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MAIFELD DERBY – 22. bis 24.05. 2015, Mannheim

29 Mai 2015 No Comment

Marco Michael Wanda von der Band WANDA beim Maifeld Derby 2015.

Während sich im kommerziell ausgerichteten Festival-Gehege die Silberrücken MLK und DEAG um die Vorherrschaft streiten (und sich nicht selten gegenseitig ausboten und über den eigenen Größenwahn stolpern), sind es besonders die Kleinen, die Jahr für Jahr ein wenig mehr die Sympathien der Besucher sammeln. Das HALDERN POP gilt mittlerweile als alter Hase unter den Indie-Festivals und ist regelmäßig schon mehrere Monate vor dem Start ausverkauft. Auch das APPLETREE GARDEN FESTIVAL in Diepholz etablierte sich seit der Jahrtausendwende zum festen Ausflugsziel für musikbegeisterte Menschen. Seit 2010 buhlt auch Timo Kumpf mit seinem MAIFELD DERBY um die Gunst der Festivalbesucher und gallopiert seitdem im Sauseschritt auf den Titel „Lieblingsfestival“ zu.

Das MAIFELD DERBY ist Timo Kumpfs Steckenpferd.

Das MAIFELD DERBY ist Timo Kumpfs Steckenpferd.

Die Gründe dafür sind vielfältig und greifen oft auch ineinader. Timo Kumpf, Veranstalter und Organisator vom MAIFELD DERBY, ist selbst Musiker (bei GET WELL SOON) und Musikliebhaber und weiß deswegen auch genau, was er tut. Er bastelt sich sein Line-Up in liebevoller Arbeit zusammen, ähnlich wie bei einem Mixtape, und bucht nichts, was er nicht auch selbst gerne hören und sehen möchte. Anders als die kapitalorientierten Platzhirsche, die versuchen, den Profit größtmöglich zu halten, sich die teuersten Publikumsmagnete ins Boot holen und die Kosten dann auf die Besucher umlegen. Ja, die Besucher. Noch so ein leidiges Thema. Wenn nicht mehr die Musik im Mittelpunkt steht, sondern Finanzen und Event, wird der Festivalbesuch von speienden, pöbelnden, drängelnden, Motto-Shirts-tragenden Partygängern (oder -affen, um die Tiermetaphorik noch ein bisschen weiter zu bemühen) begleitet. Und das nicht in Form von Einzelfällen, sondern im wörtlichen Sinne ins Tausendfache potenziert. Es wäre etwas vermessen (und auch ein wenig unfair) zu behaupten, dass niemand, der Musik wirklich liebt, zu einem Festival wie ROCK AM RING fahren würde. Aber wer zu einem Festival wie ROCK AM RING fährt, hat zumindest auch mit Großraumdiskotheken, der Schinkenstraße oder Spring Break kein Problem.

Wer nun zum MAIFELD DERBY fährt, kann sich sicher sein, dass er all dies nicht vorfinden wird. Im schlimmsten Fall ärgert man sich über das Anstehen beim Umtausch des Bargeldes in das hauseigene Wertmarkensystem, die paar Hipster, die den Weg vom Zeltplatz zum Festivalgelände als Laufsteg nutzen, den etwas spärlich ausgeschilderten Weg zum Festival an sich und den sich manchmal und wirklich nur sehr selten überschneidenden Timetable.

Generell darf man die Auswahl der auf dem MAIFELD DERBY auftretenden Künstlter als schlichtweg großartig bezeichnen – wobei vor allen Dingen die stilistische Bandbreite und die durchweg hohe Qualität überzeugen. Kumpf hat einfach ein gutes Näschen für aufstrebende und etablierte Acts abseits des Mainstreams und lässt sich dabei nicht von Genre- oder Kapital-Scheuklappen limitieren. Trends greift Kumpf nicht nur einfach auf, sondern setzt sie selbst. Im letzten Jahr waren es vor allem BILDERBUCH und HOZIER, die sich erst während ihrer Nachmittagsslots in die Herzen des Publikums und wenig später in die großen Radio- und TV-Stationen spielten. Und auch in diesem Jahr hatte man bei mehr als einer Handvoll Acts das Gefühl, dass hier etwas Großes heranreift.

