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FJØRT – Das Gefühl in der Magengegend

28 Januar 2016 No Comment

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Die Aachener Post-Hardcore-Band FJØRT hat sich seit ihrer Gründung 2012 europaweit einen Namen gemacht. Bundesweit hört man viel Lob für das energetische Trio und ihr zweites Album „Kontakt“ erscheint diesen Monat über das renommierte Indie-Label Grand Hotel van Cleef. Wir haben die junge Band angeschrieben und ihnen ein paar Fragen gestellt.

Hallo Frank, Chris und David,

Gratulation zu einem sehr guten zweiten Album. Ich durfte euch schön mehrfach, als Zuschauer und Vorband, live erleben. Ihr habt es wirklich wieder  geschafft, diesen wuchtigen live-Sound auf Platte zu bannen und ein paar Ohrwürmer zu schreiben.

Ein paar neugierige Nachfragen hab ich da aber.
Eure Shirts sieht man überall auf Shows. Viele Leute aus unterschiedlichsten Abstufungen der härteren Gitarrenmusik können sich auf FJØRT einigen. Wie sind bisher die Reaktionen, aus unterschiedlichsten Lagern, auf euer neues Album?

Bisher ist das Feedback durchweg sehr positiv, was uns wirklich sehr freut. Es ist schön zu merken, dass die vielen Gedanken und Stunden, die man in jedes Detail des Albums gesteckt hat, auch rüberkommen und das Ganze Leuten zusagt. Auch genau diesen Fakt, dass anscheinend Leute aus allen möglichen Sparten und Altersgruppen etwas mit uns anfangen können, finden wir großartig. Musik soll ja Leute zusammenführen, deswegen ist das wirklich ´ne tolle Sache.

Jede gute Platte hat einen guten Produzenten. Wer zeichnet sich diesmal für den Mix verantwortlich? Und habt ihr bei „Kontakt“ einen bestimmten Sound vor Augen bzw. Ohren gehabt? Irgendeine Regel, wie „lauter ist besser“ oder „weniger ist mehr“?

Wir haben „Kontakt“, wie auch unsere vorherigen Platten und auch so einige Projekte lange vor FJØRT, bei unserem langjährigen Kumpel Phil Hillen aufgenommen. Die Entscheidung, wieder zu ihm zu gehen, stand daher im Grunde sofort fest. Phil ist ein großartiger Typ und weiß genau wo wir mit unserem Sound hinwollen. Grundsätzlich war die Herangehensweise wie auch bei der „D’accord“, das Ganze soll in erster Linie ordentlich drücken. Bei diesem Album haben wir aber auch ein wenig mehr Transparenz im Sound und ganz besonders bei den Vocals auf Verständlichkeit geachtet. Die Texte sind ein sehr zentraler Punkt in unserer Musik, daher möchten wir, dass sie kein bloßes Beiwerk sind, sondern sofort beim Hörer präsent sind.

„Wir wollen nicht reich werden“

 

Die übliche und doch interessante Frage: Zahlt sich die ganze finanzielle und zeitliche Mühe auch kostendeckend aus? Habt ihr mittlerweile (endlich?)eure „normalen“ Jobs gekündigt?

Um über lange Zeit Musik zu machen, muss man das ganze einfach lieben. Die unzähligen Stunden im Proberaum und inmitten von hunderten Emails erfordern eine Menge Verständnis vom Umfeld, und vor allem geht das auch nur, wenn man selbst genau dort sein will, auch wenn Zuhause die Couch wartet. Wir arbeiten nach wie vor nebenher, um die Miete zu zahlen, können uns aber glücklich schätzen, dass sich das Ganze finanziell wunderbar selbst trägt. Wir möchten uns einfach so viel Raum wie möglich für die Musik freischaufeln. Daher wäre es natürlich enorm, wenn das Brötchen verdienen weniger Zeit fressen würde. Aber keiner von uns macht diese Sache, um damit reich zu werden, sondern weil es dir einfach unglaublich viel zurückgibt. Deine Enkel spitzen doch viel eher die Ohren, wenn du von dieser durchgemachten Nacht auf Tour erzählst, als von deinem Kontostand.

Und die Gear-Nerd-Frage: Gibt es eine Komponente (Effektpedal, Amp, Hocker, Becken, etc.), die in eurem Setup euer liebstes ist, ohne die nichts ginge und die ihr auf die berühmte einsame Insel oder aus dem brennenden Haus mitnehmen würdet?

