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BOTSCHAFT – Musik verändert nichts

25 Februar 2019 No Comment
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Die alte Binsenweisheit, deutsche Texte müsse man laut schreien oder brüllen wird durch das Longplayer Debut von Botschaft ausgehebelt. Bereits die beiden 7“ Singles auf dem feinen Augsburger Label „Kleine Untergrund Schallplatten“ ließen aufhorchen. Die sanfte Stimme von Sänger Malte Thran umgarnte dort sanft den Jangle des eingängigen Gitarrenpops.

Und so schafft es die Band aus Hamburg auch auf Albumlänge, bei insgesamt 10 Tracks, einen tollen Flow hinzulegen. Die Parameter sind geschmeidig. Yacht Pop und drei Gitarristen, die es schaffen musikalisch an die besten Momente von 80s UK-Gitarrenbands wie The Smiths oder Pale Fountains zu erinnern.

Das relativ junge Quintett, das aber auch erfahrene Musiker wie Bassist Peter Tiedecken (Ex-Robocop Kraus) umfasst, schafft es die volle Aufmerksamkeit des geneigten Musikfreunds auf sich zu ziehen. „Treptower Park“ als punktgenaue Berlin-Beobachtung des dort wohnenden Sängers und „Schöne Idee“ sind sonniger Pop, der uns anstrahlt, wie von einem verblichenen Polaroid-Foto aus den 80s.

„Sozialisiert in der BRD“ und „Hinter dem Haus“ sind Eskapismus in andere Zeiten. Geliebte Jugenderinnerungen und der elterliche Haushalt erscheinen nostalgisch am weiten Horizont. „Atom“ befasst sich textlich geschickt mit dem was alles und jeden zusammenhält. Eine Metaebene, die sich auch perfekt im Covermotiv der Platte wiederfindet.

Dieser Tiefgang, der Lust an Utopien („Herrschaftsfrei“) und die wage Ähnlichkeiten in der Ästhetik zu deutschsprachigen Bands der 00er Jahre wie z.B. den frühen Kante oder Tele, sorgen für ein hohes Maß an Integrität beim Zuhören. Man habe viel Joni Mitchell und Steely Dan bei den Aufnahmen zu „Musik verändert nichts“ gehört. Dies und der alte Neil Young Slogan „It’s All One Song, You Know?“ lassen die ganze Platte wie aus einem Guss erscheinen.

Nie drängt sich die Gitarrenfraktion muckerhaft nach vorne. Das Gitarrensolo auf „Atom“ ist purer Soft Rock wie man ihn z.B. von Christopher Cross einst serviert bekam. „Daseinszweck“ drängelt im aufgekratzten Uptempo nach vorne, als wäre es eigentlich auf „The Queen Is Dead“ beheimatet. Der Bass auf der starken Debutsingle „Niederlage“ hüpft quirlig und die Akkordfolge in der Bridge ist „Pure 80s“ genauso wie die Keyboards beim Schlussstück „Trotzdem“.

Der Fatalismus im Albumtitel wird eigentlich schon durch den Inhalt der Platte selbst konterkariert. Alles hat seinen Platz/Bedeutung und fügt sich homogen und stilvoll zu einer Einheit. Eine der besten Platten des noch frühen Jahre 2019, welche die Tür zum nahenden Frühling weit aufstößt. Jetzt Botschaft verbreiten!

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 08.02.2019
Label: tapete records
Format: CD/LP/Digital

Tracklist:
1. Schöne Idee
2. Treptower Park
3. Hinter dem Haus
4. Zwischen den Jahren
5. Herrschaftsfrei
6. Atom
7. Niederlage
8. Daseinszweck
9. Sozialisiert in der BRD
10. Trotzdem

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