je danach wieder solche Texte in deutscher Sprache entwerfen können?

Mit Tobias Levin begrüßt man in der Mitte des Sets dann den Mann als Gast, der bei Blumfelds Hinwendung zum Sophisticated Pop Ende der 90s mit an der Gitarre war. „Eintragung ins Nichts“ und „Weil es Liebe ist“ kommen härter und muskulöser als in ihren jeweiligen Studioversionen. Nach weiteren essentiellen Stücken aus der Vergangenheit und dem laut mitgesungenen, brachialen Distelmeyer-Solostück „Wohin mit dem Hass?“ – aktuell wie nie – beschließt das folkige Mitsing-Manifest „Wir sind frei“ das reguläre Set. Es sollte an diesem Abend das einzige Stück aus den letzten beiden Platten „Jenseits von Jedem“ und „Verbotene Früchte“ bleiben, als sich die Band immer mehr dem Folk und der Natur-Lyrik zugewandt hatte was einige Langzeitfans verprellte.

Mit den alten Indie-Krachern „Draußen auf Kaution“ und „Superstarfighter“ beginnt der ausführliche Zugabeteil. „Diktatur der Angepassten“ von „Testament der Angst“ geißelt dann immer noch treffend eben jene Klientel, die sich dem Joch der Gleichförmigkeit unterwirft. Das Publikum ist bei den Temperaturen richtig aufgeheizt und verlangt nach mehr. Die Lust auf Distelmeyer und Co scheint unstillbar. Im engen Club ist die mentale und sehr physische Verbindung zwischen Band und Fans nahezu mit Händen zu greifen.

Distelmeyer läuft zur Hochform auf. Er wirft sich mit seiner Gitarre förmlich in die Songs, führt die Band und hält Plausch mit dem hessischen Publikum. Dabei ist er bei jedem Zwischenruf aufmerksam, will sein Publikum sehen und zeigt, dass er lernfähig ist in Sachen Lokalkolorit. Das hier ist keine abgeschmackte Altherren-Reunion zum „Cash-In“, nein – hier ist eine Band hungrig auf den eigenen Backkatalog und feiert ihn zusammen mit seinen Fans triumphal ab. Der Protagonist schwitzt, zieht das Sakko aus und wechselt Hemden. Lustvoll streut er immer wieder Referenzen und angedeutete Coverversionen ein (Blackbird, Take a bow). Der Blumfeld Sänger versprüht dabei immer noch diese androgyne Aura, den fast schon erotischen Charme und die unverbindliche Freundlichkeit, die so im Gegensatz zu seinen verschlüsselten und krassen Texten steht.

Bei „1.000 Tränen tief“ lässt sich Distelmeyer zur Zigarette und musikalischem Vollplayback völlig fallen, tanzt hingebungsvoll, strahlt Sex aus und fordert Sade-Vibes von den Zuschauern ein. Das Publikum liegt dem mittlerweile klatschnass verschwitzten Sänger zu Füßen. Die Single, welche 1999 so viele irritierte, als man im dazugehörigen Video Helmut Berger mit dem Sänger im Taxi sieht, ist mittlerweile ein Klassiker und Showstopper par excellence.

Es folgt „Verstärker“, jenes „Überstück“, das Ihnen zu Beginn der 90s mit dem dazugehörigen Clip die Tür zu MTV öffnete und das den Tanzboden des ZOOMS mit seinen geschickten Pausen und eigener Dynamik zum Kochen bringt. „Merkst du was ich merke, wie sich Mystery und Hysteria und History verstärken? Falls das nicht Liebe ist, wird es die Bombe beziehungsweise Kiste sein.“ Die Textzeilen zeigen wie geschickt Jochen Distelmeyer eigene Sprach-Dynamiken mit cleveren Zitaten aus Morrisseys Texten („Ask“) verband. Das resignativ-optimistische „Kommst du mit in den Alltag“ und das menschenfeindliche „Penismonolog“ drehen die überschäumende Stimmung noch etwas mehr gen Siedepunkt. Welch‘ ein Konzert!

Man müsse zum Schluss nun etwas runterkommen meint Distelmeyer, nach zahllosen Ab- sowie Aufgängen von der niedrigen Bühne und Bandvorstellung. Blumfeld offerieren zum krönenden und pointierten Abschluss das introvertierte Titelstück ihres 99er Albums „Old Nobody“. Dieser Abend wird allen Beteiligten ewig in Erinnerung bleiben und man kann nur hoffen, dass Blumfeld nun als Band wieder den aktiven Dienst außerhalb der Diktatur der Angepassten antritt. Word!

Special Thanks to S. Garbs-Bähr for the Input

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