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FROST* – Falling Satellites

22 Mai 2016 No Comment
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Es gibt diese kleinen Bands, die nur wenige Menschen kennen, die aber doch so viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Wäre ihre Musik nicht so sperrig und die Musiker dahinter optische Durchschnittstypen. FROST* ist so eine Band. Hochtalentierte Individuen, die allesamt seit Jahrzehnten erfolgreich im Musikbusiness arbeiten und tolles leisten, beackern in dieser britischen Kombo ihre Instrumente. Dabei zaubern sie Platten, deren Songs einzeln schon mehr Kreativität enthalten als es komplette Chartalben in ganzer Länge zu leisten vermögen. Mit „Falling Satellites“ veröffentlicht die Neo-Prog-Pop-Electro-Cyber-Rock-Band nun ihr drittes Album und haut ein Werk voller Brillianz raus, das in einer ganz eigenen Liga spielt.

Der geneigte Leser mag diese Band noch nicht wirklich kennen. FROST* ist das Werk des britischen Top-Produzenten Jem Godfrey. Der glatzköpfige Scherzbold verdient sein Geld mit Werbejingles, Atomic Kitten- oder X-Factor-Kompositionen und tritt auch mal als Live-Keyboarder für Gitarren-Legende Steve Vai auf. Ein fleißiger Söldner des Musibusiness, der als Hobby eben auch eine sehr geniale Prog-Rock-Band mit dem Namen FROST* anführt. 2004 plagte sich Godfrey mit Unlust und musikalischer Sehnsucht nach Höherem umher. In Eigenregie komponierte, sang und spielte er an seinem Rechner erste Prog-Rock-Songs ein, die das alte und etwas konservativ gewordene Genre mit extremen Keyboardsounds und eruptiver Digitalität aufwirbeln sollte.
Die Musik von FROST* ist stets an der Grenze zum mentalen Overload. Godfrey ist ein Genie. Den Wahnsinn liefert er gleich mit. Aggressiv, laut, schnell. Und dann wieder tief traurig und zart. So sind Alben von FROST*! Die alten Meister werden zitiert (YES, GENESIS, PINK FLOYD), denn seine Hausaufgaben hat Jem Godfrey gemacht. Die so typischen Melodien, Gesänge und langen Musikstücke des Prog beherrscht er. Nur stemmt er das Genre ins digitale Zeitalter und schichtet modifizierte Spur auf Spur. Heraus kommen dann Alben wie „Falling Satellites“!

Fette Produktion

Die Platte beginnt mit einem tiefen, tiefen Bassdrop. Chöre, Tonflächen, Wirbel – es braut sich etwas zusammen. Man sieht sich in einem Filmtrailer. Spannung entsteht und das Unbehagen wächst mit jedem Dezibel, das sich zu dem kurzen Brocken Soundwucht gesellt. Track zwei rast los. „Numbers“ ist ein kraftvolles Stück. Fette Produktion, wie erwartet! Der Bass schiebt. Die Gesangsstimmen laufen gegeneinander. Das Drumming ist straight und doch wuselig. Dieses Lied könnte auch in jedem Videospiel den Soundtrack zum Highscore darstellen. „Numbers, we’re numbers“, singen Jem Godfrey und seine Band. Wir alle sind austauschbare Statisten in einem größeren Ganzen. Bittere Erkenntnis und geiler Song!