Die berühmte Suche nach „dem Sound“ wird wohl nie enden, daher probieren wir bei jeder Platte bzw. beim Songwriting neue Sachen aus. Es gibt da ja diese tollen Money-Back-Geschichten. Ich denke FJØRT kann man am ehesten mit diversen Zerren und Reverbs in Verbindung bringen. Die würden wir also irgendwie aus den Flammen retten. Die Instrumente und Amps sowieso. Ach, echt alles. Ich glaube wir würden Kram irgendwie retten und am wenigsten auf uns aufpassen.

Ihr habt schon einige Musikvideos veröffentlicht. Allesamt wurden von dem Kölner Duo Iconographic produziert. Wie wichtig sind Musikvideos für euch? Ein elementares Tool zur Verbreitung der eigenen Musik oder sogar eigenständige Kunstform?

Wir wollen mit unserer Musik immer ein gewisses Gefühl in der Magengegend transportieren, daher ist das visuelle ein großartiges Medium, um das zu verstärken. An die Videos gehen wir daher mit der gleichen Prämisse wie an die Musik. Michi und Flora (Iconographic) haben einfach ein unglaubliches Talent und lassen sich voll und ganz auf den Song und unsere Ideen dazu ein. Wir vertrauen den beiden zu 100% und sind jedes Mal wieder baff, wenn wir das Endergebnis sehen.

„Er hat die 100dB-Grenze mit Leichtigkeit geknackt“

 

Leere Jugendzentren, peinliche Dorf-Festivals, unpassende Stadtfeste. Welcher Gig war bisher das Höchste eurer Gefühle und wo wollt ihr lieber nicht noch einmal spielen?

Wie jede andere Band auch haben wir schon so einige Konzerte vor 10 Leuten gespielt. Letztlich wurden wir aber immer mit größter Gastfreundschaft empfangen und jedes dieser Konzerte hat Bock gemacht. Daher gab es jetzt gar nicht die absolutes Katastrophe. Ein Höhepunkt war sicher die Tour mit Funeral For A Friend, quasi unserem Soundtrack der alten Skateboardtage.

Ihr tourt schon seit den ersten Stunden mit einem eigenen Mischer. Etwas, dass jeder Band und ihrem Sound gut tut. Wie kamt ihr zueinander und wie gestaltet sich so ein Verhältnis zwischen Band und Mischer, der auch eigene Vorstellungen mitbringen dürfte?

Wir haben unseren Mischer während unserer ersten Tour in Osnabrück kennengelernt. Er war dort Hausmischer und hat die 100dB-Grenze mit Leichtigkeit geknackt, da wussten wir, das ist unser Mann. Wir haben ihn gefragt, ob er die nächste Tour mitfahren will. Kurz darauf saßen wir dann 24 Tage lang gemeinsam im Van durch Europa, danach war das ganze eingetütet. Es ist ein sehr gutes Gefühl, jemanden dabei zu haben, der unseren Sound kennt und auf den man sich verlassen kann. Wir sind was unsere Crew angeht sehr loyal und holen nur Leute mit ins Boot, die auch menschlich zu uns passen und mit denen wir eine gute Zeit haben können. Alle die mit uns im Van sitzen, sind schon lange dabei und bringen genauso viel Bock mit wie wir selbst.

Außer eurem Drummer singen alle Mann bei FJØRT. Habt ihr einen Haupttexter? Wie sieht so ein lyrisches Songwriting bei euch aus?

Den Großteil der Lyrics schreibt Chris, einige Texte stammen aber auch von David. Das passiert in langen Nächten zuhause am Schreibtisch, sobald die Songstrukturen stehen und ein Gefühl da ist, wo die Reise hingehen soll. Am Schluss schauen wir im Kollektiv nochmal drüber. Für die Lyrics nehmen wir uns meistens sehr viel Zeit, bis jedes Wort genau so liegt wie wir es uns vorstellen.

„Wir waren einfach unwissend.“

 

Klugscheißer-Frage: Warum wird das ø in FJØRT bei euch nicht „ö“ gesprochen?

Wir waren einfach unwissend. Der Bandname entstand dadurch, dass das ganze bei der ersten Probe so verdammt kalt klang. Frank kamen diese norwegischen Fjorde in den Kopf, und der Bandname stand. Das Wort haben wir dann noch ein wenig abgeändert, weil es uns optisch gefiel, aber wie das korrekt ausgesprochen wird, wussten wir tatsächlich einfach nicht. Klingt aber auch besser so, finden wir.