Eine Band namens WANDA.

Eine Band namens WANDA.

So zum Beispiel bei WANDA, die wie BILDERBUCH ebenfalls aus Österreich kommen und das Publikum von Sekunde Eins an durch ihre charmant rotzige Art überzeugt und in ihren Bann gezogen haben. Bemerkenswert war neben der Offenheit und Laszivität von Sänger Maro Michael Wanda vor allem der Zigaretten-Konsum der Band. An diesem Nachmittag haben sicher nicht nur WANDA, sondern auch der auf dem Gelände ansässige Zigaretten-Truck neue Fans für sich gewinnen können.

Ein weiteres Highlight war die Norwegische Künstlerin AURORA. Die gerade mal 18-Jährige verzauberte das prall gefüllte Palastzelt mit bewegendem Electropop – und das in jeglichem Wortsinn. AURORA selbst war von den vielen Gästen sichtlich gerührt, attestierte den Anwesenden, dass sie „many, many“ sind und tanzte dann völlig ausgelassen zum letzten Song des Sets über die Bühne. Ein Move, den man von der schüchtern wirkenden Sängerin noch während des Auftritts so nicht erwartet hätte.

Hoffentlich bald mit brand newem Album: BRAND NEW.

Hoffentlich bald mit brand newem Album: BRAND NEW.

BRAND NEW sind Insidern schon eine ganze Weile ein Begriff und in den Staaten längst Stars. In Deutschland spielt die Emo-Rock/Alternative-Band aus New York hingegen relativ selten auf. Kein Wunder, dass die Anwesenden Fans die Songs umso ekstatischer zu feiern wussten. Mit im Gepäck hatten BRAND NEW mit „Mene“ auch einen Song vom neuen Album, das hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen wird.

Ein weiteres Highlight waren EAST CAMERON FOLKCORE, die am frühen Sonntag Mittag aufspielten und ihren musikalischen Habitus bereits im Bandnamen tragen. Das Kollektiv aus Texas, das ausschließlich aus Multiinstrumentalisten zu bestehen scheint, überzeugte mit einer energetischen Mischung aus Folk, Indie, Rock und einer ganz kleinen Prise Hardcore. Genau das richtige also, um sich den Vortags-Kater aus den Knochen pusten zu lassen und voller Adrenalin in den Tag zu starten.

GHOSTPOET war neben ASTRONAUTALIS der einzige HipHop-nahe Act auf dem diesjährigen MAIFELD DERBY. Weil aber nicht nur die Festival-Macher, sondern auch -Besucher keine Scheuklappen kennen, kam der Brite, der seinen Spoken-Word-artigen Auftritt von einer Live-Band begleiten ließ, nicht weniger schlecht an als die ganzen Indie-Pop-Rock-Bands des Line-Ups. Im Gegenteil: das Palastzelt war mehr als gut gefüllt und das Publikum sichtlich begeistert von den gespielten Tracks. GHOESTPOET zählt sicherlich für viele zu den Überraschungen und Highlights dieses Festivals.

Die russischen Interpol: MOTORAMA.

Die russischen Interpol: MOTORAMA.

MOTORAMA gelten mit ihren treibenden Post-Punk-Songs als die russischen Interpol. Die Vergleiche mit den Genre-Legenden JOY DIVISION sind entsprechend auch nicht weit. Und weil das im letzten Jahr schon so gut bei den MAIFELD DERBYanern ankam, hat die Band auch 2015 wieder einen Slot abgreifen können. Dieses Mal dann aber nicht im Brückenaward Zelt, sondern auf der großen Fackelbühne. Ein bisschen war den Russen ihre Aufregung zwar anzumerken, das Publikum empfing sie dennoch zahlreich und mit offenen Armen und tanzenden Beinen.

