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CHRISTINE NEDER – 40 Festivals in 40 Wochen

19 Februar 2015 No Comment
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neder-festivalsCHRISTINE NEDER ist ein hoffnungsloser Fall. Nachdem schon ihr erstes großes Projekt „90 Nächte, 90 Betten“ für einiges Aufsehen gesorgt hat, musste sie sich nun an ein Abenteuer wagen, dessen Ausmaße ihr wahrscheinlich vorher nicht ansatzweise klar waren. „40 Festivals in 40 Wochen“ – und das heißt bei Christine Neder nicht etwa, die westfälische Provinz oder das Münchener Umland nach ein paar Scheunenveranstaltungen abzuklappern. Die Reise geht in einem wilden Zickzackkurs von den USA über Finnland, die Karibik, Ungarn, Spanien bis ins östlichste Brandenburg und wieder zurück. Allein die Existenz dieses Buchs ist der reine Wahnsinn.

Nun muss man sich allerdings Fragen, welches Ziel „40 Festivals in 40 Wochen“ haben soll. Ein Reiseführer durch die absurde, karnevaleske Welt der Festivals kann es kaum sein. Vor allem nicht von einer Frau, die mit 27 vor diesem Projekt nur auf einem einzigen Festival war – weil sie Karten für das Melt! gewonnen hat. Und so wird schnell klar, dass Christine Neder einen Selbsterfahrungstrip der extravaganten Sorte unternommen hat. Mit einer Protagonistin, die keine Ahnung hat, wo sie eigentlich hin will, dort aber nicht schnell genug ankommen kann. Jack Kerouacs „On The Road“ im Wunderland der Festivals, wenn man so will.

Genau aus diesem Grund treibt es die Heldin dieser Reise eben nicht nur auf reine Musikfestivals und schon gar nicht auf kaum zu ertragende Massenveranstaltungen. Natürlich geht sie auch zu „Rock am Ring“, spielt Flunkyball, trinkt aus einer Bierbong und sieht sich sogar ab und zu ein paar Bands an. Aber das sind nur Eckpfeiler auf einer viel spannenderen Reise. Und auf dieser trifft sie die Erdbeerkönigin von Florida, findet sich inmitten eines Massenpicknicks mit zauberhaften Hippie-Familien wieder, lässt sich vor lauter Verwirrtheit ein Treffen mit Amy McDonald und Lauryn Hill entgehen, und bricht in den Armen eines fremden Spaniers heulend zusammen, als sie versehentlich bei einem Stiefkampf im Publikum sitzt.

Die Frage, wonach Christine Neder auf diesem Trip eigentlich sucht, bleibt sie allerdings bis zuletzt schuldig. Natürlich sind die – in diesem Buch nur all zu oft formulierten – Fragen an die seltsame Welt der Festivals so einfach wie kompliziert. Es geht um Realitäts- und Alltagsflucht, die Überwindung sozialer Grenzen, und natürlich um die Menschen, die sich bereitwillig auf diese Mini-Abenteuer einlassen, von denen hier gleich 40 abgearbeitet werden. Und dass dieses Buch eigentlich nur Fragen aufwirft, ohne je zu Erkenntnissen zu kommen, liegt vor allem daran, dass Christine Neder trotz aller mitgemachten Exzesse immer nur Zaungast bleibt. Ihren Zynismus kann sie aus reinem Selbstschutz nie ganz ablegen.

So läuft sie in einer bezeichnenden Episode an einem Montag über die Überreste des Highfield Festivals und spielt eine Runde Karten mit ein paar übriggebliebenen Campern. Sie schreibt: „Drei Typen, die nicht in die Realität zurückkehren wollen. Dort wartet die Frau mit dem untergejubelten Balg, das Reihenhaus muss abgezahlt werden, der stinklangweilige Vertreterjob zerrt an den Nerven, der Anzug kneift von zu viel Frustbier, das Auto kommt nicht mehr durch den TÜV und jeden gottverdammten Sonntag läuft Bauer sucht Frau im Fernsehen.“ Das weiß Christine Neder. Einfach so. Und da der ironische Wink mit dem Zaunpfahl in solch einer von Klischees überladenen Beschreibung natürlich überdeutlich ist, bleibt nur die Schlussfolgerung, dass Christine Neder genau vor diesem Klischeebild der kleinbürgerlichen Hölle auf der Flucht ist. Und das ist auch der Grund, warum sie die Erdbeerkönigin von Florida im Grunde nicht ernst nimmt. Und warum die „retromodernen Ostraver“ auf dem Sunrise Open Air in Zwickau bestenfalls ihren Spott verdient haben.

Man könnte der Journalistin Christine Neder diese schützende Distanz nur all zu leicht vorwerfen. Der Protagonistin der irrwitzigen Reise „40 Festivals in 40 Wochen“ aber nicht. Diese stolpert durch einen Coming of Age Roman, der letztlich keiner ist, weil er als Lerneffekt lediglich bereithält, dass es keinen Lerneffekt gibt. Und sie ist mit ihrer skeptischen Blickweise auf Exzess und Etikette, auf Anarchie und lokale Heimeligkeit am Ende die denkbar ehrlichste Festivalbesucherin. Denn Toleranz und Offenheit halten auf Festivals nur so lange, bis man erschöpft aber glücklich wieder die Heimreise antritt. Und wenn Christine Neder am Ende ihrer Reise am Grab von Johnny Cash steht und auf 40 Versuche zurückblickt, in unbekannte Parallelwelten einzutauchen, dann gebührt ihr alleine dafür Respekt.

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