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LUDWIG KRAMER – As we are drifting

14 Juni 2016 No Comment
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ludwig kramer as we are drifting cover

Dieses Album müsste mit einem „ex-Agitation Free“ Aufkleber auf dem Cover in den Handel kommen.

Wenn jemand im Alter von 62 Jahren im Vorruhestand ist, ist das normal, wenn jemand in dem Alter sein bis dato zweites Album veröffentlicht ist das ungewöhnlich und schafft Anlass für Spekulationen. Wer ist Ludwig Kramer? Und: wer ist Agitation Free?

Ludwig Kramer ist ein West-Berliner durch und durch obwohl er in Potsdam als Sohn einer Opernsängerin und eines Schauspielers geboren wurde. In frühen Jahren war er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und war in den sechziger Jahren musikalischer Kopf, Sänger und Gitarrist der Gruppe Agitation Free. Sie waren Ende der Sechziger Jahre neben Tangerine Dream und Ash Ra Tempel Teil einer West-Berliner Szene um Thomas Kesslers Beat-Studio, die heute als Berliner Elektronische Schule bekannt ist und internationale Protagonisten der Krautrock-Szene wurden. Ausufernde Freestyle Improvisationskonzerte kombiniert mit Kunstperformances vor allem im damaligen Zodiak Free Arts Lab am Halleschen Ufer waren Pflicht, pures Nachäffen oder gar „Covern“ angloamerikanischer Vorbilder war streng verpönt.

Kombiniert mit einer angespannten politischen Atmosphäre geprägt durch Studentenproteste der außerparlamentarischen Opposition gegen die Große Koalition und Notstandsgesetzgebung sowie bewusstseinserweiternde chemischen Substanzen gab es für Kramer ungeahnte Möglichkeiten, die er konsequent in der Mauerstadt weiterverfolgte.

Regularien wie feste Setlisten oder gar Plattenaufnahme „für die Konserve“ verpönte er, stattdessen lebte er für das hier und jetzt – jammte mit Rio Reiser von Ton Steine Scherben und wohnte als jüngstes Mitglied in der legendären Kommune K1. Die Band wollte aber Ruhm und Erfolg, die es nur durch einen Plattenvertrag gab – konsequenterweise verließ er die Gruppe (ob freiwillig oder unfreiwillig sei dahin gestellt). Die Freude an der Musik verließ ihn nie, so schloss er sich der Band Walpurgis an, aber auch dies sollte für ihn nur ein Gastspiel sein.

Nach der Auflösung der K1 ging die Suche für ihn weiter, er verlässt Deutschland auf dem Hippie Trail und endet in Thailand wo er die nächsten Jahre verbringt. 1982 erfolgt eine Zäsur und – back to the roots – die Rückkehr nach Deutschland. Er lässt sich in Griesheim bei Darmstadt nieder und wird Leiter eines Pflegeheimes in Offenbach.

Doch der Rock and Roll holt ihn wieder ein: Im November 1997 gibt es eine Agitation Free-Reunion im Berliner Tränenpalast anläßlich des fünfzigsten Geburtstages von Lüül (Nico, 17 Hippies) bei der auch Kramer dabei ist. Inspiriert durch das Zusammentreffen mit seinen alten Bandkollegen beginnt er die Arbeit an einem eigenen Album, das drei Jahre später veröffentlicht wird.

„Being content“ ist exakt das – Kramer im hier und jetzt angekommen, im Frieden mit sich und der Welt. Komplett allein eingespielt, wagt er sich zaghaft auf die Bühne zurück. Als Schauspieler hat er diese schon gesehen und hat auch keine Einwände Lieder, die in ihm stecken zu veröffentlichen. Unterstützung erfährt er durch einen, der ihn einst als sein eigenes Vorbild bezeichnete: Manuel Göttsching. Der Ashra / Ash Ra Tempel-Boss / Gitarrist und Krautrock-Epigone tritt mit Kramer bei der Record Release Party 2000 auf und gibt ihm kreative Rückendeckung.

Kramer bleibt weiterhin aktiv und spielt ein zweites bis dato unveröffentlichtes Album ein. „Crossing the lines“ ist Krautrock pur oder – sollen wir sagen? – Post-Rock pur.

