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BRAUNKOHLEBAGGER – Abbruch (EP)

10 August 2018 No Comment
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Auf ihrer EP „Abbruch“ bieten BRAUNKOHLEBAGGER aus Essen wütende 20 Minuten Musik, erfrischend eingängige Krachnummern und viel Energie. Die Ruhrgebietsband haut damit ein vielversprechendes Debüt in die nationale Punk-Szene, das vor allem durch kluges Songwriting und messerscharfe Texte besticht. In der jungen Band sind keine Anfänger am Werk. Die Presseinfo der Combo verrät, dass sich die Ende 2017 formierte Kapelle aus Mitgliedern von DECEMBER YOUTH, LEITKEGEL und DEPART zusammensetzt. Allesamt Bands, die sich in ihren Nischen ein wenig Ruhm erspielt haben und schon länger durch die Autonomen Zentren und Clubs Europas ziehen. Nun also eine neue Band, die viel zu sagen hat.

Zum Glück merkt man nur Ansätze der genannten Ursprünge und hat keine reine Kopie-Sammlung auf dem Ohr. Die Baggerbrüder wollen sich nach eigener Aussage musikalisch ausprobieren und gezielt aus der Komfortzone bewegen. So haben sich u.a. DECEMBER-YOUTH-Gitarrist David Mellen und LEITKEGELs Drummer Hendrik Rathmann an Instrumente fernab der eigentlichen Bestimmung gewagt. Der Instrumententausch ist geglückt.

Instrumentale Mängel findet man auf „Abbruch“ nicht. Die fünf Tracks sind angesichts des technisch dargebotenen kein klassischer Punk. Alleine das Prog-Bassspiel von Stefan Paar erinnert mehr an KARNIVOOL als an LOVE A oder die RAMONES. Symphonisch angehaucht ist auch das Gitarrenspiel, nicht zuletzt weil einer der beiden Gitarristen, Felix Buhlert, nebenbei in der Jazz- und Bigband-Szene aktiv ist. So darf der Punkhörer sogar ein Gitarrensolo in bester Metalshred-Manier beim Track „Herz“ erleben, nur um dann im Endpart einem Frauenchor zu lauschen. Was eine ausladende Mischung. Das macht man wohl so im Ruhrgebiet. Angst vor dem Neuen haben BRAUNKOHLEBAGGER auf jeden Fall nicht. Wie gesagt, man will raus aus der Komfortzone!

Die Lyrics fallen ebenfalls positiv auf. Mit viel Erinnerungswert schreit-singt-spricht Daniel Schnaithmann durch die Soundwand aus Zerre, Delays und Chören. Wo schon bei LEITKEGEL treffende Introspektion und viel Talent zu klaren Aussagen mit Witz und Hirn zugleich vorherrschte, vermisst man auch bei BRAUNKOHLEBAGGER nichts an lyrischer Qualität. Es wird wütend die nagende Eifersucht („Herz“) besungen, während Riffs im guten alten HELMET-Stil stampfen. In „Wochenende“ darf man einer sehr verrückten und auch bedrückenden Geschichte aus der Sicht eines gescheiterten Bankräubers bzw. Mörders beiwohnen. Laut Presseinfo handelt es sich um eine freie Interpretation des Geiseldramas von Gladbeck. Da hat sich die Band passend zum dreißigsten Jahrestag einem sehr dunklen und bizarren Moment der bundesdeutschen Geschichte angenähert.

Der Opener „Endlosschleife“ kotzt sich über Konsum und Doppelmoral aus. Sehr aktuell – das gefällt! Und zum Schluss der kurzen EP wird es dann noch epischer und man bekommt als Hörer etwas unerwartet Großes zu hören. „Zeichen“ wartet mit apokalyptischen Texten, sehr dynamischem Songwriting und einem bombastischen Orchesterende in BIFFY CLYRO-Manier auf, sodass man sich fragen mag, woher die junge Band solche Sounds hernehmen konnte. Halleluja! Absoluter Hörtipp und Achtung mit den Kopfhörern, wenn zum Ende ein Subbass nicht nur den Song aufsaugt, sondern auch das Trommelfell umwälzt.

Fazit: Die EP ist kurz, wirkt aber in ihrer Vielschichtigkeit, Dynamik, Ausdrucksstärke und Wucht viel größer. Wer es als Band schafft, auf der Länge von fünf Liedern die stimmige Grätsche zwischen zig Genres zu wagen, der hat schon einiges bewiesen. Auch weisen BRAUNKOHLEBAGGER schon zu diesem frühen Zeitpunkt einen eigenen Sound auf, der nicht so leicht einzusortieren ist und hängen bleibt. Wir sind gespannt auf den kommenden Output und empfehlen „Abbruch“ eine Chance zu geben!

Die EP ist im Eigenvertrieb auf der Bandcamp-Seite von BRAUNKOHLEBAGGER erschienen
(Hier geht es zur Seite). 

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 10.08.2018
Label:
Format: Digital
Site: facebook.com/braunkohlebaggeristgut

Tracklist:
1. Endlosschleife
2. Ameisenhaufen
3. Herz
4. Wochenende
5. Zeichen

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