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BRYAN FERRY & HIS ORCHESTRA – Bitter-Sweet

3 Dezember 2018 No Comment
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Man konnte es ja fast schon vorausahnen. Die radebrechenden Zeilen „Nein, das ist nicht das Ende der Welt“ aus Bryan Ferrys Gastauftritt im Tanztempel „Moka Efti“ im Rahmen der Fernsehserie „Babylon Berlin“, war nicht das letzte Wort in Sachen Umdeutung seines Backkataloges in den Swing, Jazz und Ragtime der „Goldenen Zwanziger“.

So bittersüß wie er dort eben „Bitter-Sweet“ im Stil von Weils Dreigroschenoper interpretiert, ließen sich doch viele von Ferrys und Roxy Musics dekadent-opulenten Popperlen im momentan angesagten Stil der „Roaring 20s“ neu arrangieren. Auch „Alphaville“, der Opener des neuen Longplayers von „Bryan Ferry & His Orchestra“, schlägt in die Weil-Kerbe. Die Pianoanschläge sind hier vertraut und verheißungsvoll zugleich.

Die reine Instrumentalplatte „The Jazz Age“ hatte ihm und seinem Orchester bereits 2012 den Respekt der Musikpresse eingebracht. Das Vorhaben geht jetzt im Jahr 2018 noch einen Schritt weiter und vereint dreizehn bekannte Stücke – darunter acht mit Ferrys Gesang – mit der musikalischen Aufbruchsstimmung nach dem ersten Weltkrieg, als u.a. die Keimzelle des Jazz freigelegt wurde.

Die Songauswahl ist illuster und umfasst neben einigen ausgewählten Roxy Music Stücken (sehr überzeugend: „Bitters End“ vom Roxy-Debut) genauso auch Songs von seinem formidablen „Olympia“ Comeback-Album aus dem Jahr 2010. Frühe Solostücke aus den späten 70s sind ebenso vertreten wie auch drei (!) Lieder von Ferrys ambivalenten 87er Output Bête Noire. Das schwitzig-schwüle „Limbo“ passt hier z.B. bestens ins Bild.

Es ist ein schieres Vergnügen „Sign O‘ The Times“ oder die Manifesto-Perle „Dance Away“ in beschwingten Instrumentalversionen zu hören, die Ferrys Gesang gar nicht vermissen lassen. Man kann sich dabei fast bildlich in die Atmosphäre des Berliner „Tacheles-Clubs“ oder des „Chamäleons“ versetzen, als die Metropole an der Spree boomte und Tanzorchester aus aller Welt in ihre Clubs und Etablissements zog. Die Weimarer Republik, ein Tanz auf der Rasierklinge, der im Verhängnis endete. Das alles passt perfekt zur Kunsthaftigkeit in der Musik des ewig dandyhaften Salonlöwens und Dinnerjacket-Trägers Bryan Ferry. Eine faszinierende Symbiose, die hier durch das Orchester dekadent und formvollendet veredelt wird.

Ferrys Megahit „Boys & Girls“, der ihn 1984 zum Solostar machte, ist nur Mitläufer und reiht dich in das homogene Gesamtbild ein. Besonders das Olympia-Stück „Reason Or Rhyme“ gewinnt durch die Neuinterpretation an Ausdrucksstärke. Das Sousaphon und Tuba gesellen sich ganz im Orchester-Rhythmus zum gestrichenen Schlagzeug und dem Anachronismus wird Modernität verliehen.

Der 73-jährige Ferry hat durch die Inspiration durch die hedonistische Welt von „Babylon Berlin“ im Herbst seiner Karriere ein wahnsinnig aufregendes Album an den Start gebracht, in dem sich viele, in einer aktuellen Welt, welcher der von damals zu ähneln scheint, wiederfinden können. In den erhellenden Liner Notes von Musikprofessor Simon Morrison können Interessierte nochmal tiefergehend die Einflüsse und Vorbilder jener Epoche beleuchten. Prädikat: Unbedingt empfehlenswert!

Bewertung: 6 von 6
VÖ: 30.11.2018
http://www.bryanferry.com
Label: BMG / ADA
Format: CD / Digital / Vinyl

BRYAN FERRY & HIS ORCHESTRA Tracklist:
1. Alphaville
2. Reason Or Rhyme
3. Sign Of The Times
4. New Town
5. Limbo
6. Bitter-Sweet
7. Dance Away
8. Zamba
9. Sea Breezes
10. While My Heart Is Still Beating
11. Bitters End
12. Chance Meeting
13. Boys And Girls

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