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CARAVAN – 26.04.19, Das Rind, Rüsselsheim

7 Mai 2019 No Comment
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Schön mal wieder in Rüsselsheim aka Motor City zu sein. Das Rind ist ein alt eingesessener Live-Club im Kreis Groß-Gerau, der verkehrstechnisch günstig gelegen zwischen Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt liegt. Unter anderen sah ich dort einst in den 90ern Captain Sensible’s Punk Floyd mit Paul Gray (ex-The Damned, UFO, Eddie & the Hot Rods) vor einer unerklärlicherweise spärlichen Kulisse. Der Club kam mir damals sehr groß vor, nun nach gefühlt 25 Jahren kommt mir das Rind, malerisch am Main gelegen, eher klein denn vor denn es ist an diesem Frühlingsfreitagabend ausverkauft und so bleibt uns nur ein Stehplatz in der Nähe des Getränkestandes übrig.

Anlass ist die 50th Anniversary Tour der englischen Progressive Rocker Caravan, die ein paar ausgewählte Konzerte in Deutschland geben. Wem der Name Caravan nichts sagt, dem sei eine aus Canterbury, Kent, stammende in Progressive Rock-Kreisen angesehene Band empfohlen, die der selben Szene wie Soft Machine, Wilde Flowers, Egg, Matching Mole und Hatfield and the North, Gong und Henry Cow entsprang. Was alle diese Bands verband, war ein weit über den Rock hinausgehender Ansatz, der englischen Folkrock, Jazzrock und bisweilen bizarre, humoristische Texte vereinte. Dass die Gruppen untereinander einen regen personellen Austausch betrieben und nicht gerade den Massengeschmack bedienten, sei hier noch am Rande erwähnt.

Wer erwartet hat, dass hier ein paar Rentner sich ein paar Euro vor dem Brexit verdienen wollen, wird vom Gegenteil enttäuscht – denn die Truppe um Urgestein und Sänger / Gitarristen Pye Hastings zeigt sich als ein wahres Powerhouse-Quintett, das vor Spielfreude nur so strotzt und einen sehr kompakten Gruppensound präsentiert.

Die ersten 3 Stücke kommen in einem Fluss sehr rockig daher und stammen alle vom 1973er Album „For Girls Who Grow Plump in the Night“ (alleine für den Titel sollte es eine Auszeichnung geben).

Danach wird es ruhiger und „And I Wish I Were Stoned“ stellt den typisch englischen Humor unter Beweis, Multiinstrumentalist Geoffrey Richardson (ex-Penguin Cafe Orchestra, Kevin Ayers, Murray Head – Viola, Flöte, Lead Gitarre, Percussion) kommuniziert ausgiebig mit dem Publikum.

„Golfgirl“ ist einer der „Hits“ der Gruppe, den sie seinerzeit 1971 im Beat-Club spielten und zu dem Geoff Richardson ein grandioses Löffel-Solo spielt und sich mit Drummer Mark Walker am Waschbrett ein Duell gibt.

Nach einem brandneuen Lied, „Better days are gone“, folgt das von Richardson als „Caravans einzigen Hit“ vorgestellte eingängige „If I could do it all over again, I’d do it all over you“ bei dem in selbstironischer Weise hinzufügt, dass er sich natürlich erst NACH dem Hit der Gruppe anschloss. Dieser Titelsong ihres zweiten Albums hat einen eingängigen, Mantra-mäßigen „Who do you think you are“ Hintergrundgesang.

Die Stimmung steigt unaufhörlich und das Publikum pusht die Band mit frenetischem Applaus nach Soli, die nicht ausufern, sondern stets innerhalb des Songkontextes stehen.

Stilistisch ist die Band schwer einzuordnen, so regiert Fusion-Jazzrock mit wenig Gesang und Doom-Riffs gefolgt von einem einfachen Garagenrocker mit „Louie Louie“-ähnlichem Riff.

