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BERTHOLD SELIGER – Das Geschäft mit der Musik

18 Februar 2015 No Comment
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berthold_seligerBerthold Seliger hat Ernst gemacht: Kürzlich verkündete er über seinen kontroversen Newsletter, seine Konzertagentur nach über 25 Jahren endgültig zu schließen, regelmäßig kritisierte er darin die Großen der Musikbranche – In BERTHOLD SELIGERs – „Das Geschäft mit der Musik“ begründet er auf mehr als 350 Seiten seine Missbilligung der neoliberalen Kulturindustrie nun akribisch mit Verweisen auf Walter Benjamin, Niklas Luhmann, Adorno und Horkheimer, aber auch mit Zitaten aus Keith Richards Biografie.

Als Agent und Konzertveranstalter von Lou Reed, Patti Smith, Calexico, Lambchop und Pere Ubu weiß der Gelegenheitsautor wovon er spricht. Das Geschäft mit der Musik ist kein Zuckerschlecken und es geht nicht (mehr) um Kunst und Moral. Multinationale Konzerne haben das Ruder in der Hand und da steht der Kommerz eben im Vordergrund. Aber auch Musikjournalisten und Politiker bekommen ihr Fett ab. Die Toten Hosen, Presseverlage, die Spex, die Deutsche Grammophon, sein Lieblingsfeind Dieter Gorny und Apple sowieso. Sie alle haben ihm mit ihrer „dumpfen Propaganda“ die Lust an der Musik als Kunstform getrübt.

Natürlich ist der Aufschrei und die Systemkritik in BERTHOLD SELIGERs „Das Geschäft mit der Musik“ nichts unbedingt Neues, aber er seziert mit seinem kenntnisreichen Insiderwissen ohne Rücksicht auf Verluste, wie die Musikbranche mit den „Fans“ Monopoly spielt. Konzerte sind ihm nach keine kulturellen Ereignisse mehr, sondern eine „privatisierte Lifestyle-Zugabe zu bereits getätigtem Konsum“. Und der Ticket-Monopolist CTS Eventim diktiert dabei die Preise.

Früher war alles besser, findet Seliger. „Die Konzerte und Festivals fanden im Geiste der Kommune, im Geist der Gleichheit statt“. „Es gab keine Werbung, nirgends. Keine Logos von Konzernen, keine schrill ballernde Werbung, kein Sponsoring, kein Flyermüll.“ Aber Seliger ist Realist genug, um auch Vorschläge zu machen, wie es besser laufen könnte, ohne eine Zeitmaschine zu erfinden. Die Künstler und kleinen Firmen seien der Schlüssel. Er stellt auch fünf konkrete Thesen zur Urheberrechtsreform auf. Und das Internet sei auch eine Chance. „Heute“, schreibt er, „kommt es mehr denn je darauf an, Haltung zu zeigen“.

„In einem Anfall von Größenwahn“ hatte Seliger in seiner Heimatstadt Fulda versucht, Kultur zu veranstalten, die er dort vermisste. Trotz finanzieller Desaster, begann er als Tourneeveranstalter zu arbeiten. Im Jahr 2000 zog er mit seiner Agentur dann nach Berlin. Zu Beginn seines Sachbuches erklärt er den Lesern daher erst einmal, wie das Geschäft im Detail funktioniert. Was macht ein Agent im Vergleich zum Tourveranstalter, was ist ein 360-Grad-Deal, wie werden Gagen ausgehandelt und was wünschen sich Bands, wenn „White Socks“ auf dem Rider steht.

Zwar besteht das faktenreiche Buch aus teilweise bereits erschienenen Beiträgen Seligers, und Aktuelles wie Spotify, Bandcamp oder Paypal finden keine Betrachtung, doch „Das Geschäft mit der Musik“ ist sicherlich eines der besten seiner Art und macht unheimlich Spaß beim Lesen. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle Musikinteressierten.

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