Mit „As we are drifting“ hat er ein klassisches Singer-Songwriter-Album abgeliefert, das er mit tatkräftiger Unterstützung eingespielt hat. Neben seinem Sohn Arian Kramer überzeugt vor allem Chris Gross am Schlagzeug. Gesanglich unterstützen ihn Sandra Friedmann (Vocalive, Hot‘n Spicy), Kerstin Grünewald, Dominique Blumberg sowie Alexandra Katharina, die Kramers Gesang, der dem von Sky Saxon (The Seeds) ähnelt, kongenial ergänzen. Die sechziger Jahre haben ihre Spuren hinterlassen und vor allem das klassische Songwriting von Lennon-McCartney spiegelt sich in Kramers Kompositionen wider. Der Opener „I am alright“ ist ein zackiger Rolling Stones-beeinflusster Rocker mit psychedelischen Acid Rock-Gitarren. Psychedelisch geht es weiter bei „Unreachable“, das die Leichtigkeit des Westcoast-Rocks mit Pop vermischt.

„Coffee Shop Blues“ erschien bereits auf Kramers Debüt „Being content“, wird aber hier in einer Band-Version präsentiert. Alto Pappert von Kraan steuert Saxophon bei und Kramer brilliert an der Leadgitarre.

Auch in Balladen überzeugt Kramer – sei es in „Reduced“ (textlich im Stile John Lennons „Jealous guy“), „It is to good to be true“, „Memory train“ (erinnert entfernt an „Michelle“ von den Beatles mit seiner absteigenden Melodie), das folkige „Love of my life“ und “You are my everything“ (das mit seiner simplen aber effektiven beatlesquen Melodie ein Radiohit werden könnte). Airplay dürfte ihm auch mit dem Titelstück „As we are drifting“ gewiss sein, ein eleganter folkiger Shuffle mit Amy McDonald-Touch, der wunderbar sonnig daher kommt.

Aber auch die Schattenseiten des Lebens kennt Kramer – sei es beim bluesigen „By the end of the day“, das Gary Moore zu seiner „Still got the Blues“-Phase nicht besser hätte schreiben können, oder bei „Long dark road“, das ein Signal gegen Konformismus setzt denn Kramer singt, „I am not ready for the rocking chair, I’ll make my stand, I want to smell fresh air in another land.“

In einem anderen Land sieht sich Kramer auch in „Beyond the scales“, das wie ein Flashback nach 1967 mit seinem Pink Floyd-ähnlichen Doom-Akkorden klingt. Zu guter letzt geht es nochmal auf den Krautrock-Zug – unterstützt durch seinen alten Kumpel Burghard Rausch (Radio-DJ bei Radio Bremen, Autor und Agitation Free-Drummer), Alto Pappert (Kraan-Saxophonist), Axel Heilhecker (Gitarrist von Wolf Maahn & die Deserteure, Sunya Beat) geht Kramer auf den musikalischen elfminütigen Sequenzer-Trip. Dieser Song schließt den Kreis und stellt eindrucksvoll unter Beweiss, dass die „alten“ Krautrocker mit den heutigen Elektronic-Künstlern locker mithalten können. Atmosphärische Flächen wechseln sich mit beeindruckenden Gitarrenduellen zwischen Kramer und Heilhecker ab während Rausch hinten dicht macht.

Dieses Album ist in Krautrockkreisen so eine Sensation als ob Syd Barrett – Pink Floyds Genie – wieder ein Album gemacht hätte. Kramer überzeugt in der Singer-Songwriter-Klasse, seine Krautrock-Stärken stellt er auch eindrucksvoll unter Beweis. So ist es nun überfällig, das bis dato unveröffentlichte „Crossing the lines“ Album, u.a. mit Manuel Göttsching eingespielt, zu veröffentlichen. Verkäufe bei Krautrock-Fans in Japan, Polen, Brasilien oder USA wären ihm gewiss.

Die für Mai 2016 geplante Agitation Free Reunion-Tour ist leider nicht zustande gekommen, Ludwig Kramer setzt seine musikalische Duftmarke und seine ehemalige Band würde gut daran tun mit ihm auf Tournee zu gehen. Dieses liebevoll und mit Bedacht auf Details eingespielte Album ist ein Grund. Die Kompositionen folgen nicht den gängigen Pop-Schemata, sondern überraschen mit unerwarteten Breaks und versteckten Details, die erst beim wiederholten Hören auffallen.

Dieses Album schreit förmlich danach live präsentiert zu werden, also hoffen wir auf Konzerte. Bis dahin: hören und genießen. Bitte mehr davon, viel mehr.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 11. März 2016
lutzludwig.com
Label: Content Records

Tracklist:
1. I am alright
2. And I got lost
3. Unreachable
4. Coffee Shop Blues
5. Reduced
6. By the end of the day
7. Long dark road
8. As we are drifting
9. It is good to be true
10. Memory train
11. Beyond the scales
12. You are my everything
13. Love of my life
14. Crossing the lines

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