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KIND 44

7 Juni 2015 No Comment
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Kind 44 Hauptplakat

© Concorde

Russland unter dem stalinistischen Regime im Jahre 1953 war scheinbar weder für jung noch alt ein großer Spaß: Während der Polizist und zum Kriegsheld stilisierte Leo Demidow (Tom Hardy) im Ministerium für Staatssicherheit Dissidenten und mutmaßliche Regimegegner aufgreifen muss, die zuvor von dubiosen Quellen angeschwärzt wurden, geraten kleine Kinder regelmäßig auf die Abschussliste eines Serienmörders.

Da es im stalinistischen Paradies allerdings keine Morde geben darf (was im Film und auch in der Romanvorlage immer und immer wieder deutlich gemacht wird, nur für den Fall, dass es ein Zuschauer/Leser nicht beim ersten Erwähnen verstehen sollte), werden die Morde verleugnet, verharmlost und als verrückte Unfälle abgetan.

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Leo Demidow (Tom Hardy) und sein wirklich böser Gegenspieler Wassili (Joel Kinnaman) © Concorde

Während sich Demidow auf der Jagd nach Regimekritiker noch einen gewissen moralischen Kompass zu bewahren versucht, geht sein Untergebener Wassili (Joel Kinnaman) wesentlich rabiater vor: Er schreckt nicht davor zurück, ganze verdächtige Familien zu ermorden, ob er Ergebnisse erzielt oder nicht. Die beiden geraten immer wieder aneinander und Wassili wird schnell zum Feind, der auch in Zukunft Probleme bereitet.

An der Heimatfront läuft ebenfalls einiges schief: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, gerät auch Demidows Frau, die Lehrerin Raisa (Noomi Rapace) auf eine Liste von Verdächtigen. Da das Motto schuldig bei Verdacht lautet, muss sich Demidow schnell vor seine Ehefrau stellen, die ihm kurz zuvor gesteht, dass sie schwanger ist. Beide werden fernab von Moskau ins unterkühlte Hinterland Russlands verschifft, wo sich die Mordserie an unschuldigen Kindern zufälligerweise weiter fortsetzt. Demidow begibt sich weiter und gegen alle Widerstände auf Killersuche.

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Liebe in Zeiten des Kommunismus: Raisa Demidowa (Noomi Rapace) und Leo Demidow (Tom Hady) © Concorde

Basierend auf dem gleichnamigen Roman, adaptierte „Safe House“ – Regisseur Daniel Espinosa „Kind 44“ für die Leinwand. Trotz der interessanten Prämisse, ist ein furchtbar konventioneller Thriller und kein besonders interessantes Drama daraus entstanden. Die Probleme liegen schon in der Romanvorlage begründet: Auch wenn der Autor des Romans Tom Rob Smith sicherlich genau recherchierte, hat seine Perspektive auf den russischen Staat immer etwas von einer Außenseiterposition. Er schaut in ein System hinein, für das er weder Verständnis noch ein Gefühl für dessen Perfidität hat.

Als Ergebnis laufen hier Charaktere durch den Film und versichern sich immerzu, wie verrückt diese Welt doch ist, in der sie leben. Sie wirken selbst ständig wie Neuankömmlinge und nicht wie Menschen, die schon jahrelang von Propaganda und einem totalitären System geschwächt wurden.

Was neben einer recht kompetenten Regie, aber besonders ärgerlich ist, sind die schlechten Dialoge, in denen Charaktere ständig berichten, was sie gerade gemacht haben, was sie machen während sie gerade etwas machen und was sie in Zukunft tun werden und für jede ihre Handlungen eine Erklärung abliefern. Solche ungelenken und unnatürlichen Dialoge entstehen meistens aus Angst davor, dass der Zuschauer dem Plot nicht folgen kann (Vielleicht hat hier das produzierende Studio interveniert). Der Nachteil ist allerdings, dass die Figuren geradezu eindimensional wirken.

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Zwei Schauspielgrößen kämpfen gegen das Unrecht und ein schlechtes Drehbuch: Gary Oldman und Tom Hardy © Concorde

Tom Hardy und Noomi Rapace (die beide im letzten Jahr im wesentlich besseren Thriller „The Drop – Bargeld“ mitgewirkt haben) und ein später im Film dazu stoßender Gary Oldman tun ihr Bestes, dem entgegenzuwirken. Das prominente und talentierte Ensemble hat allerdings keine Chance gegen unfreiwillig komische Dialoge und das an Lächerlichkeit aneckende psychologische Porträt eines Serienkillers. Hinzu kommt der von Joel Kinnaman dargestellte Gegenspieler Wassili, der Feigling und Sadist zugleich ist, und nicht mehr holzschnittartiger Bösewicht hätte sein können, wenn er einen Schnurrbart hätte, den er in jeder Szene diabolisch zwirbeln würde.

Nach einer interessanten Story-Prämisse bewegt sich „Kind 44“ in bekannten Thriller-Gefilden und das noch nicht einmal besonders gut, originell oder interessant. Stattdessen tischt er bis zur Unerträglichkeit Klischees und lächerlich einfältige Dialogen auf. Dies ist umso erschreckender, wenn man bedenkt, dass ein Drehbuchveteran wie Richard Price, der an Serien wie „The Wire“ mitgeschrieben und Drehbücher zu Klassikern wie „Die Farbe des Geldes“ in seinem Lebenslauf stehen hat, ein mittelmäßiges Buch noch schlechter machen kann.

KIND 44

Starttermin: 04.06.2015
Darsteller: TomHardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Vincent Cassel, Fares Fares, Charles Dance, Josef Altin
Regie: Daniel Espinosa
Kamera: Jan Roelfs
Drehbuch: Richard Price
basierend auf einem Roman von: Tom Rob Smith
Musik: Jon Ekstrand
Produktion: Ridley Scott, Michael Schaefer, Greg Shapiro
Ausführende Produktion: Adam Merims, Elishia Holmes, Douglas Urbanski
Co-Produzenten: Matthew Stillman, David Minkowski, Oliver Wood

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