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KINO – Radio Voltaire

14 März 2018 No Comment
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Was John Mitchell (ARENA, LONELY ROBOT, FROST*), John Beck (IT BITES), Chris Maitland (damals PORCUPINE TREE) und Pete Trewavas (MARILLION, TRANSATLANTIC) da vor dreizehn Jahren veröffentlichten, war ein Diamant unter den zeitgenössischen Prog-Alben. Die Supergroup KINO haute 2005 ein Album mit dem simplen Namen „Pictures“ raus und traf mitten ins Herz der Prog-Fans und Kritiker. Der britischen Kombo war es gelungen, gemeinsam ein wundervolles Album zu komponieren, das nur so vor Ohrwürmern und Prog-Balladen strotzte.

Mitchells traurig-raue Stimme, ein edles Drumming Maitlands, perfektes Bassspiel vom umtriebigen Trewavas und zauberhafte Keyboards des gealterten IT BITES-Pianisten John Beck ergaben eine rundum gelungene Mischung. Die Platte hatte schnell einen Platz in meinem Herzen und dauerhaft im Plattenschrank. Die vielbeschäftigten Akteure sollten nach der Veröffentlichung leider nicht wieder in dieser Form zusammen kommen. Bis jetzt!

Natürlich gab das feuchte Hände und Verzückung, als John Mitchell jüngst die Nachricht eines neuen KINO-Werkes zur Veröffentlichung im März bekannt gab. In den sozialen Netzwerken freuten sich die Progfans weltweit. KINO ist erstklassig. Erneut konnte Großmeister Mitchell Genre-Namen zusammentrommeln. Pete Trewavas ist wieder am Bass dabei. Am Schlagzeug spielt niemand geringerer als Steven Wilsons neuer Drummer Craig Blundell. Die Crème de la Crème des Genres ist vereint auf „Radio Voltaire“. Schon praktisch, wenn man als Bandleader Exzellenz-Musiker wie Blundell in der Kontaktliste des smartphones hat.

Platte aus Versehen

Dabei war KINOs Zukunft nicht wirklich geplant und John Mitchell wird am wenigsten daran gedacht haben. Was laut Presseinfo als drittes LONELY ROBOT-Machwerk Mitchells vorgesehen war, wurde auf Anraten des Labels InsideOut eine neue KINO-Platte. So simpel kann es manchmal laufen. Wo das nächste Mitchell-Solo-Ding zu verfrüht erschien, war eine neue KINO-Platte mehr als überfällig. Danke, liebe Labelchefs! Denn „Radio Voltaire“ ist eine tolle Platte geworden.
Zugegeben wird es die Band nicht leicht haben, denn das Debüt hat die Messlatte hochgesetzt und Progfans sind kritisch, ja oft erbarmungslos, wie sie auch fanatisch lieben können.

Gelungener Nachfolger

„Radio Voltaire“ ist ein mehr als gelungener Nachfolger – so viel kann man schon einmal verraten! Erneut gelingt es der Band, gut produzierte Radiofreundlichkeit und Popappeal mit absolut tightem Neo-Prog zu kombinieren. Es geht cineastisch zu bei KINO. Große Fläche, vielschichtige Arrangements und allerhand Studiozauber machen die Platte zu einer bunten Sache, wie schon das psychedelische Cover vermuten lässt. Diese Band bzw. das Wirken von Hauptschreiber John Mitchell ist irgendwie näher am Musical als am klassischen Rock.

Große Melodien

Und Wert wird auf die überbordenden Melodien gelegt. Hier zeigt Mitchell wieder, dass er von sanft, leise und in hohen Lagen bis wütend, entschlossen und rau ein breites Spektrum singen kann. Eine Stimme mit Wiedererkennungswert und hörbares Zentrum einer guten Platte.
Es geht hoch emotional zu, ohne hysterisch zu wirken. In „I Won’t Break So Easily Any More“ singt Mitchell trotzig und entschlossen, dass niemand ihn mehr unterkriegen könne. Er habe gelernt stark zu sein. „Idlewild“ ist eine zarte Ballade, wie sie auch aus der Feder eines Andrew Lloyd Webbers stammen könnte. Piano und Gesang bestreiten diesen Song zu Beginn alleine, um dann in einem großen Finale mit sahnigem Gitarrensolo zu münden. „Temple Tudor“ ist eine herrlich britisch klingende Nummer. Akustikgitarren, 12-Saiter, kein Schlagzeug und viel Epos. Als würde der Seemann Mitchell am heimeligen Lagefeuer eine fesselnde Geschichte voll Sehnsucht und Wärme erzählen. Das mag alles furchtbar kitschig klingen. KINO können so etwas aber machen, ohne dass man sich fremdschämt.

