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CREED – ROCKY’S LEGACY

12 Januar 2016 No Comment
Creed Rocky's Legacy Poster

© Warner Bros

Rocky Balboa ist wieder da, um selbst erwachsene Männer all die schönen Gefühle fühlen zu lassen und ihnen Tränen in die Augen zu treiben. Zwar agiert er in der Quasi-Fortsetzung der „Rocky“-Saga „Creed“ nur in einer Nebenrolle, dennoch hat er kaum von seinem rauen Charisma und Straßen-Charme eingebüßt.

Kaum eine Sportfilmreihe ist so vom Zeitgeist und gleichzeitig von der Karriere ihres Hauptdarstellers geprägt wie die Rocky-Serie: War die erste Episode noch eine klassische Underdog-Story, beschrieb Teil 2 einen Star, Schauspieler und Boxer, der mit seinem neu gefundenen Ruhm klarkommen musste. Teil 3 war eine muskulöse Macho-Show mit einem grandiosen Titelsong und Teil 4 erteilte eine naive Kampfansage gegen den Kalten Krieg. Mit Teil 5 versuchte Stallone schon einmal die Fackel weiter zu reichen, mit wenig Erfolg. Mit Teil 6 wollte es der alternde Darsteller noch einmal wissen, und mit einem mitreißenden letzten Kapitel der Saga einen würdigen Abschluss verleihen.

Adonis Creed und Rocky Balboa

Rocky Balboa (Sylvester Stallone r.) muss erst noch vom Kampfgeist von Adonis Creed (Michael B. Jordan) überzeugt werden © Warner Bros

Und nun? Wie kann man die Rückkehr dieser ikonischen Rolle, die seinen Star einst zum Durchbruch verhalf, einordnen? Kann der Actionheld einfach nicht loslassen? Handelt es sich um einen weiteren Versuch des Hollywood-Studiosystems, den Zuschauer mit einem vertrauten Franchise zur Kasse zu bitten? Vielleicht trifft dies alles zu. Vor allem aber symbolisiert „Creed“ einen Paradigmenwechsel in Hollywood: Die immer lauter werdende Stimme einer afroamerikanischen Bevölkerungsschicht, die sich in der Form von Produzenten, Darstellern, Drehbuchautoren und Regisseuren einen Weg nach Hollywood bahnt.

Es also nicht verwunderlich, dass Regisseur und Autor des mitreißenden Rassendramas „Fruitvale Station“ Ryan Coogler die Figur in einer kleineren Rolle wieder hervorholt und von einer neuen Perspektive beleuchtet, gleichzeitig aber den jungen Darsteller Michael B. Jordan in der Rolle des Adonis Creed, unehelicher Sohn des verstorbenen Schwergewichtschampions Apollo Creed, in den Vordergrund stellt. Dennoch kann man nicht behaupten, dass Stallones Platznahme auf den Beifahrersitz eine Degradierung darstellt. Vielmehr ist diese Inkarnation des beliebten Boxers eine seiner besten Darsteller-Leistungen und könnte ihm in naher Zukunft eine Oscar-Nominierung und sogar die Goldene Statue selbst einbringen. Sein Spiel ist angenehm zurückhaltend, sanft, melancholisch, mit lakonischen Humor unterfüttert, aber auch geschlagen von den Zeichen der Zeit – Wie ein herzensguter Onkel, den man lange nicht mehr gesehen hat.

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Bereit für den Kampf: Rocky Balboa und Adonis Creed © Warner Bros

Nicht überraschend, dass ihn sein neuer Schützling und Boxschüler Adonis (Michael B. Jordan) einfach nur „Onk“ nennt. Dieser gibt seinen hoch bezahlten Investmentjob in Los Angeles auf, verlässt das wohlige Zuhause, dass ihn seine Ziehmutter Mary Anne Creed (Phylicia Rashad), die Witwe von Apollo, geschaffen hat und macht sich auf den Weg nach Philadelphia, wo Rocky Balboa (Silvester Stallone) ein gemütliches, italienisches Restaurant führt. Der Boxer im Ruhestand ziert sich zunächst, den aufstrebenden Schwergewichtler Adonis auszubilden, schafft es allerdings auch nicht lange, den Gong des Boxringes zu widerstehen. Schon einige Zeit und ein paar Trainingsmontagen später schafft er es, Adonis für seinen ersten spektakulären Boxkampf bereit zu machen.

