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DIVINE COMEDY – Office Politics

9 Juni 2019 No Comment
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Es war schon eine kleine Sensation als Neil Hannon nach Abschluss der Tour zum letzten Longplayer „Foreverland“ im Jahr 2017 ankündigte, umgehend am Nachfolger arbeiten zu wollen. Hannon ließ sich mindestens seit „Victory For The Comic Muse“ 4-6 Jahre zwischen neuen Platten Zeit um seine opulenten, viktorianischen Prachtstücke sorgfältig zu entwickeln.

Zum Ausgleich und Ausleben von differenzierten Songideen hatte er sich ja eigentlich zusammen mit Pugwash das Cricket-verliebte Duckworth Lewis Method Projekt geleistet, das immerhin auf zwei Veröffentlichungen kam.

Und nun plötzlich 2019 eine neue Divine Comedy Platte, die fast wie ein Experiment anmutet, erstmals seit „Regeneration“ aus dem Jahr 2001 mit alten Gewohnheiten bricht und Streicher sowie Opulenz hinten anstellt.

Das Konzept heißt „Büro Politik“ und befasst sich auf der Länge von 16 Songs textlich mit dem Mikrokosmos des Büroalltags; mit allen Freuden, Fallstricken, Konkurrenzkämpfen und Grausamkeiten, wie sie täglich weltweit passieren. Ein cleveres Konzept, das schon das Covermotiv geschickt aufnimmt.

Neil Hannon und seine bewährten Mitstreiter paaren das Bürokonzept mit einer gehörigen Portion Early 80s Ästhetik sowie dem gewohnten schwarzen Humor. Bereits beim quirligen Opener und Vorabsingle „Queuejumper“ mit der kollegialen Kampfansage „I Jumped The Queue, Cause I’m Smarter Than You“ wird klar, dass hier trotzdem fast nichts wie sonst ist. Der zickige Titelsong mit seiner Casio-Sounds und monotonem Gesang verstärkt diesen Eindruck nochmals.

Anderswo hört man Funk wie in Chic gespielt haben gepaart mit Heaven17-Vibes („The Life And Soul Of The Party“), Donald Fagen bzw. späte Steely Dan Reminiszenzen („Absolutely Obsolete“) nur um bei „Infernal Machines“ mit einem stampfenden T-Rex Riff und waberndem Maschinen-Beat noch mehr der maximalen Irritation ausgesetzt zu werden.

Hannon lässt nicht locker um die Vielfalt des Bürozirkus auch musikalisch umzusetzen. Der Mensch als Maschine im Bürozirkus findet sich sowohl im swingenden „You’ll Never Work In This Town Again“ als auch im artifiziellen Angestellten/ Stechuhr Gespräch „Physiological Evaluation“ wieder.

Der Automat sucht zur morgendlichen Begrüßung den Dialog mit dem Angestellten. Während unsere Protagonist gegenüber dem Automaten über seine Verfassung und die Faves von Human Legaue über The Art Of Noise bis hin zu Kraftwerk aufzählt, groovt die Automaten-Stimme Vocoder-verzerrt. Das Alles mündet im obskuren aber auch witzig-kakophonischen „The Synthesiser Service Centre Super Summer Sale”.

Aber es gibt sie auch auf „Office Politics“, die ganz typischen Divine Comedy Momente: „Norman & Norma“ ist ein famoses Kleinod und paart die Opulenz alter Tage mit einer ganz geschickten Cheesiness, die man hervorragend im Heiratsjahr des fiktiven Bürotraumpaares 1983 verorten könnte. Das Zusammenspiel zwischen Hook, Refrain und Instrumentierung sind hier unwiderstehlich.

„I’m A Stranger Here“ ist auch eher kammermusikalisches Cabaret, wie man es von Divine Comedy eigentlich erwarten dürfte und „Dark Days Are Here Again“ klingt fast wie eine leichtere Variante von „Sweden“. Auch „Opportunities“ atmet, gepaart mit Klezmer-Elementen wie sie einst von Supertramp verwendet wurden, den alten DC-Geist.

Wie groß der Einfallsreichtum von Neil Hannon ist, zeigt „Philip And Steve’s Furniture Removal Company“, das mit Chorälen und repetitiven Elementen eine fiktive Sitcom über Philip Glass und Steve Reich skizziert, die sich mit „Gags“ über die Monotonie des Arbeiters in der modernen Berufswelt in den 60s befasst.

Die beiden Schlussballaden sind dann wieder 100% Divine Comedy und „When The Working Day Is Done“ auch ein absolut treffender Abschluss des Arbeitstages im Rahmen der Gesamthandlung.

Insgesamt eine Divine Comedy Platte, die etliche Läufe und einiges an Einlassungsvermögen erfordert, um mit dem geänderten Rahmenbedingungen zurecht zu kommen. Die Texte und der Humor sind wie immer wunderbar und Hannons Plan, einmal von den gewohnten Mustern abzuweichen ist großer Respekt zu zollen.

Fans benötigen auf jeden Fall auch die CD-Deluxe Ausgabe von „Office Politics“, die mit „Swallows & Amazons“ die Piano-Demos des Bühnenmusicals mit gleichem Namen beinhaltet. Dort findet man wieder „Pure Hannon“ und wirklich sehr viele wunderschöne Melodien-Häkchen, die wiederum zeigen, dass der 48-Jährige Nordire zu den ganz großen Songwritern seiner Generation gehört.

Auf die Deutschland Konzerte im Herbst darf man schon jetzt gespannt sein.

Bewertung: 4,5 von 6
: 07.06.2019
Label: Rough Trade / PIAS
Web: www.thedivinecomedy.com
Format: Vinyl / Download / CD / CD-Deluxe

Tracklist:

1. Queuejumper
  2. Office Politics
  3. Norman And Norma
  4. Absolutely Obsolete
  5. Infernal Machines
  6. You’ll Never Work In This Town Again
  7. Psychological Evaluation
  8. The Synthesiser Service Centre Super Summer Sale
  9. The Life And Soul Of The Party
  10. A Feather In Your Cap
  11. I’m A Stanger Here
  12. Dark Days Are Here Again
  13. Philip And Steve’s Furniture Removal Company
  14. Opportunity‘ Knox
  15. After The Lord Mayor’s Show
  16. When The Working Day Is Done

Bonus Disc Deluxe-Ausgabe

  1. Whistle For A Wind
  2. The Swallow
  3. The Conquering Heroes
  4. Fighting Swallow
  5. The Amazon Pirates
  6. The Parley
  7. Better Drowned Than Duffers
  8. Let’s Make The Best Of It
  9. Navy Stroke
  10. Like Robinson Crusoe
  11. Titty’s Dream
  12. The Conquering Heroes, Victory Chorus
  13. The Black Spot
  14. The Parley – Flint’s Apology
  15. Swallows And Amazons Forever

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