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ERNST HOFACKER – 1967

11 Oktober 2016 No Comment
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1967

In seinem neuen Buch „1967“ erwähnt ERNST HOFACKER an einer Stelle, dass unser heutiges Leben noch massiv von dem, was vor 50 Jahren passierte, geprägt ist, während im Jahre 1967 der Einfluss des Jahres 1917 gleich Null war. In einer Gegenwart, die von rasantem Fortschritt geprägt ist, ist die Kultur immer noch maßgeblich von den „Swingin‘ 60s“ geprägt. Und in diesem bunten Jahrzehnt war das Jahr 1967 das bunteste.

Hofacker arbeitet das Jahr 1967 nicht chronologisch ab – das wäre zu naheliegend – er wählt stattdessen einen Weg, der von der amerikanischen Westküste nach Osten führt. So ist es eine Reise, auf die er den Leser mitnimmt und er engt sich auf dieser Reise auch nicht auf die Ereignisse zwischen dem 01.01. und dem 31.12. des Jahres 1967 ein, sondern blickt auch auf das, was davor lag und die Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat, und folgerichtig auf das, was daraus folgen sollte. Die Stationen sind Haight-Ashbury, Monterey, Memphis, Woodstock, New York City, London und schließlich das geteilte Deutschland.

Der Fokus seiner Reise liegt klar auf der Entwicklung, die die Popmusik genommen hat, aber auch soziologische, politische und technologische Aspekte spielen eine Rolle. Und es gelingt ihm auch immer wieder Details zu Tage zu fördern, die sowohl Zeitzeugen das Gefühl geben, dass da jemand gut aufgepasst hat, vor allem aber denen, die diese Zeit nicht erlebt haben, wertvolle Mosaiksteinchen zur Vervollständigung des Bildes zu liefern, das man sich gemeinhin von der Welt vor 50 Jahren macht. So könnten Nachgeborene auf die Idee kommen, dass 1967 – immerhin 5 Jahre nachdem die Beatles den Hamburger Star Club verlassen haben – die Jugendlichen alle entweder zur Beatles- oder Stones-Fraktion gehörten und sich auf dem Schulhof die Klassen komplett in diese Lager teilten, gemeinsam nur in den langen Haaren vereint. Mit solchen Mythen räumt Hofacker schonungslos auf. Unvorstellbar aus heutiger Zeit ist zum Beispiel, dass im September 1966 ein linksliberales Magazin wie DER SPIEGEL  noch der Schlagzeile „Gammler in Deutschland“ aufmachte und dazu ein Foto mit langhaarigen, Gitarre spielenden Jugendlichen und über ihnen die Beine von offensichtlich erhängten Eltern auf dem Titel hatte. In dem Artikel schätzte der Spiegel die Anzahl der „Gammler“ in Deutschland übrigens auf ca. 800.

Viel spannender ging es natürlich in den Kulturmetropolen der USA und nicht zuletzt in Swinging London zu. Hier stellt Hockacker kenntnisreich Zusammenhänge her, mischt Anekdoten und Fakten zu einem höchst vergnüglichen Destillat und gibt am Ende des Buches zu jedem Kapitel eine Übersicht über essentielle Veröffentlichungen auf CD/LP, DVD oder in gedruckter Form, die jedem, der auch medial nachvollziehen will was damals abging, einen umfassenden Einkaufszettel hinterlassen. Aber auch die, die diese Platten, Videos und Bücher schon kennen, werden bestimmt noch das eine oder andere Detail erfahren, das sie bislang noch nicht auf dem Schirm hatten.

Besondere Erwähnung soll auch noch die Aufmachung dieses Buches aus dem Reclam-Verlag finden: Wer an Reclam denkt, hat die auf super dünnem Papier gedruckten, gelb eingebundenen, kaum als Buch zu bezeichnenden Druckerzeuge vor Augen. Der Unterschied zu „1967“ könnte allerdings nicht größer sein. Es gibt einen festen, mit einem wunderbaren, an die „Nuggets“-Box erinnernden, Motiv bedruckten Einband, die Seiten sind auf hochwertigem Papier und eine Vielzahl von hochauflösenden Fotos und Abbildungen machen das Buch auch zu einem optischen Leckerbissen.

Es ist in der Tat beachtlich, dass nach 50 Jahren noch immer viele der Künstler von damals sehr erfolgreich sind und auf ihren Konzerten riesige Zuschauermengen mit einer Altersbandbreite von 7 bis 70 versammeln. Ebenso wie Fotos, Logos oder Ikonen dieser Zeit noch immer auf T-Shirts oder Poster gedruckt, gekauft und getragen werden. Und das oft von einer Generation, die die Enkel der Jugendlichen von damals sind! Das Feuilleton wird sich sehr anstrengen müssen um im kommenden Jahr die so sicher wie das Amen in der Kirche kommenden Artikel zum Thema „It was 50 years ago today“ so zu schreiben, dass man nicht sagt: „Ja, okay, aber das stand ja alles schon bei Hofacker!“

Bewertung: 6 von 6

VÖ: 12.10.2016
ISBN: 978-3-15-011086-7
Verlag: Reclam
Format: Gebunden 16 x 24 cm, 272 Seiten,  50, teils farb. Abb.

Jan Woelfer
Jan Woelfer

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