„Creed“ folgt dem altbewährten Templet des Box-Filmes, welches Stallone, welcher dem Regisseur Coogler zunächst eine Absage erteilte, vor 40 Jahren etablierte. Dennoch dürfte es nicht schwer fallen, mit diesen Figuren mitzufiebern: Auch Creed beginnt seine Box-Karriere als Underdog, auch wenn er von einer viel privilegierteren Position aus startet. Seine Suche ist nicht die nach Reichtum, sondern die Suche eines Ausgestoßenen und Verlassenen nach seiner eigenen Identität. Gleichzeitig versucht er, aus dem übergroßen Schatten seines Vaters zu treten.

„Creed“ befindet sich also in einem stetigen Kampf mit sich selbst, welcher dank seines Hauptdarstellers Michael B. Jordan stets glaubhaft und mitreißend bleibt. Zwischen ihm und Stallone baut sich eine stimmige, dramatische, teils sogar witzige Chemie auf, die unter diversen anderen Jung und Alt – Duos ihresgleichen sucht. Die aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Creed und der Musikerin Bianca (die talentierte Newcomerin Tessa Thompson) hätte weitaus generischer und kitschiger ausfallen können, hält sich aber zurück und fügt sich organisch in den Plot ein.

Adonis Creed verliebt in Bianca (Tessa Thompson)

Neben anstrengendem Training muss auch Zeit für die Liebe sein: Adonis mit Bianca (Tessa Thompson) © Warner Bros

Sicherlich ist die Geschichte nicht besonders neu, und schon unlängst wurde der Begriff „Legacyquel“ (eine Wortmischung aus „Legacy“ und „Sequel“) in amerikanischen Kritikerkreisen gebildet, um diese Art von Franchise-Fortführung zu beschreiben. Ein Begriff, der schon auf die letzte „Star Wars“-Fortsetzung angewendet wurde. Hier geht es nicht unbedingt darum, etwas völlig Neuartiges zu entwickeln, sondern Gefühle und Stimmungen, die ein Klassiker vermittelte, wieder aufzunehmen und in einen neuen Kontext zu verpflanzen. Dankbarerweise bleibt „Creed“ jedoch seine eigene Geschichte.

Auch auf technischer Ebene stellt das Boxer-Drama eine beeindruckende Leistung dar. Regisseur Coogler gibt den Straßen Philadelphias ihren alten, dreckigen, aber auch vertrauten Charme zurück. Insbesondere imponieren jedoch die Kämpfe selbst: Eine dynamische Kamera von Maryse Alberti, die den Zuschauer direkt ins Geschehen eintauchen lässt; Kämpfe, die in langen Tracking Shots, ohne jeglichen Schnitt oder energiegeladenen Schnitten von Claudia Castello und Michael P. Shower inszeniert werden, ohne dem Publikum aber den Überblick über das Geschehen zu nehmen.  „Creed“ vermittelt damit einen emotionalen Rausch, der mittlerweile selten von Boxfilmen hervorgekitzelt wird und bei echten Boxkämpfen sowieso nicht.

Creed und Rocky Balboa im Training

Die vertrauten Trainingsmontagen lösen beim Zuschauer Gänsehaut aus © Warner Bros

In erster Linie bleibt Creed allerdings eine emotionale Achterbahnfahrt, die dank seinen tollen Darstellern, seinen erprobten Erzählformen und dem musikalischen Score von Ludwig Göransson, welcher dem Original genug Reminiszenz zollt, aber dennoch seine eigenen Klang findet, gefangen nimmt.

CREED – ROCKY’S LEGACY

Bewertung: 6 von 6
Starttermin: 14.01.2016
Darsteller: Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashad, Andre Ward, Tony Bellew, Ritchie Coster
Regie: Ryan Coogler
Kamera: Maryse Alberti
Drehbuch: Ryan Coogler, Aaron Covington
Musik: Ludwig Göransson
Produktion: Robert Chartoff, William Chartoff, Sylvester Stallone, Kevin King Templeton, Charles Winkler, David Winkler, Irwin Winkler
Ausführende Produktion: Richard Brener, Nicolas Stern

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