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MARIANNE FAITHFULL – Negative Capability

4 November 2018 No Comment
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Marianne Faithfull ist jetzt 71 Jahre alt veröffentlicht mit “Negative Capability” ein Album, das die ganz großen Themen aus ihrer heutigen Perspektive aufgreift: Liebe, Tod, Verlust. Und das gelingt ihr mit Unterstützung von Nick Cave, Warren Ellis, Ed Harcourt, Mark Lenegan und Rob Ellis (der nicht mit Warren Ellis verwand ist) auf wunderbare Weise.

“I know I’m not young and I’m damaged, but I’m still pretty, kind and funny” singt sie und hängt dann die Zeile “In my own particular way” an. “My own particular way”, wie der Song auch heißt, erinnert in Momenten an die Zeit in der man sich “Night in white satin” noch nicht überhört hatte und drückt Verlangen nach Liebe im Alter auf nicht nur völlig unpeinliche, sondern stattdessen überaus ergreifende Art aus.

Ebenfalls ergreifend ist der Song “Don’t go”, den sie über eine todkranke Person, die sie liebt, schrieb. “Don’t go baby, please stay a while with those who love you” eröffenet sie das Lied, schiebt gleich “My little rebel, what’s left to say? Do what they tell you. Do what they tell you.” hinterher. “Think of me, and give me another day. Don’t rush so fast towards what you know will come anyway” Zeilen, die sie mit ihrer angebrochenen Stimme singt, die jedoch noch lange nicht aufgibt und in so vielen Momenten eine ganz individuelle Schönheit transportiert. Und dann singt sie im Verbund mit Nick Cave “I do understand why you’ll want no more fucking treatment. You must do what you wish” und es treibt einem einen Kloß in den Hals.

Das Album endet mit “No moon in Paris”, einer Ballade, wie sie auch Tom Waits nicht besser hinbekommen hätte, die Faithfull zusammen mit Ed Hardcourt geschrieben hat. In Paris lebt sie seit einiger Zeit und in diesem Lied geht es um Einsamkeit und die Erinnerung an glücklichere Zeiten. “I’ve seen the moon in Morocco and I’ve seen the moon in Brazil, oh I’ve seen it in the darkest times, Coming over the hill. In Martinique it shines on the sea, but in Paris it usually shines on me. There’s no moon, no moon in Paris and it’s lonely, as lonely as can be.” Schöner kann man Traurigkeit kaum in Worte fassen und die musikalische Umsetzung steht dem in nichts nach.

Paris ist auch an anderer Stelle ein Thema. “They come at night” ist ein Song, den sie gemeinsam mit Mark Lenegan schrieb und der die Terroranschläge der letzten Jahre in Paris, insbesondere den im Bataclan, thematisiert. Dort, im Bataclan, spielte sie diesen Song bei ihrem bis heute letzten Auftritt auch erstmalig live. Als Vorabsingle wurde das gemeinsam mit Nick Cave geschriebene und auch gesungene “The Gypsy Faerie Queen” veröffentlicht. Es ist ein schönes Stück, aber bei weitem nicht so herausragend wie die bereits erwähnten Tracks. Der Opener “Misunderstanding” weiß ebenfalls zu gefallen, auch hier ist wieder der Moment, wo Caves Gesang auf den Zeilen “Only you have such allure” hinzukommt, das Element, das am Ende noch einmal eine Ebene hinzufügt. “Born to live” klingt vom Titel her sehr optimistisch, thematisiert jedoch auch schonungslos die andere Seite der Medaille. “Born to live and born to die. Aren’t they just the same?“ Und: “Pray for a good death, one for me, one for you“. Wieder der Kloß im Hals.

Es sind auch einige alte Bekannte auf dem Album. Ihren großer erster Hit “As tears go by“ hatte sie schon einmal 1987 neu aufgenommen und hier taucht er wieder auf und fügt sich erstaunlich gut in das Album ein. Dylans “It’s all over now, Baby Blue“ hat sie 1971 schon einmal für ihr damals nicht veröffentlichtes Album “Rich Kid’s Blues“, das erst Jahrzehnte später erschien, aufgenommen und war in den letzten Jahren auch ein regelmäßiger Bestandteil ihres Liveprogramms. Die neue Version ist wunderschön, es ist faszinierend, wie ein so oft gecoverter Song immer noch scheinen kann. Es ist aber auch ohne Frage ein meisterhaft geschriebenes Lied, das wahrscheinlich auch in den kommenden Dekaden noch wunderbare Interpretationen hervorlocken wird. Und “Witches song“ stammt aus ihrer Feder und erschien ursprünglich auf ihrem Meisterwerk “Broken English“ aus dem Jahr 1979. Auch diese Neuinterpretation harmoniert wunderbar mit den anderen Tracks auf dem Album.

“Negative Capability” ist auch wieder ein Meisterwerk geworden. Die Faithfull erschafft auf diesem Album sehr viele ergreifende und tief berührende Momente, die man wohl erst erzeugen kann, wenn man schon so viel gesehen und durchlebt hat wie sie. Sie spielt diese Erfahrung voll aus, bleibt dabei jedoch präsent und blickt nach vorn. Sie ist in der Tat “pretty, kind and funny in her own particular way“. Möge sie all‘ die Liebe finden, die sie sich wünscht.

Bewertung: 6 von 6

VÖ: 02.11.2018

mariannefaithfull.org.uk

Tracklist:

  1. Misunderstanding
  2. The Gypsy Faerie Queen
  3. As tears go by
  4. In my own particular way
  5. Born to live
  6. Witches song
  7. It’s all over now, Baby Blue
  8. They come at night
  9. Don’t go
  10. No moon in Paris

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