Alle Musiker zeigen sich in bester Spiellaune und treiben ihren Schabernack auf der Bühne, so spielt Richardson während eines Solos eine Cowbell („… we need more cowbell!“) und hält diese direkt an das Ohr von Pye Hastings – dieser quittiert das mit einem breiten Grinsen. Die Mitglieder von Caravan sind Freunde und stehen musikalisch im Hier und Jetzt und betreiben keine nostalgische Oldie-Rückschau.

Wie die Geschichte der Band und die häufigen Lineup-Wechsel zeigen, sind sie hippiemässig unterwegs und spielen mit vielen anderen Musiker in wechselnden Formationen zusammen. Wie eine Familie mit vielen Mitgliedern üblich, reißt der Kontakt untereinander nicht ab – so erfahren wir, dass Richard Sinclair aktuell auf einer japanischen Insel weilt. Pye Hastings singt eine wunderschöne Ballade („Farewell my old friend“) für den verstorbenen Langzeit-Schlagzeuger und „true friend“ Richard Coughlan: „… take a moment to brush away your tears… so farewell my old friend.“ Die Einschläge kommen näher und so wird es vielleicht das letzte Mal sein, dass wir diese Ausnahmeformation in ihrem 51. Jahr live erleben können. Das älteste Mitglied, Jim Leverton, Jahrgang 1946, spielte bereits mit Fat Mattress, Juicy Lucy, Savoy Brown, Henry McCullough, Steve Marriott, Ronnie Lane, Bloodwyn Pig, Rory Gallagher – alles 1a-Referenzen der britischen Rock-Szene (bis auf einen „Job für Engelbert Humperdinck“, wie Jim lachend hinzufügt).

Der Junior der Band ist Mark Walker, ein Power-Drummer / -Percussionist und Spaßvogel par excellence, der mit seinem Rock-Einflüssen die Gruppe nach vorne peitscht, aber genauso die leisen Töne beherrscht. Er ist ein würdiger Ersatz für Richard Coughlan.

Dass die Band neben ihrem Mix aus Jazz / Fusionrock / typischem britischen Folkrock auch eingängige Popsongs mit Ohrwurm-Charakter beherrscht, zeigt „Song for Kathy“ – Pye Hastings Lied für seine Ehefrau Kathy, die den Merchandisestand an dem Abend betreut („I’ll be there for you“). Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Caravan eine ähnlich kommerzielle Richtung wie Ihre Kollegen Genesis hätte einschlagen können, aber das Schicksal wollte es anders. So verwundert es nicht, wenn Pye Hastings Caravan nicht als „Progress Rock“, sondern als „Caravan-Musik“ stilistisch einordnet. Konsequent spielt er auch Rhythmus-Gitarre und ein Gitarrensolo wird man auch nicht von ihm hören. Er hat schon genug damit zu tun die „tricky“ Akkorde zu spielen.

Keyboarder Jan Schelhaas ist trotz seines deutschen / niederländischen Nachnamens ein waschechter Engländer aus Liverpool, spielte bereits für Camel, Thin Lizzy, Gary Moore und ist ein Progressive Rock-Kreise angesehener Solokünstler. Sein Spiel in Rüsselheim kann ich auch nur mit dem Prädikat Weltklasse versehen, setzte er leise atmosphärische Akzente und brachte wiederum mit seinem funky, R&B-lastigen Spiel wieder Schwung in die Musik.

Der grandiose Abschluss erfolgt mit dem kultigen „Nine Feet Underground“, das sich 1971 auf dem Kultalbum „In the Land of Grey and Pink“ über schlappe 22 Minuten erstreckte und hier nochmals der Band alles abverlangte.

Nach einer standing Ovation gibt es noch eine Zugabe mit „Run run away“ bevor ein gelungener Konzertabend nach 2 Stunden zu Ende geht. Weniger ist mehr.

Ein hauptsächlich männliches Publikum mit Altersdurchschnitt 60+ zeigt sich dankbar und freut sich die Gruppe noch einmal live zu sehen, bevor sie in Rockerrente gehen.
Rock on Caravan.

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