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FEHRENSCHILD/KELLER – No Future? – 36 Interviews zum Punk

19 Februar 2015 No Comment
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no-futureEin Idiot ist auch in der Lederjacke ein Idiot.

Die beiden Journalisten und Autoren, Michael Fehrenschild und Gerti Keller, haben gut drei Jahre in die Frage „No Future?“ investiert und von ihren 36 Interviewpartnern sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Parallel dazu hat der Fotograf Dominik Plietsch die Protagonisten besucht und in ihrem persönlichen Umfeld abgelichtet. Herausgekommen ist eine lesenswerte Dokumentation über Punks der ersten Generation.

No Future – das prangte nach Erscheinen der Sex Pistols’ Single „God save the Queen“ auf vielen Badges und Jacken. Gut, dass Dicken bekannt geworden als Sänger von Slime, im Interview mit Fehrenschild und Keller die Parole richtig zuweist. „… dieser Begriff ‚No Future’ ist immer falsch verstanden worden. Denn Mr. Johnny Rotton … hat gesungen: ‚No Future for you’ und das richtete sich an das britische Königshaus und nicht an uns …“ Das britische Königshaus stand und steht stellvertretend für die Mächtigen, die Regierungen, all die Kräfte eben, die über das Schicksal eines Volkes entscheiden – und hat im Grunde nichts von seiner Aussagekraft eingebüßt. Daran hält der gebürtige Hamburger und St. Pauli-Fan Dicken bis heute fest.

Nämlich weiterhin gegen den Staat und seine gewählten Vertreter zu sprechen und zu singen. „Dieser Manchester-Turbokapitalismus schlägt doch immer härter zu, insofern sind die Texte von Slime aktueller denn je.“ Eine Einstellung, die nicht unbedingt auf alle 36 Interviewpartner zutrifft. Und darin liegt die Spannung des Buches.

So kommen auch Menschen zu Wort, die sich ins Private zurückgezogen haben. Wie Annette, Gründerin der Band Bärchen und die Milchbubis, die heute als Art Direktorin und Grafikerin arbeitet. Sie räumt ein vor allem beruflich brav geworden zu sein, obwohl es ihr manchmal schwerfällt gewisse Themen grafisch gestalten zu müssen. Headlines wie ‚Von der Piste in die Kiste und ins Büro – und wie man es schafft, immer gut auszusehen’ sind ihr ein Grauen.

„Da denke ich: ‚Ich gebe mir die Kugel’, und hoffe, dass die Leute darüber lachen und das nicht ernst nehmen, was ich aber befürchte.“ Vergleicht man die Aussage mit ihrem kernigen Zitat aus Jugendtagen „Ich wollte beim Pogo tanzen an Herzinfarkt sterben“ sieht man eine fast schon schwindelerregende Kluft vom jugendlichen Punk zur Ehefrau und zweifachen Mutter.

Es sind aber genau diese Gegensätze, die den Reiz der Interviews ausmachen. Nicht jeder Punk bleibt wie Dicken überzeugt dabei. Einige scheitern beim Versuch Punk die Treue zu halten. Andere haben Punk vollkommen hinter sich gelassen und leben erfolgreiche, Kapitalismus orientierte Karrieren.

Viele versuchen substantiellen Ideen des Punk treu zu bleiben und dennoch beruflich wie auch privat ihre Wünsche und Träume zu erfüllen. Nicht ganz einfach, aber Xaõ, Drehbuchautor und Gründungsmitglied der Düsseldorfer Band Family 5, bringt es gut auf den Punkt: „Ein Punk ist auch im Anzug ein Punk und ein Idiot ist auch in der Lederjacke ein Idiot.“

 

Autorin: Cynthia Blasberg

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