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DIE HÖCHSTE EISENBAHN – Ich glaub dir alles

4 August 2019 No Comment
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Mit Album Nummer drei nimmt Die Höchste Eisenbahn immense Fahrt auf und löst die Versprechen ein, welche die beiden Vorgänger bereits andeuteten. Das Cover des ghanaischen Künstlers Ataa Oko spiegelt somit auch perfekt die DNA dieser Scheibe wieder.

Ein buntes Fabelwesen, eine Mischung aus Tier, Geist und Mensch, springt einem entgegen. Trägt es einen Clownshut oder doch eher eine Krone? Ist es gutartig, doch eher bissig oder will es einfach nur spielen?

Es ist alles zugleich, wie diese Platte eindrucksvoll demonstriert. Zappelig, mit einer unbändigen Spielfreude ausgestattet legt das Kollektiv los. Bereits beim bezeichnenden Opener „Aufregend und neu“ werfen sich Gitarrist/Sänger Moritz Krämer und Tele-Veteran Francesco Wilking die Gesangsparts wie Ping-Pong Bälle zu: „Alles ist in Ordnung…Nein, alles ist kaputt, mein Freund“ – herrlich zickig und nah am wahren Leben. Dazu tänzelnd der Beat karibisch, hochsommerlich und griffig.

Sommer in der Stadt, Leben in Berlin!
„Kinder der Angst“, die zweite Vorabsingle, stürmt dann mit Handclaps und NDW Vibes voran und scheint vor lauter Lust und Spielfreude über die eigenen Füße zu stolpern. Das famose „Louise“ wird später mit der gleichen Kohle befeuert. Die Gitarren jagen sich gegenseitig über die Bahnübergänge; deutscher Poprock, wie man ihn in den 80s öfters hörte: Upgedatet und Newly Improved. Toll!

Die Produktion von Moses Schneider (Tocotronic, Die Heiterkeit) verpasst dem Sound der Eisenbahn die nötige Tiefenschärfe, was beim Quasi-Titelsong, dem flehenden „So siehst du nicht aus“ besonders gut zur Geltung kommt.

Dass Moritz Krämer sich mit seinen beiden Soloplatten etabliert hat zeigt sich z.B. beim nostalgischen „Enttäuscht“ und besonders bei „Zieh mich an“, das mit seinem entspannten Easy-Listening Flair auch auf sein diesjähriges Soloalbum gepasst hätte. Der Break in der Mitte des Songs, inkl. traumähnlicher Supertramp-Sequenz, setzt den Bandzug auf ganz neue Gleise.

„Wir haben die Musik zusammen im Wendland erspielt, eine Woche lang, im Ferienhaus eines Bekannten. Francesco und ich saßen danach noch ein Jahr bei mir im Wohnzimmer und lasen uns gegenseitig Strophen
vor“, sagt Moritz Krämer. „Jetzt weiß ich nicht mehr, wer was geschrieben hat“, sagt Francesco Wilking. „Die Platte hat unsere Identität aufgegessen und einen bunten Chief (siehe Cover) daraus gemacht.“

Treffende Worte der beiden Protagonisten und die erste Single „Job“ legt dann nochmal los als gäb es kein Morgen. Vintage Synthesizer drängen zusammen mit dem grummelnden Bass von Felix Weigt nach vorne und Max Schröder am Schlagzeug reanimiert denn Geist von Keith Moon.

„Überall“ assoziiert mit seinen geschmeidigen Keyboards konkrete Bilder eines Nachtfluges, bevor das quirlige „37,5 Grad“ und der Rausschmeißer „Umsonst“ diesen rund 50 minütigen „Episodenfilm beenden.

Eine wirklich gelungene Platte, die viele Bilder entwirft und das Quartett als gewachsene Band präsentiert, die ihre Stärken bündelt und kongenial einsetzt. Lieder von mittelgroßen Niederlagen, kleinen Siegen und den stetigen Tücken im Umgang mit anderen Individuen. Bei den anstehenden Konzerten im Herbst unbedingt live erleben!

Bewertung: 5 von 6
: 16.08.2019
Label: Tapete
Web: www.diehoechsteeisenbahn.de
Format: Vinyl / Download / CD

Tracklist:
1. Aufregend und neu
2. Kinder der Angst
3. So siehst du nicht aus
4. Zieh mich an
5. Job
6. Enttäuscht
7. Rote Luftballons
8. Louise
9. Derjenige
10. Überall
11. 37,5°
12. Umsonst

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