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ELISE LEGROW – Playing Chess

23 Februar 2018 No Comment
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Die kanadische Soulsängerin Elise LeGrow aus Toronto legt mit „Playing Chess“ jetzt ihr Debütalbum vor. „Playing Chess“ ist hier ein Wortspiel und bezieht sich nicht auf das Schachspiel, sondern auf die Tatsache, dass sich LeGrow für ihr Debütalbum ausschließlich auf Songs stützt, die auf dem legendären Chicagoer Chess-Label erschienen sind. Einen solchen Ansatz für die erste Visitenkarte, die man im Musikbusiness abgibt, zu wählen zeugt von Mut. Und Überzeugung.

Eine weitere Besonderheit besteht nämlich darin, dass sie auch diese Klassiker nicht nur nachspielt, sondern auch neu interpretiert beziehungsweise arrangiert. Gleich der Opener „Who Do You Love“, sowohl von Bo Diddley als auch von The Band zusammen mit Ronnie Hawkins eine kraftvolle, hektische Nummer in der Vorlage, kommt hier in einem deutlich entspannteren Groove daher. Und es ist nicht nur der Groove, den LeGrow in diesem wie auch anderen Tracks ganz anders angeht, es ist auch die Gesangsmelodie, die sie über weite Strecken völlig neu interpretiert.

Das folgende, grandiose „Hold On“ ist dagegen deutlich näher an dem Original von The Radiants, bevor mit „You Never Can Tell“ eine weitere komplette Neueinspielung vorliegt. Diese Chuck Berry-Nummer, die als so ziemlich einziger Hit von dem Altmeister nicht von den großen Bands der British Invasion Mitte der 60s gecovert wurde und dann einen zweiten Frühling durch den Pulp Fiction-Soundtrack erfuhr, wird hier massiv verlangsamt und auch in der Melodieführung verändert. Und LeGrow legt eine sehr sehnsuchtsvolle Interpretation in ihre Stimme, so dass der Song ganz anders daher kommt als man ihn kennt. Für dieses Arrangement ist jedoch Produzent Steve Greenberg verantwortlich, der diese Idee angeblich schon vor 40 Jahren hatte. Chuck Berry taucht übrigens noch an anderer Stelle auf dem Album auf, nämlich bei „Can’t Judge A Book“, das auf den ersten Anschein die alte Willie Dixon-Nummer ist, aber hier mit „You Can’t Catch Me“ zu einem stimmigen Konglomat gepaart wird.

Überragend geraten auch Etta James‘ „Can’t Seem To Shake It“ und Bobby Moore’s „Searching For My Baby“. „Long And Lonely Nights“ von Lee Andrews & the Hearts klingt in LeGrows Version so als hätte Paul McCartney sich dieses Titels für die langen Nächte im Hamburger Star Club angenommen. Natürlich hatten die Pre-Fabs damals kein E-Piano am Start und doch hat man das Gefühl, dass die Nummer so auch auf einer frühen Beatles-Platte hätte auftauchen können.

Elise LeGrow legt mit „Playing Chess“ einen starken Longplayer vor, der zeigt wie lebendig klassischer Soul auch heute noch klingen kann und Lust auf weitere Werke von ihr macht. Auf diesem Album sind nur Coverversionen, aber sie schreibt auch selbst Songs, auf die wir jetzt natürlich auch neugierig geworden sind. Sie kommt jetzt im Mai auch auf Deutschland-Tournee – vielleicht zum letzten Mal als Geheimtipp!

Bewertung: 5 von 6

Label: S-Curve / BMG Rights Management

http://eliselegrow.com/

Tracklist:

  1. Who Do You Love
  2. Hold On
  3. You Never Can Tell
  4. Over The Mountain
  5. Searching For My Baby
  6. Long And Lonely Nights
  7. Going Back Where I Belong
  8. Rescue Me
  9. Can’t Judge A Book
  10. Can’t Seem To Shake It
  11. Sincerely

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