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HURRICANE FESTIVAL 2005, Scheeßel, Eichenring

29 Juni 2005 No Comment
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HURRICANE FESTIVAL 2005

Der erste Eindruck: wir sind durch Zufall auf einem Gothic & Dark Metal Festival gelandet. Überall Menschen mit langen Klamotten und geschminkten Augen. Aber dann ging uns ein Licht auf: Wir sind im Norden und im Norden ist das Wetter schroff. Das Campinggelände in Scheeßel ist seit Jahr und Tag nicht mehr als ein dreckiger Acker und so treiben einem ungemütliche Böen den Staub als Make-up an die Augen. Man konnte also schon fast von Glück sprechen, dass dann und wann ein klärender Schauer vom Himmel fiel.

Aber Festival wäre ja nicht gleich Festival, könnte man den Aspekt Wetter nicht als zeitweilig belanglos herabstufen. Kleine Hilfsmittel in Form von Pavillons, Alkohol, etc. erwiesen sich da als nützlicher denn je, das mit 60.000 Besuchern zum zweitgrößten Festival Deutschlands herangewachsene Hurricane überwiegend elegant zu meistern. Dass der ursprüngliche Motocross-Ring und die Festival Organisation dieser Menschenmasse allerdings nicht immer gewachsen waren, stellt den wohl negativsten Punkt des Wochenendes dar. Unnötige Verletzte im Gedränge während des Auftritts der Beatsteaks, lange Wartezeiten beim Einlass (und selbst am schmutzigsten aller Dixis) und hoffnungslos überfüllte Gigs waren die Folgen. Umso besser, dass man den eigentlichen Grund der Anreise, die Musik (ist doch so?), als Leitfaden heranziehen kann, um das Festival in guter Erinnerung zu behalten

Doch auch da lässt es sich nicht vermeiden, mit Kritik zu beginnen. Man hat es zwar durch einen zusammengestückelten Zeitplan versucht, aber eine Überschneidung mancher Bands auf den beiden Bühnen ließ sich anscheinend nicht vermeiden. Was schon im letzen Jahr zu einigem Ärger geführt hatte (I Am Kloot), gab auch dieses Mal Anlass zu dem ein oder anderen „Fuck them“ (wieder: I Am Kloot). Die hatten nämlich das Pech mit ihren beseelten Songs auf der kleineren und leiseren der beiden Bühnen gegen 3 doors down anzutreten, die ihrerseits, auch wenn sie keiner hören wollte, von der großen Bühne das ganze Gelände und eben auch die zweite Bühne beschallen durften. I Am Kloot trugen es mit Ironie und ihr Auftritt war dennoch mal wieder spitze. Vielleicht suchen sie ja auch gerade diese Konfrontation.

In einem anderen, eher lustigen Fall kam es zur Rivalität von Rammstein und Oasis. Die deutschen Provokateure wollten sich einfach nicht an den vorgeschriebenen Zeitplan halten und überzogen mit ihrem tatsächlich atemberaubenden Feuer- und Symbolspektakel am späten Freitagabend gleich um 20 Minuten. Oasis, die hinter der kleinen Bühne auf ihren Auftritt warteten, schien das weniger zu gefallen; sie wollten spielen, und zwar nicht gleichzeitig mit Rammstein. Der Festival Organisation lag eine kurzfristige Absage der unberechenbaren Dickköpfe aus England offenbar nicht sehr am Herzen und so wurde den verdutzten Rammstein einfach der Strom abgeschaltet. Während diese mit wieder menschlicher Körpersprache ihren Unmut kundtaten, trat das Publikum schon seine allstündliche Völkerwanderung an, um den zu Anfang etwas lahmen, aber später immer euphorischeren Gig der Gallaghers zu verfolgen.

Vor Oasis hatten am Freitag bereits Ken als nicht ganz ebenbürtiger Ersatz für den verhinderten Richard Ashcroft, die sehr überzeugenden The Stands, Kettcar mit einem furiosen Heimspiel und  die Menge vor der kleinen Bühne begeistert.

Boysetsfire, Turbonegro inklusive der obligatorischen und jedes Festival überflutenden Turbojugend hielten die härter gepolten Leute vor den äußerst energischen Nine Inch Nails und der Rammstein-Show in Atem. Ein erster Tag also, der es definitiv in sich hatte.

Wer es Samstagmittag um halb zwei schon wieder auf die Beine geschafft hatte (und das waren tatsächlich einige), hatte die Gelegenheit sich bei einem der ersten Biere von Olli Schulz, dem Otto Waalkes des Grand Hotel van Cleef, unterhalten zu lassen. Hatte man sich die Zeit genommen, noch länger an der kleinen Bühne zu bleiben, sollte man erleben, wie aber auch dieser Gig von der in jeder Hinsicht fantastischen Feist getoppt wurde. Mit ihrer bezaubernden Stimme, der Gibson in der Hand und den Compadres von Broken Social Scene und Phoenix im Hintergrund war sie einer der großen Lichtblicke des Festivals.

