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HEVY FEST – 14.-15.08.2015, Port Lympne, England

19 August 2015 No Comment

Dillinger Escape Plan @HEVY FEST 2015

Seit 2009 strömen jährlich mehrere tausend Hardcore-, Punk- und Metal-Fans an die Südostküste Englands, um dort ihre Genre-Heroen live zu erleben und vielleicht den ein oder anderen Geheimtipp mit nach Hause zu nehmen. Auch in diesem Jahr waren wieder rund 7.000 Besucher beim HEVY FEST im Port Lympne Wild Animal Park nahe der Stadt Hythe (Kent) dabei, um zwischen Wildkatzengehege, Affenberg, Weizenfeld und Küstennebel an zweieinhalb Tagen mit und zu mehr als 50 Bands abzurocken. Unter anderem mit am Start: COHEED & CAMBRIA, THRICE, DILLINGER ESCAPE PLAN, THE GET UP KIDS und THE FALL OF TROY.

Gerade für mich als deutschen Besucher, der sich das erste Mal nach England begibt, ergaben sich im Vorfeld viele offene Fragen, die sich von eher allgemeinen Unsicherheiten (Wie reise ich an? Wie viel Geld wechsle ich? Was tun, wenn plötzlich ein Löwe im Moshpit auftaucht?) bis hin zu Nervositäten und Aufgeregtheiten aufgrund von Stereotypen und Klischees erstreckten (Wie wird das Wetter? Ist das Essen genießbar? Sind die Briten nun binge-trinkende Hooligans oder penible Gentle(wo)men? Kann ich nach 1:00 Uhr noch Bier kaufen?). Und natürlich war da ja noch die Musik. Werden mich meine alten Helden enttäuschen oder beglücken? Werde ich neue Lieblingsbands endtecken oder werde ich mich zu Tode langweilen? Aber der Reihe nach…

Die Anreise nach England kann über den Luft- oder den Seeweg erfolgen – oder man fährt einfach mit seinem Auto auf einem Zug unter dem Ärmelkanal hindurch. Das ist der schnellste, komfortabelste und vergleichsweise günstigste Weg. Die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug kostet ca. 200€ pro Auto und dauert nur eine knappe halbe Stunde (Warte- und Eincheckzeiten nicht mit einberechnet). Die Überfahrt mit der Fähre ist – bucht man rechtzeitig – ähnlich günstig/teuer, dauert aber auch dreimal solange. Hinzu kommt, dass die Fähre nicht so häufig ablegt, wie der Zug fährt, und dass sich der Preis durchaus mal verdoppeln kann, bucht man die Überfahrt zu kurzfristig. Die Anreise mit dem Flugzeug schließt sich eigentlich schon von vornherein aus. Zum einen, weil der nächste englische Flughafen ca. eine Autostunde vom Festival entfernt ist. Zum anderen, weil Dosenbierpaletten nicht ins Handgepäck passen.

England liegt bekanntermaßen nicht in der €uro-Zone. Demnach kommt man vor Ort mit €uro auch nicht besonders weit. Sich zuvor einige Pfund zu erwechseln, ist aber nicht nötig, da in den Supermärkten vor Ort eigentlich jede Kredit- und EC-Karte akzeptiert wird. Auf dem Festivalgelände selbst gibt es mehrere Geldautomaten, an denen man problemlos mit jeder Kreditkarte Geld abheben kann (die Gebühr beträgt umgerechnet noch keine 4€). Was sich allerdings gewaschen hat, sind die Preise vor Ort. Während man sich im Supermarkt im nahgelegenen Hythe noch relativ günstig mit Fressalien und Getränken eindecken konnte (Achtung: nur eine Palette Bier pro Person ist auf dem Zeltplatz erlaubt!), musste man auf dem HEVY FEST Gelände schon etwas tiefer in die Tasche greifen: ein Mittagssnack bestehend aus Burger und Bier kann so schon mal umgerechnet stolze 13€ kosten. Die Schachtel Kippen danach konnte man sich bei speziellen „Cigarette Stewards“ für schmale 8,50 Pfund (12€) dazu holen.