Starke Kontraste

Doch keine Sorge. In den elf Songs ist noch genug Platz für laute Gitarren, heftiges Progdrumming und aggressive Synthies. „The Dead Club“ ist vertrackt. Die Riffs laufen gegeneinander. Mitchell singt zynisch über Rockklischees und den Zustand von Musik. Im B-Teil zeigt man sich gibbelig wie CARDIACS.
„I Don´t Know Why“ ist ein schönes Liebeslied. „You drive me crazy, it never ends. Every single day, like some Doris Day. I don´t know why you are the first thing on my mind. I gonna love you til I die“ singen die Männer von KINO. Klar, auch die Herren 7/8-Progrock haben mal Beatles gehört. Zuckersüß!
In „Out Of Time“ beweist die Band aber schnell wieder die Kunst des Zählens. Entrückte Zählzeiten, krumme Takte und abgehackte Drumbeats. Jeder Liebhaber von ungerader Musik wird das schätzen.

„Warmth Of The Sun“ ist dann wieder ein starker Kontrast und ziemlicher KINO-Moment. John Beck und John Mitchell legen viel Gefühl in Piano und Stimme. Mehr braucht es nicht. Diese Facetten machen „Radio Voltaire“ zu einer spannenden Platte. „Grey Shapes On Concrete Fields“ zeigt die hohe Kunst starker Refrains. Power-Rock mit einem Gänsehaut-B-Teil. Beschreiben ist schwer – man sollte es hören. „Keep The Faith“ ist nahe an KAISERZ ORCHESTRA in seiner Operettenhaftigkeit. Stark soll diese Platte enden: „The Silent Fighter Pilot“ ist ein Lied, mit dem KINO recht düster-betrüblich wüten. Ein STEVEN WILSON-Abgang. Ein wildes Solo, Orchester-Bombast und auf einem Riff herumreiten. Mitchells Stimme verliert sich auf letzten Wegen. Die Instrumente wüten weiter. Straightes Schlagzeug, schreiende Gitarre, bebende Streicher. Wie gerne würde ich das live erleben. Der Vorhang zieht sich zu, die Vorstellung ist vorbei. Das KINO schließt. Gut gemacht!

Fazit: Ein würdiges Comeback mit einer modern klingenden Platte. KINO haben sich die wunderbaren Eigenschaften ihres Debüt erhalten und wagen doch neue Melodien und Stimmungen. Diese Herren haben eine tiefe Liebe für ihre Musik. Es ist schön, dass dieses Album offensichtlich ohne Druck, Erwartungen und viel Drumherum geschaffen wurde. Gerne können wir noch einmal ein Jahrzehnt warten, wenn dabei solch Alben entstehen.

Hinweis: Zu den angegebenen Bonus Tracks findet sich keine Erwähnung in der Kritik, da diese der Pressebemusterung nicht beilagen.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 23.03.2018
insideoutmusic.com
www.facebook.com/KINObandofficial

Tracklist:

  1. Radio Voltaire
  2. The Dead Club
  3. Idlewild
  4. I Don’t Know Why
  5. I Won’t Break So Easily Any More
  6. Temple Tudor
  7. Out Of Time
  8. Warmth Of The Sun
  9. Grey Shapes On Concrete Fields
  10. Keep The Faith
  11. The Silent Fighter Pilot
    – Bonus tracks –
  12. Temple Tudor (Piano Mix)
  13. The Dead Club (Berlin Headquarter Mix)
  14. Keep The Faith (Orchestral Mix)
  15. The Kino Funfair
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