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DIE HEITERKEIT – Was passiert ist

1 März 2019 No Comment
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„Ich bin zwar aus Stein, doch dafür ganz weich. Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick“ singt Stella Sommer mit verführerisch herber Stimme in „Die Linie im Sand“. Zwei kleine Sätze, die viel über die Alchemie der Protagonistin und dem Phänomen Ihrer Band Die Heiterkeit aussagen. Auch auf Album Nr. 4 schreitet die Selbstmystifizierung der Wahlberlinerin voran, lotet sie ihre Manierismen noch weiter aus und zeigt sich auch musikalisch als gewachsene Künstlerin.

Das Doppelalbum „Pop & Tod 1 & 2“ war 2016 das große Opus Magnum und der Befreiungsschlag vom spröden aber charmanten Schrammelpop der ersten beiden Alben seit Bandgründung 2010. Konnte dieser Geniestreich von der Zuhörerschaft auch tatsächlich als Bandalbum mit mehrstimmigem Gesang und „Wir-Gefühl-Optik“ in den dazugehörigen Videos wahrgenommen werden, herrscht auf „Was passiert ist“ nun einzig und allein „Bella Stella“ unter großer Mithilfe von Stammproduzent und Band Intimus Moses Schneider.

Dieser bringt auch gleich noch ein paar feine Vibes, Ticks und Breaks von seiner ersten Liebe Tocotronic mit, die nicht nur zu Beginn beim Titelsong für hohen Wiedererkennungswert sorgen. So durchschlagskräftig, catchy und auf den Punkt, klang Die Heiterkeit selten zuvor. Mächtige Keyboards sowie Vintage-Synthesizer, teilweise wuchtige Beats (Schlagzeug Philipp Wulff) und eine raumgreifende Gesamtatmosphäre beherrschen den „Wall Of Sound“ dieser Platte.

Mit dem gewonnenen Selbstverständnis ihrer gelungenen Soloplatte vom letzten Jahr, bietet Stella Sommer, im weiteren Verlauf, auf der neuen Scheibe musikalisch eine noch breitere Palette an. Von Musical Melodien („Im Fluss“) über John Carpenter Soundscapes mit dunklen Grüßen der frühen Human League („Das Wort“, „Dieses Mädchen“), letzteres fast schon mit wagnerianischer Gesangsdarbietung, bis hin zu entwaffnend schönen Klavier-Skizzen („Ich sehe dich am liebsten“) inklusive augenzwinkerndem Zeitgeist („Ich sehe dich am liebsten als Bild auf Instagram“), emanzipiert sich die Heiterkeit weiter von ihren schroffen Trio-Anfängen.

Man nimmt ihr bei der zweiten Vorabsingle „Wie finden wir uns“ auch problemlos die Bezüge zu Nino de Angelo und Drafi Deutscher in Musik und Wort („Diesseits von diesem, jenseits von jedem“) ab. Sie paart es im dazugehörigen Video mit dystopischen Bildern einer griechischen Insel, sich und ihrem Pferd: Romantik a la Stella Sommer.

Der dritte Vorabtrack „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“ ist „Classic Heiterkeit“. Stellas Phrasierung und das Hoch- und Runtergehen mit der Stimme heben die schlichte aber eingängige Gitarrenfigur in wunderbare Höhen. „Du, du bist ein Faden, den ich zwischen meine Finger spann“ flüstert sie dem Zuhörer lockend zu.

Im letzten Drittel der Platte wechselt die Wahlberlinerin und Drangsal Verbündete die Perspektive („Alles sieht groß aus in einem kleinen Raum“) und verlässt zu entrückten Keyboards quasi die Erdumlaufbahn um sich in fremde Welten aufzumachen: „Es ist ein anderer Stern auf einer anderen Achse“. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen“ heißt es dann im Schlussstück, das sich atmosphärisch auflädt und mit „Der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“ apokalyptische Bilder zu dräuenden Keyboards malt, bevor eine kleine Klaviermelodie fragend hinausbegleitet.

Nach einer guten halben Stunde Spielzeit, etlichen Spins des Tonträgers und den ewigen Fragen ob das jetzt Masche, schwarzer Humor oder echter Tiefgang sein könnte, hat uns die Marlene Dietrich der deutschen Indie-Popkultur dann doch wieder dort, wo sie uns haben will. Mann frisst ihr aus der Hand und weiß, dass der „Trick“ ein sehr guter ist, weil ihn sonst niemand in Deutschland aktuell so beherrscht wie Fräulein Sommer.

Bewertung: 5 von 6
: 01.03.2019
Label: Buback
Web: www.dieheiterkeit.de
Format: Vinyl // Download / CD

Tracklist:
1 Was passiert ist
2 Im Fluss
3 Dieses Mädchen
4 Das Wort
5 Ich sehe dich am liebsten
6 Wie finden wir uns
7 Die Linie im Sand
8 Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert
9 Ein alter Traum
10 Alles sieht so groß aus
11 Die Sterne am Himmel

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