Das Festival- und Campinggelände vom HEVY FEST liegt idyllisch inmitten des Port Lympne Nationalparks. Natur pur also. Mit seinem Festivalticket hat man zudem kostenlosen Zutritt zum „Wild Animal Park“. Der war allerdings noch einige Gehminuten vom Festival-Tohuwabohu entfernt. Zum Glück für Tier und Mensch. Weder Löwe noch Festivalbesucher wären vermutlich über ein mitternächtliches Meet & Greet dauerhaft erfreut gewesen.

Ganz klassisch festivalgerecht bestanden die sanitären Anlagen ausschließlich aus Dixie-Toiletten. Mehr ist bei zweieinhalb Tagen Festival eigentlich auch nicht nötig. Reist man nun aber einen Tag vorher an und einen Tag später ab, wird man schnell – Achtung! – stinkig. Da wird die ein oder andere Dusche dann doch schmerzlich vermisst. Aber das gute am Schmerz ist ja bekanntlich, dass man ihn in Alkohol ertränken kann.

Es gibt ja dieses Klischee, dass das Wetter in England so launisch ist, wie ein Kind, das zahnt. Zieht man noch die küstennahe Lage des Festivals in Betracht, kann man sich beim Wetter eigentlich nur in einem sicher sein: dass man sich nicht sicher sein kann, wie es wird. Und so gab es Nieselregen, heftige Schauer, Sonne und Wolken, und Temperaturen zwischen 8 und 28 Grad. Teilweise alles innerhalb weniger Stunden. Regenmantel und Gummistiefel sollten beim HEVY also genauso Pflicht sein wie Sonnenmilch und -hut.

Ein weiteres Klischee: englisches Essen schmeckt nur Engländern. Apfelschaumwein, Baked Beans und Würtschen mit Brown Sauce zum Frühstück. Aber mal ganz ehrlich: klingt doch eigentlich nach ganz normalem Festival-Alltag. Und wer kalte Dosen-Ravioli isst, sollte sich über die Essgewohnheiten anderer Nationen nicht beklagen. Außerdem schmeckt ein gutes Cider sehr erfrischend und spritzig – und bei sommerlichen Temperaturen sowieso viel angenehmer als lauwarmes Dosenbier.

Die Briten – Binge-trinkende Hools oder penible Gentle(wo)men? Erstaunlicherweise irgendwie beides. Es gab bisher kaum ein Festival dieser Größenordnung, bei dem ich gleichzeitig so viele volltrunkene und/aber auch höfliche Menschen gesehen habe. Randale gab es nicht – zumindest keine mir bekannte. Ab und an roch es im Dixie auch mal nach Erbrochenem oder hier und da hat es einer auch gar nicht erst bis zum Dixie geschafft. Aber zeigt mir ein Festival, auf dem das anders ist. Gleichzeitig waren die am öftesten gehörten Wörter „Sorry“, „Cheers“, „Excuse“ und „Me“. Und das nicht, weil sich die Gäste generell sooft daneben benommen hätten. Sondern einfach nur so, prophylaktisch. Ob Floskel oder nicht, sei einmal dahingestellt. Der Eindruck bleibt in jedem Falle positiv. Allerdings machte sich die höfliche Zurückhaltung auch bei den Konzerten bemerkbar. Wirklich ausgerastet (so wie man das von Metal-, Punk-, oder Hardcore-Konzerten gewohnt sein könnte) wurde nicht. Hier und da wurde dezent applaudiert oder ein bisschen mitgesungen. Im Großen und Ganzen zeigte sich das englische Publikum aber eher wenig enthusiastisch. Ob die Bands das nun höflich oder unhöflich fanden, konnte ich allerdings nicht feststellen.