GISBERT ZU KNYPHAUSEN gründete 2011 gemeinsam mit NILS KOPPRUCH die KID KOPPHAUSEN BAND. Deren Album „I“ erschien 2012 und war eine Perle des (deutschsprachigen) Indie-Rocks. Im gleichen Jahr verstarb NILS KOPPRUCH unerwartet und GISBERT ZU KNYPHAUSEN und die Musiker der KID KOPPHAUSEN BAND stürzten in ein Loch. Nachdem sich die Beteiligten einigermaßen von dem Schicksalsschlag erholt hatten, taten sie sich wieder zusammen und spielen nun unter dem Namen GISBERT ZU KNYPHAUSEN & KID KOPPHAUSEN BAND Konzerte. Entsprechend ergreifend war deren Auftritt dann auch – trotz der eigentlich beschwingten Songs. Sicherlich eines der emotionalsten Konzerte des Festivals.

Zu laut für manche Nachbarn: MOGWAI.

Zu laut für manche Nachbarn: MOGWAI.

Und dann waren da ja noch die Headliner. JOSE GONZALES gab sich am sehr späten Freitag Abend gewohnt introvertiert und verträumt. Der Schwede schaffte es, die Anwesenden im prall gefüllten Palastzelt binnen Sekunden zum Schweigen zu bringen. Das lag einigerseits sicher an der schlwelgerischen Aura und beruhigenden Musik, aber auch an der fortgeschrittenen Uhrzeit. Das völlige Gegenteil eines leisen Konzertes spielten am Samstag Abend dann MOGWAI. Laut Polizei haben sich sogar eine Nachbarn ob der hohen Lautstärke beschwert. Wer die Schotten schon mal live erlebt hat, kann sich das auch sehr gut vorstellen. ROISIN MURPHY setzte dann am Sonntag ein extravagentes, schweißnasses Ausrufezeichen mit ihrem von Disco, Techno und Pop geprägten Konzert. Kleider- bzw. Kostümwechsel zwischen Retrofuturismus und Variete inklusive. Die Ex-MOLOKO-Sängerin ist eine Diva par excellence und versteht sich nicht nur in musikalischer, sondern auch in bühnenästhetischer Eleganz und Formvollendung.

Es gibt ja kaum ein Festival, das den Tag wirklich mit einem Headliner beendet. Und da macht auch das MAIFELD DERBY keine Ausnahme. Wer vom Festival-Tag noch nicht ausgelastet war, konnte sich zu Bands wie LOVE A, ICEAGE oder VON SPAR noch die letzten Energiereserven entweder wegpogen oder -tanzen. Und natürlich gab es auf dem MAIFELD DERBY nicht nur Musik zu genießen, sondern auch ein wunderbares Rahmenprogramm bestehend aus Lesungen, Kurzfilmen, einer Open-Air-Gallerie, Poetry Slam und der allseits beliebten Steckenpferd-Dressur, bei der sich die Festivalbesucher beim Voltigieren mit bzw. auf einem Holzpferd/Steckenpferd versuchen durften.

Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Handbrot.

Festival-Atmo: Zwischen Leber und Milz passt immer noch ein Handbrot.

Natürlich ist es schwer, die Atmosphäre, das Gefühl und das Erlebte in angemessenen Worten auch nur ansatzweise wiederzugeben. Und gerade das MAIFELD DERBY ist kein Festival zum Nachlesen, sondern zum Dabeisein. Es ist gut organisiert, besticht durch seine angenehme und stressfreie Atmosphäre, die kurzen Wege, die ausgewählten und qualitativ hochwertigen Künstler und ist einfach durch und durch sympathisch. Ja, das MAIFELD DERBY ist momentan einfach das beste Pferd im Zoo, der sich deutsche Festivallandschaft nennt.

Fotos: Daniel Hadrys & Katharina Feja

Mehr Infos:
maifeld-derby.de

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