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KETTCAR – 26.01.2020, Düsseldorf, Stahlwerk

29 Januar 2020 No Comment
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Es sind keine guten Zeiten für Kettcar-Fans. Der Spielzeughersteller ist insolvent. Und jetzt macht auch noch die Band komische Andeutungen. Nach der aktuellen Tour folgt eine Pause, kündigte Marcus Wiebusch an. Wann und sogar ob es weitergeht, wisse man noch nicht. Was im schlimmsten Fall fehlen wird, konnte man aufs Wunderbarste im Düsseldorfer Stahlwerk erleben.

So ein Kettcar-Konzert ist wie ein Lagerfeuer. Für eine kurze Zeit steht man mit guten Menschen beisammen, singt gemeinsam Lieder übers Menschsein und lässt die böse und schlechte Welt vor der Tür. Das ist zwar auch nur eine Blase, aber eine, die sich verdammt gut anfühlt. Weil sie mitfühlend ist und offen. Weil sie benennt, was schiefläuft und dabei Geborgenheit und die Selbstvergewisserung bietet, auf der guten Seite zu sein. Und muckelig warm ist sie auch, denn Kettcar-Songs wärmen das Herz und wenn sich mehrere hundert Leute ins proppenvolle und lange ausverkaufte Stahlwerk quetschen, wird’s auch dem Körper warm.

Los ging es mit „Volle Distanz“ – und eigentlich ja auch schon mit den formidablen Schrottgrenze als Support, wenngleich es für die noch ein langer Weg bis zu einem auch nur ansatzweise vergleichbaren Status wie dem von Kettcar ist. Das wurde gleich beim zweiten Song der Kettcar-Setlist deutlich: „Money Left to Burn“ wurde im kollektiven Play-back von fast jedem Anwesenden mitgesungen, egal ob laut, leise oder nur für sich allein. Das war groß und ein erster Gänsehautmoment, dem viele weitere folgen sollten.

Wie kaum eine andere deutschsprachige Band haben Kettcar Zeilen und Texte am Start, die in der versammelten Zielgruppe nur kurz angetriggert werden müssen und dann parat sind und so mancher wurde gesichtet, der wirklich jedes Lied mitsang. Aber selbst wenn es nur ein inbrünstig geschrienes „Wanne Eickel“ oder der Refrain von „Landungsbrücken raus“ oder „Deiche“ war – auf die Stimmen des Düsseldorfer Publikums war an diesem Abend Verlass.

Und auf Kettcar sowieso. Hatte man zu anfangs bei „Money Left to Burn“ noch die Sorge, der breite Bläsereinsatz würde die Songs ein bisschen zu arg zermatschen, setzten sie dieses Mittel in der Folge nur noch dosiert ein beziehungsweise dort, wo es hingehört – zum großartigsten aller Liebeslieder etwa („Rettung“). Gar nichts zu meckern gab es auch an der Setlist. Die war analog zur kürzlich erschienenen Live-Platte eine fulminante Leistungsshow aus 18 Jahren Kettcar inklusive der großartigen Wiebusch-Solonummer „Der Tag wird kommen“ und einem besonderen Schmankerl in der zweiten und letzten Zugabe: den Uralt-Song „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“.

Dazu gabs, weil man sich bei allem Gefühlspathos und gesellschaftspolitischen Aussagen die Lockerheit bewahrt hat und sich auch selbst nicht allzu ernst nimmt (noch so eine großartige Kettcar-Eigenschaft), amüsante Anekdoten über Swinger-Clubs und vollgekotzte Tüten. Dass es Marcus Wiebusch am Ende sogar noch schaffte, das Düsseldorfer AK47 zu erwähnen, war da nur eines der vielen i-Tüpfelchen auf diesem Abend. Der schwirrte auch Tage danach noch in Form von Melodien und Textzeilen im Kopf rum und dabei verfestigte sich vor allem ein Gedanke: Das darfs noch nicht gewesen sein.

Text: Felix Kösterke
Fotos: Manuel Kalb

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