Zwar wurde die Sperrstunde in England 2005 offiziell abgeschafft, trotzdem beantragten nur wenige Pubs eine ganztägige Öffnungszeit. Es waren hauptsächlich Supermärkte und Tankstellen, die die Volllizenzen erwarben. Somit sind es die englischen Besucher vermutlich gewöhnt, dass es ab allerspätestens 01:00 Uhr keinen Ausschank mehr gab. Da die offiziellen After-Show-Partys eh um 02:00 Uhr endeten, war das halb so wild. Und für Leber und Dispo sowieso das beste.

Gleich drei der aufspielenden Bands gestalteten ihre Auftritte nach dem scheinbar immer beliebter werdenden „ein-Album-am-Stück“-Konzept. In Zeiten, in denen das Prinzip „Album“ allmählich auszudienen scheint und die Kids eigentlich nur noch Hits hören wollen, wirkt das ziemlich anachronistisch. Und natürlich funktioniert das Konzept auch nur für diejenigen, die dann tatsächlich auch das komplette Album abfeiern. Das kann – auch entsprechend der Berechenbarkeit des Sets – dann auch schon mal für Fans zur Geduldsprobe werden. Bei den GET UP KIDS – bei denen überraschend wenig los war – ging das Konzept, zumindest für mich, voll auf. Was aber auch an der Homogenität, Stärke und Zeitlosigkeit des gespielten Albums „Something to Write Home About“ liegen mag (das im September übrigens 16-jähriges Jubiläum feiert!).

Bei COHEED & CAMBRIA, die ihr Werk „In Keeping Secrets of Silent Earth 3“ zum Besten gaben, sah die Sache schon wieder anders aus. Obwohl früher großer Fan, musste ich mir rückblickend eingestehen, dass das mitlerweile 12-jährige Album nicht nur große Hits, sondern auch große Längen zu bieten hat. Die Zugabe bestehend aus „Ten Speed“, „You Got Spirit, Kid“ und „Welcome Home“ entschädigte aber für die durch gelangweiltes Rumstehen entstandenen Rückenschmerzen. THE FALL OF TROYs „Doppelganger“-Album hat mich vor 10 Jahren schon nicht so richtig umgehauen und das hat sich auch durch deren Auftritt nicht mehr relativieren lassen. Die Songs sind einfach auf einem so hohen technischen Niveau und von solcher Geschwindigkeit, dass Steigerungen nicht mehr möglich sind und sich ziemlich schnell Langeweile einstellt. Außerdem gab es scheinbar bandinterne Spannungen, die sich auf der Bühne in Nickligkeiten in den Ansagen äußerten. Das war einem als Zuschauer dann fast schon etwas unangenehm.

THRICE, die sich offiziell eigentlich seit 2011 eine Pause gönnen, scheinen sich hingegen so gut zu verstehen wie eh und je. Immer noch in Originalbesetzung spielte die Band ein ziemlich starkes und hartes Set, das sehr ausgewogen zwischen alten und (verhältnismäßig) neuen Sachen pendelte. Nachdem die Band 2015 einige Konzerte spielte (und noch spielen wird), besteht eine leise Hoffnung auf ein neues Album in 2016.

Das schöne an solchen Nischen-Festivals ist ja, dass man sich auch mal wahllos vor eine der Bühnen stellen und eine Überraschung erleben kann. Und hiervon gab es einige – positive wie negative.