Prog-Supergroup

Auch wenn FROST* im Grunde eine Solo-Story von Jem Godfrey ist, so holt sich der Maestro Musiker mit an Bord, um den Wahnsinn auf Platte zu bannen und auch aufführen zu können. Die Mitglieder wechselten, doch seit einiger Zeit hat Godfrey scheinbar seine endgültigen Wegbegleiter gefunden. Craig Blundell spielt die Drums. Er hat seit einigen Jahren für mehrere bekannte Schlagzeugmarken Promotion gemacht und dort seine technische Perfektion bewiesen. Dann kam der Ritterschlag. Er ist seit vergangenem Jahr Rhythmus-Mann von Steven Wilson, der durch PORCUPINE TREE Weltruhm erlang und erfolgreich den Globus bespielt. Am Bass bei FROST* spielt Nathan King auf höchstem Niveau. Eigentlich ist er Gitarrist der 80er-Legenden LEVEL 42, wo er ordentlich die Hits von damals groovt. Vierter Mann bei FROST* ist John Mitchell. Er ist eine Instanz in der zeitgenössischen Prog-Rock-Szene. In einigen erfolgreichen Bands war der Multiinstrumentalist federführend (IT BITES, KINO, ARENA) und bei FROST* ist er so etwas wie der best buddy von Meister Godfrey.

Von Dubstep bis Pop-Duett

„Falling Satellites“ ist ein würdiges Album Nummer drei! So vielseitig sind wenige Bands. In „Towerblock“ lässt die Gruppe Maschinen Musik machen. Samples wie aus Autofabriken, Maschinenhallen oder Roboterfilmen sind so aneinandergeschichtet, dass man die fahrenden, gleitenden, zischenden Teile singen glaubt. Godfrey besingt darüber einen offenen Konflikt und man vernimmt berstendes Glas. Verstörende Dubstep-Passagen folgen. Abgehackt, laut, wütend. Und dann ergießt sich alles wieder in treibende Melodien.
„Lights Out“ ist der totale Kontrast. Leise, ruhig und poppig singt Jem Godfrey mit einer unbekannten Frau im Duett ein berührendes Lied, das gewohnt kryptisch in seinem Text, über Schlaf und das Wegdämmern, den Kontrollverlust spricht. „Heartstrings“ war vorab auf der Bandwebseite zu hören. Hier schlagen FROST* die typische Neo-Prog-Schiene ein. Schnell Läufe, Streicher und technischer Bombast. Ein Ohrwurm! „Closer To The Sun“ ist moderner Pop. Wabbernde Ambientsounds und stark modifizierter Gesang. „The Raging Against The Dying Of The Light Blues In 7/8“ ist dann wieder das totale Gegenteil. NEAL MORSE oder DREAM THEATER hätten diesen Brocken eingespielt haben können. Schnelle Wechsel, viel Verzerrung, sägende Synthies und verspielt-ruhiger B-Teil. Godfrey singt „Woke up this morning, I’m the last man standing. It’s a colder world that I see when there’s nobody left to save me.“ und bleibt dem düsteren Pathos treu.

Krach und Ruhe

Das Album schließt mit zwei Minuten Krach. „Hypoventilate“ explodiert noch extremer als der Opener. Zum Schluss wird das Opus eingesaugt und alle Töne verstummen. Als tatsächliches Ende von „Falling Satellites“ spielt Jem Godfrey jedoch „Last Day“. Ein stilles Piano-Stück in NINE INCH NAILS- Manier. Traurige Akkorde und ein hadernder Gesang. Godfrey singt: „Like children’s handprints in old concrete. The things we leave behind. Slowly lose their meaning. When paths get hard to find.“ Wie ein finales Urteil eines sterbenden Mannes. Das Lied klingt aus, man hört Vögel singen. Starke Emotionen!

Fazit? FROST* schaffen wieder einmal den Sprung nach vorne. Mit ihrem neuen Album beweisen sie Kreativität und absolutes Können am Instrument. Abwechslungsreiche Songs, geballte Emotionen, fette Produktion und die Liebe zum Detail machen „Falling Satellites“ zu einem spannenden Album. Freunde der klug gemachten Anspruchsmusik sollten einmal reinhören und diese stellenweise sperrige Band kennenlernen.

Bewertung: 6 von 6
VÖ: 27. Mai 2016
Label: InsideOut Music
Format: LP / CD / Digital

Mehr Infos:
frost.life
insideoutmusic.com

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