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LÜÜL & BAND – Wanderjahre

27 September 2015 No Comment
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luul wanderjahreLieder aus dem Leben – West-Berliner Urgestein mit Teil-Werkschau: Bei manchen Künstlern in der kurzlebigen Pop- / Rock-Branche wünscht man sich sehnsüchtig ein neues Album / Lebenszeichen, bei manchen verzichtet man gerne darauf. LÜÜL (bürgerlich: Lutz Ulbrich) überrascht die Musikwelt immer wieder mit einem neuen Tonträger wenn man am wenigsten damit rechnet.

Der Mann ist viel herumgekommen, spielte in den 60ern / 70ern in einer der wenigen wirklich wegweisenden und international anerkannten Krautrockbands ever – Agitation Free. Er verdiente sich seine Brötchen bei Manuel Göttschings Ashra, tourte und lebte mit Nico (ex-Velvet Underground) in den USA, und machte Theater mit dem Rocktheater Reineke Fuchs bevor er sich dann als Solokünstler aufmachte, die Welt zu erobern.

1995 kam er zu den 17 Hippies, einem lockeren Verbund Berliner Musiker, die eine bunte musikalische Mischung aus Folk, Klezmer, World Music, Polka, französischem Chanson und viel Entertainment auf der Bühne abfeuerten. Sie bereisten die Welt und machten sich viele Freunde. Dass sich Lüül dort „nur“ als Banjospieler verdingte, störte ihn nicht.

Parallel dazu spielte er mit Kollegen von den 17 Hippies und Umfeld kleine aber feine akustische Alben ein, die ihn als einen genauen und sensiblen Beobachter menschlicher Verhaltensmuster ausweist.

„Wanderjahre“ ist sein mittlerweile neuntes (!) Solo-Album und wurde unter dem Namen Lüül & Band veröffentlicht, da es live im Studio aufgenommen wurde. Das Cover zeigt 4 Menschen und einen Esel im ausgebombten Nachkriegs-Berlin. Lüül ist natürlich der Zirkusdirektor mit dem Taktstock, daneben sehen wir einen Cowboy, eine Artistin mit einem Esel, und einen Jungen in Uniform.

Der Opener und zugleich die 1. Single-Auskopplung „West-Berlin“ ist das Lied, das kurioserweise bisher noch keiner der Berliner Künstler geschrieben geschweige denn veröffentlicht hat. Es erzählt, ähnlich wie einst Billy Joels „We didn’t start the fire“, die West-Berliner Nachkriegsgeschichte in 4 Minuten und 14 Sekunden, die Lüül auf seine unnachahmliche Berliner Art rappt.

Die darauf folgenden Lieder sind entweder a) Neu-Aufnahmen bekannter Lüül-Hits, b) Kunstlieder / Vertonungen von Gedichten oder c) neue Songs.

Von den Re-Recordings überzeugen „Maria“ (ein wunderschönes westcoastiges Liebeslied von seiner 1983er LP „und ich“ – diesmal in der Bandversion), natürlich seinen grössten Hit „Morgens in der U-Bahn“ (Suicide – ick hör dir trapsen) mit einem Cajun-Akkordeon, das augenzwinkernde „Verkehrsteilnehmer“ als Tanznummer mit einem Akkordeon / Geige Arrangement und das chillige „Telefon“ als Bonus-Track.

Leider kann Lüül mit den neuen Stücken nicht immer das Niveau halten („Draussen“ ist langweilig und wartet mit einem Puhdys-ähnlichen Refrain auf), dafür entschädigt „Samara“, das im Irak spielt und die Begegnung mit dem Tod in Storytelling-Manier schildert. „Shibuya“ wurde inspiriert von sieben Agitation Frees-Konzerten im „Shibuya O-West“ in Tokio 2007 – die wundersame Atmosphäre des Tokioer Stadtteils lässt Lüül in einer minutiösen Beschreibung der Bewohner, Gerüche und Verhaltensweisen auferstehen. Der wohl schönste Song des Albums wird von einem „The 59th Street Bridge Song (Feelin‘ Groovy)“ (Simon & Garfunkel) ähnlichen Refrain mit wunderschöner fernöstlicher Melodie-Führung gekrönt.

Getanzt werden darf bei vielen Lieder, so auch bei der „Fährenaffäre“, das einen Cajun-Rhythmus hat. Lüül greift zur elektrischen Gitarre und setzt ein prägnantes Gitarrensolo drauf.

Berliner halten zusammen und so covert er das bekannte Tom Waits-Stück „In the neighborhood“, das 1983 auf seinem kongenialen „Swordfishtrombones“ Album erschien und von Maurenbrecher mit einem deutschen Text übersetzt wurde, der sich erfreulicherweise nicht sklavisch an das Original hält, sondern den Kontext zur Gegenwart sucht. „Mennoniten-Mädel“ ist ein Flashback an eine Momentaufnahme – ein Kekse verkaufendes Mädchen in Chihuahua, das einen bleibenden Eindruck bei Lüül hinterlassen hat. „Gehst mir nicht aus dem Schädel“singt Lüül in einem Garagen-Rocker.

Die Kunstlieder überzeugen leider nicht – so finden sich Lieder mit Texten von Erich Kästner, Goethe und Werner Richard Heymann, die auf diesem Album untergehen.

Lüüls Gesang variiert zwischen sanft / leise oder punkig, schreiend wobei er mir viel besser gefällt. Seine langjährige Band ist eingespielt und versteht sich blind. Allein Akkordeonist Kruisko ersetzt eine komplette Rhythmus-Gruppe und ist das „Powerhouse“ der Lüül-Band. Kerstin Kaernbach an der Geige, Bratsche und singenden Säge setzt Akzente. Neuzugang Daniel Cordes – und natürlich singen alle zusammen.

„Wanderjahre“ ist ein Zwitter-Album – teils live im Studio „Best of“, teils neue Songs primär mit Band oder vereinzelt solo – das einen heterogenen Eindruck vermittelt.

Auch wenn die Rerecordings bisweilen nicht an die Originale herankommen, bereitet das Album einen Einblick in den weiten lüülschen Kosmos. Die Liebe Lüüls zu seinen (alten wie neuen) Liedern ist gross und ihre Qualität sowie Darbietung unbestritten. Wer sich für handgemachte Lieder aus dem Leben interessiert, ist bestens bei ihm aufgehoben. Vielleicht wäre ein „richtiges“ Live-Album die bessere Alternative gewesen. Letztlich kann das Album nicht den Eindruck eines Live-Konzertes in einem Club ersetzen, daher besucht Lüül auf einem der Konzerte der „Wanderjahre“ Tournee wenn er nicht gerade mit den 17 Hippies die Welt bereist. Ihr werdet es nicht bereuen.

Bewertung: 5 von 6
Format: CD, MP3
Label: M.I.G. (Vertrieb SPV)
www.luul.de
www.mig-music.de
VÖ: 19.06.2015

Tracklist:
1)    West-Berlin
2)    Draußen
3)    Maria
4)    Kleines Solo
5)    Samarra
6)    Morgens In Der U-Bahn
7)    Verkehrsteilnehmer
8)    Das Lied Vom Einsamen Mädchen
9)    Shibuya
10)    Fährenaffäre
11)    Einladung
12)    In Der Nachbarschaft
13)    Mennoniten-Mädel
14)    Telefon (Bonus)

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