HEVY FEST Tops

Top waren vor allem YOUTH MAN. Ein Trio aus Birmingham, das unglaublich energiegeladenen, noisigen Punk spielt, der irgendwo zwischen The Thermals, Death From Above 1979 und UK-Punk aus den 70ern changiert. ARCANE ROOTS und HACKTIVIST, die im UK gerade richtig steilgehen, abseits der Insel aber weitestgehend unbekannt sind, konnten ebenfalls durchweg überzeugen. Die einen mit melodieverliebtem Alternative-Rock, der auch vor Metal-Elementen und Breakdowns nicht zurückschreckt. Die anderen mit politischem Nu Metal, der zu Linkin Park genauso passt wie zu Enter Shikari (und jetzt lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte, das Nu Metal im nächsten Jahr seine Renaissance erleben wird!). HORSE THE BAND gehörten für mich bis dato immer zu den Bands, denen ihr Live-Ruf voraus eilt, die ich aber bisher nie live gesehen habe. Tatsächlich war deren Auftritt dann die vielleicht unterhaltsamsten 30 Minuten des Festivals. „Nintendocore“ klingt ja schon per se nach Spaß. Dann ein Triangel-Spieler (!) in rosafarbener Trainingsbekleidung (!!), der sich mit seinem eigenen Knie (!!!) eine Platzwunde am Auge zuzog (!!!!), ein Keyboarder in goldener Radlerhose, der aussieht wie Napoleon Dynamite und sein Instrument bearbeitet wie einen Boxsack, und ein Sänger, der weder sich noch alle anderen ernst nimmt. Kurz um ein ziemlich heftiges Intermezzo. Heftig waren auch CHON aus San Diego. Allerdings in anderer Hinsicht. Das Trio spielt modernen Jazz, der mit einem Fuß im Indie-Rock steht und ungefähr so klingt, als würde man eine Platte der Pat Matheny Group auf vierfacher Geschwindigkeit abspielen. Das, was der Intrumental-Band dann an Gesang fehlt, kompensieren sie einfach durch Virtuosität an den Instrumenten und Taktwechseln in ihren Arrangements. Teilweise war das schon ziemlich abstrakt, aber eben auch ziemlich beindruckend.

HEVY FEST Flops

Was wären Festivals ohne Flops und Ausfälle? Richtig, nur halb so interessant. Wirklich schlechte Bands gab es natürlich nicht und Geschmack ist ja immer auch subjektiv, trotzdem gab es auch auf dem HEVY FEST die ein oder anderen Stirnrunzel-Momente. Zum Beispiel bei PROTEST THE HERO, die ihren Auftritt stocksteif absolvierten und stattdessen lieber auf ihre Club-Shows verwiesen („Da geht’s richtig ab!“). Das sowieso schon zurückhaltende Publikum dankte es der Band mit noch mehr Zurückhaltung. Die Luft knisterte förmlich vor Spannung: wer schläft zuerst ein – Band oder Publikum? Gewinner dieses Wettkampfs: die Bar.

Hitziger zur Sache ging es dann bei MILK TEETH, die eigentlich ein starkes Stück Neo-Grunge/Punk ablieferten, dann aber scheinbar Ärger mit Stagehands und/oder Bühnentechnikern hatten. Weil sich Sänger und Gitarrist Josh auf der Bühne nicht genug hörte, fing er an, Mikroständer und anderes Bühnenequipment umzutreten. Der Rest der Saiten-Fraktion stieg schon bald mit ein und zerlegte fleißig mit. Die Techniker drehten irgendwann dann trotzig den Sound ab und MILK TEETH gingen noch trotziger von der Bühne. Kurt Cobain hätte dieser Auftritt sicher gefallen.

Nicht wirklich schlecht, aber durchweg deplatziert wirkten FORT HOPE aus Hertfordshire, die optisch Trancecore hätten spielen müssen, stattdessen aber mit kitschigem Breitwand-Pop-Rock daherkamen. Abgedroschene Phrasen und Plattitüden gepaart mit langweiligen Riffs und zwischenzeitlichen Versuchen, dem ganzen Einerlei mit Breakdown-Ansätzen etwas mehr Härte und Individualität zu verleihen. Diese bemühten Versuche konterkarierten den Falsettgesang und die 80s-Hairmetal-Gitarrensoli nur noch mehr und ließen das Ergebnis nur noch lächerlicher wirken. Man hatte stets den Eindruck, als wären FORT HOPE gerne viel mehr – und vor allen Dingen anders. Aber Management und Plattenfirma wollen lieber die nächste Radiosingle für das US-amerikanische College-Radio geschrieben haben. Gemessen an der verhaltenen Publikumsreaktion des sowieso kaum vorhandenen Publikums, gehören FORT HOPE dann am Ende sicher zu den größten Verlierern des HEVY FEST 2015.

Mehr Infos:
hevyfest.com
facebook.com/HevyFest

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