Wir alle haben klein angefangen und mehr als eine eher miesere Band gegründet. Wie hießen eure allerersten Bands und was für Musik habt ihr gemacht?

Wir haben alle drei schon in diversen Projekten gespielt, David hat da wohl am meisten auf dem Kerbholz. Da wären unter anderem Longing For Tomorrow, Kosslowski und Nora Yeux zu nennen. Vor langer Zeit waren da auch noch die üblichen Gehversuche beim Covern unserer damaligen Alternative-Helden. Irgendwann kamen dann die ersten eigenen Songs mit minderguten Metal-Riffs, die es nicht über die Stadtgrenzen Aachens hinaus geschafft haben. Hat aber alles ´ne Menge Spaß gebracht.

Ich selbst habe bisher mehrheitlich immer nur in Formationen gespielt, bei denen mindestens vier Menschen beteiligt waren. Bringt so ein Trio eine besondere Dynamik mit sich? Sind weniger Mitglieder ein Vorteil?

Man hat es bei Entscheidungen zu dritt beispielsweise viel einfacher. Wir ziehen da immer an einem Strang und müssen nicht lange diskutieren. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen wie es wäre, mit fünf Leuten organisatorisch einen gemeinsamen Nenner zu finden. Da hat vermutlich jedes Wochenende jemand anderes ´ne Kommunion oder die Oma hat Geburtstag. Kreativ bedeutet das auch, dass jeder im Sound mehr Platz hat und es nie „überladen“ klingt. Wir machen das hier sehr gerne zu dritt.

„Es juckt in den Fingern!“

 

Das Jahr ist noch jung. Euer zweites Album auch. Was wird 2016 von FJØRT zu erwarten sein und worauf freut ihr euch besonders?

In erster Linie freuen wir uns wahnsinnig, auf der Releasetour die neuen Songs zu spielen und zu sehen wie die Leute sie annehmen. Im Gegensatz zu 2015 werden wir dieses Jahr wieder den Großteil der Zeit im Van verbringen. Es sind ein paar Touren geplant, unter anderem auch in Osteuropa. Einige Festivals werden sicher auch dabei sein. Es juckt in den Fingern, wieder in stickigen Clubs mit den Leuten in Kontakt zu treten.

Als Band ist man immer in Gefahr, ausgelatschte Wege zu betreten, in Schubladen gesteckt zu werden und (wenn auch unbewusst) zu kopieren. Was soll oder sollte FJØRT nie sein?

Ich glaube, das schlimmste für uns wäre, wenn wir uns selbst kopieren. Bei jedem bisherigen Output haben wir alles verworfen, was uns zu sehr an etwas erinnert, was wir schon mal geschrieben haben. Ob das funktioniert, entscheidet dann der Hörer, aber wir wollen uns für uns selbst immer ein Stück weit weiterentwickeln. FJØRT sollte außerdem nie etwas sein, dass du dir beim gemütlichen Sonntagsbrunch anhörst. Für uns hat die Musik erst einen Mehrwert,
wenn sie in gewisser Weise fordernd ist. Wir haben weder Bock noch Talent dafür, den nächsten Sommerhit zu schreiben. Wenn die Songs spurlos an Leuten vorbeiziehen, haben wir in unserem Kosmos etwas falsch gemacht.

Man soll alles mit einem Lachen beenden: Wer ist der Spaßvogel bei euch in der Band und kennt ihr einen guten Witz?

Ich glaube im Witze erzählen sind wir alle sehr mies, aber Spaß haben wir trotzdem immer für zehn, wenn wir auf einem Haufen sind. Das lässt sich aber viel besser an ´nem netten Abend mit Kaltgetränk berichten!

Das soll reichen. Danke für eure Zeit und für die kommenden Monate viel Spaß!

Vielen Dank fürs Interesse!

 

„Kontakt“ erschien am 22. Januar 2016 (hier geht es zur Plattenkritik) über Grand Hotel van Cleef. In der kommenden Zeit sind FJØRT auf ausgedehnter Deutschland-Tour. Alle Konzerttermine findet Ihr auf der Facebook-Seite der Band.

Weitere Infos:
facebook.com/fjort
ghvc.de

Hendrik Rathmann
Hendrik Rathmann

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