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DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN – Fuck Dance, Let’s Art!

20 August 2019 No Comment
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Deutschlands englischste Modrevialband zeigt auch mit Album Nummer 5, dass Verliererattitude, hanseatische Coolness, Fußball und Zitatenreichtum bestens in der eigenen Muttersprache funktionieren können.

Vom ersten Stück „Der letzte große Bohemien“, einer Ode an die unbeschwerte aber abgerissene Künstlernatur wie man sie noch in Hamburger Kneipen findet bis hin zu „Hässlich und faul, Musik und der HSV“, dem uncoolsten Early-80s-Namedropping im Jahr 2019 (Waldhof Buben, Lars Bastrup, Fahrrad fahren, K-tel) bekommt der Kunde hier 100% DLDGG als kostengünstige Partydroge serviert.

Mit dem sehr sehr cleveren Titel „Fuck Dance, Let’s Art“ versehen und von Ex-Palais Schaumburg Timo Blunck und Zwanie Johnson, natürlich in Hamburg, produziert, zeigt die neue Platte u.a. verstärkt die Fähigkeit der Liga, die Menge in Richtung Tanzboden zu treiben („Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen“). Man wähnt sich im Studio 54 mit „Einem tollem Jackett mit zwei seitlichen Schlitzen, keinen Problemen und leicht einen sitzen“. „Wie ein Kronkorken auf dem weiten Meer“ schlägt mit seinem treibenden Discobeat wenig später in die gleiche Kerbe.

Carsten Friedrichs und Tim Jürgens vernachlässigen mit ihren drei „neuen“ Mitstreitern aber auch im Jahr 2019 nicht die Roots ihrer alten Band Superpunk. Bei „Frustration“ ist der Name Programm und musikalisch findet sich der berufsjugendliche Endvierziger plötzlich beim Debut von Paul Wellers The Jam im Jahr 1977 wieder.

Die Vorliebe der Hamburger für die britische Musik der späten 70s, die sich wiederum an den Mods und dem R & B der 60s bediente schielt aus jeder der beiden Rillen dieser Scheibe. „Ich verlieb mich wieder in mich“, die naiv-trotzige Egohymne („Vielleicht ein bisschen dumm. Doch das nehme ich nicht krumm“) klingt nach Television Personalities, dazu noch Bachtrompete und Hundegebell: Man muss diese Band und ihre gnadenlose Selbstironie einfach lieben. Zumindest, wenn man nicht gerade der „Menschen-Leben-Tanzen-Welt“ Fraktion angehört.

Die Instrumentalstücke „Fuck Dance, Let’s Art“ und „Escape from Martinique“ sowie die Posse „Der glückliche Spion“, zeigen sich von der englischen 60s Kultserie „The Prisoner“ beeinflusst, die auch schon Ed Ball und seine The Times inspiriert hatte. Die Orgel brilliert und es scheppert heftig. So fingen auch mal Madness in den späten 70s an.

„Der kleine Matratzenmarkt“ ist eine jener „Kitchen-Sink“ Dramen, wie man sie in deutscher Sprache viel zu selten hört. Man nimmt Friedrichs bei der Uptempo-Doo-Wop-/Rock’n’Roll-Nummer die Traurigkeit fast ab, das armselige Treiben in solchen „Pop-Up“ Geschäften von seinem Fenster aus nicht mehr verfolgen zu können. Kleine Alltagsfreuden und Gewohnheiten einfach dicht gemacht.

Der rustikale Northern Soul, mit Handclaps, Fuzz und Schweinerorgel der gesamten Platte wird auf „Links, Rechts, Geradeaus“ noch um ein Banjo, Barpiano und Mitgröhlrefrain erweitert.

Der Gentlemen-Familie und ihren Gästen (u.a. Andreas Dorau) gelingt mit „Fuck Dance, Let’s Art“ der Beweis, dass die Band alte Stärken immer noch um neue Aspekte (mehr Tanzboden) erweitern kann und auf Albumlänge immer für beste Unterhaltung sorgt. Diese Dandys sind und bleiben die stilvollsten, halstuchtragenden Verlierer in der deutschen Musiklandschaft. Livekonzerte ab September unbedingt mitnehmen!

Bewertung: 5 von 6

: 23.08.2019
Künstler: www.diegentlemen.de

Label: tapete records
Format: CD/LP/Digital

Tracklist:
1. Der letzte große Bohemien
2. Ein Leben in Rot mit purpurnen Blitzen
3. Frustration
4. Wie ein Kronkorken auf dem weiten Meer
5. Ich verlieb mich wieder in mich
6. Fuck Dance, Let’s Art
7. Der glückliche Spion
8. Der kleine Matratzenmarkt
9. Escape From Martinique
10. Links, rechts, geradeaus
11. Hässlich und faul, Musik und der HSV

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