Während einer leichten Durststrecke mit den nicht mehr als soliden Trail of dead, Slut und Millencolin und dem kurzfristig ausgefallenen Gig von Athlete, ging es stetig dem Showdown des Abends entgegen. „Killing in the name“ mit der Stimme von Chris Cornell klang zwar etwas merkwürdig, aber Audioslave ließen die Menge trotzdem kochen. Kurze Zeit später schraubten Phoenix die Gemüter mit gewohnt unkompliziertem Auftreten und tanzbaren Melodien wieder etwas herunter bevor System of a down zum Hammerschlag ansetzten. Das ging dann auch lange Zeit gut, bis schließlich ein Stromausfall den endgültigen Knockout verhinderte; sie spielten weiter ? über ihre eigenen, viel zu leisen Verstärker. Wer dann immer noch nicht genug hatte, konnte sich einen der Reunion-Gigs von Dinosaur Jr. und ihren über und über mit grauen langen Haaren bewachsenen Lead-Gitarristen J. Mascis anschauen. Ihre Show wirkte leider etwas belanglos für das jüngere Publikum, aber es war ja auch schon ziemlich spät.

Der zweite Festival Morgen ist immer schon mit erheblichen Wohlseins Einbußungen verbunden, so auch am Hurricane-Sonntag. Nachts Regen, morgens Kater, insofern man nicht die gesamte Nacht mittels Megaphon seine extreme Trunkenheit verkündete und steigerte. 12.50h erscheint ansonsten ja als eine humane Zeit, an diesem Tag aber eine besondere, denn Madsen, die neue deutsche Indie Hoffnung aus dem Hause Universal, spielen auf der großen Bühne. Eine besonders frühe Zeit nichtsdestotrotz. Wie das so ist, wenn man eine Band unbedingt sehen will, aber auch auf morgendliche Minimal Pflege und Erstration Dosenbier nicht verzichtet, man verpasst den Anfang.

So auch in meinem Fall, noch schnell durch den Hochsichheits-Ordner-Trakt und ab nach vorne. Von weitem zeigen die Leinwände eine keineswegs nur schlaftrunkenen Masse zu deutschen Tages- und Lebensbejahenden, wenn auch manchmal sehr eingängigen, Texten und rockenden Gitarren abgehend, zu „Immer Mehr“, „Vielleicht“ und zu guter letzt „Die Perfektion“. Besser kann ein Tag kaum beginnen.
Doch das Programm am letzten Tag ist voll gepackt, das schlechte Gewissen, so viele gute Bands verpasst, verschlafen, vertrunken, verlaufen oder verpeilt zu haben, zwingt zum vollen Ausschöpfen des Überangebots an guter Musik.

Freute man sich gegen Mittag noch einzelne Sonnenstrahlen zu erhaschen, so wusste Moneybrother mit dem wiederkehrenden Regen, Stage-slidender weise das Publikum zu animieren, das Wetter einfach als gegeben zu nehmen und Soul in sein Herz zu lassen.

Mit den Uruguayianern La Vela Puerca und danach Ska-P war das Drumherum vollends egal. Positive Musik kann man da nur sagen, die so viele Menschen zum Tanzen, nicht Pogen, bewegte, dass einige Brummkreisel-artig spätestens zu „Legalilacion“ völlig abdrehten.

Holte man den verdreckt verschmockten Timetable aus der Tasche, konnte man immer wieder feststellen, dass man kaum Zeit hat zum Camping Platz zu gehen, nach Ska-P direkt im Anschluss auf der kleineren Bühne: I Am Kloot, Beck, New Order und dann Queens Of The Stoneage. Hammer! Beck machte die beste Show des Tages, dieser kleine charismatische Showman weiß einfach wie man ein Konzert musikalisch wie artistisch gestaltet, erster Song „Devil’s Haircut“. Zu „Black Tamburine“ trat auch sein Perkussion, Backing Vocals, Tänzer und Synthie Mann ins Rampenlicht und tanzte sich einen ab, wie man es so noch nicht gesehen hat, von da an war er der Star, bis sich die Band außer Beck himself zu einem unglaublichen Glas und Tisch Getrommel an einem Essenstisch zusammenfand.

So ging der Tag dahin, Band nach Band, eine besser als die andere, The Queens Of The Stoneage, was will man sagen. Großartig. Als letzte Band, die mit der wohl größten Anhängerschaft, zählt man die Ärzte T-Shirt Träger. Man sang zu alten Kamellen und johlte gegen die „braune Scheiße“. Somit war der musikalische Teil des Festivals abgehackt, jetzt hieß es die letzten Vorräte zusammenraffen und noch mal so richtig feiern, wenn der verbrauchte Körper noch mitspielt. Titti Twister? Titti Twister! Was wie ein Massen-Dorfjugend-Besäufnis aussieht, kann an einem solchen Wochenende doch noch Freude schenken, bis die ersten das morgige Vorhaben früh für die Abreise aufzustehen, äußerten und sich auf den mittlerweile Zelt-geleerten und Müll-befüllten Weg zum Zelt zu machen.

Der dritte Festival Morgen ist ja meist der beschissenste, dieser war es, die ganze Nacht Dauer Regen, ein halb verlassener Acker, überall Müll, letzte Kohle Reste von verbrannten Zelten, die unter ständiger Beobachtung der berittenen grünen Reiter standen und war das Feuer noch so klein von Feuerwehr unter bejubelten Interesse der Brandstifter gelöscht wurde. So ist das halt, was hat man noch zu erwarten vom Alltag, wenn man ein Wochenende lang so viel Gutes und Beeindruckendes gesehen, erlebt und gehört hat. Das einzige was dann den leidigen Nachhauseweg von Festivals erträglich macht, sind die Erlebnisse, die man in sich trägt und das dringende Bedürfnis nach einer Dusche.

www.hurricane.de

Text: Timo Wiesmann und Manuel Kalb

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