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MARTIN MEINSCHÄFER – Wer hat, der hat!

27 Mai 2020 No Comment
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Es gibt doch noch Hoffnung! Da denkt frau / man, dass die hiesigen Radio-Airwaves nur von nichtssagenden deutschen Liedermachern / Singer-Songwritern dominiert werden, deren Texte so belanglos sind, dass man sie wie ihre Namen schon nach kurzer Zeit vergessen hat. Von der Musik möchte ich hier gar nicht reden, die ist so weichgespült, dass jegliche Ecken und Kanten rausgewaschen wurden.

Nun taucht da einer wie Phoenix aus der Asche auf, der in den schrillen Achtzigern selber Popstar war und weiß, wie das Geschäft läuft: Martin Meinschäfer, seines Zeichens ehemaliger Sänger der Frankfurter Kult-Rockband Hob Goblin. Hob Goblin wurde zwar mit Bands wie Flatsch, Rodgau Monotones und Feinbein aufgrund ihrer geographischen Heimat in einen Topf geworfen, spielten aber in einer anderen, nämlich höheren / international orientierten Liga. Wer coverte schon The Tubes („Talk to you later“ wurde bei ihnen zu “Mit Dir red ich später!“) und lieferte funky, poppig-rockige Songs ab? Mit ihrem letzte Album „Brot und Spiele“ waren sie 1987 kurz davor das nächste, neue heiße Ding zu werden, traten in diversen Fernsehshows auf – da löste sich nicht nachvollziehbar die Band auf.

Cut! 33 Jahre später beweist Sänger und Gitarrist Martin Meinschäfer auf „Wer hat, der hat!“, wo der Frosch die Locken hat.

Solche bissigen und intelligenten Texte, die mit einem Augenzwinkern daherkommen, gab es seit seligen Rio Reiser-Zeiten nicht mehr zu hören.

16 Lieder hat Martin all by himself (Gesang, Backing vocals, Gitarren, Keyboards, Programming, Percussion, Engineering) with a little help of his friends eingespielt und diese haben es in sich. Man merkt, wieviel Leidenschaft und Herzblut er in dieses Album gesteckt hat.

Der Opener „Börsenmelodie“ rechnet mit dem heutigen Musikgeschäft ab und rattert in „We didn’t start the fire”-Manier die ganzen Unzulänglichkeiten ab („Top 40 Nutte musst du sein… eine Melodie ist nichts mehr wert… bescheißen kann ich mich auch allein!“). Als nächstes kommt die AFD und Pegida an die Reihe, die in „Vor die Wand gefahren“ in einem Robinson Club-Feeling-Song mit Deutschrap-Einlage (!) erkennt: „Doof bleibt doof!“.

„Wo können wir hin“ ist eine Oasis-artige Hymne, die Westcoast Rock mit einem beatlesken Refrain veredelt. Das Motto: Nicht reden, einfach machen! Adorno dient hier übrigens als Inspiration und Textvorlage.

Das eingängige und folkige „Willst Du meinen?“ ist DER Sommerhit des Jahres 2020 und müsste eigentlich im Radio auf Heavy Rotation sein. Hier klingt er so schnoddrig von André Herzberg von der Berliner Gruppe Pankow (noch so eine Combo, die völlig unterbewertet ist).

Der renommierte Trompeter Joo Kraus (bekannt von seiner Zusammenarbeit mit Ober-Kraan-Starbassist Helmut Hattler) brilliert auf „Bunt“ und dem sommernächtlichen Liebeslied „Wahnsinn“, das mit seinen jazzigen Akkorden und Bossa Nova-Rhythmus glatt von Hob Goblin hätte stammen können. Groovig geht es mit „Umsonst ist der Tod“ (nette Hommage an Pink Floyd’s „Money“ mit Kassen-Intro!) und seinem Rap / Sprechgesang weiter. Hier kommt die Hookline gepfiffen daher und die Moral der Geschichte ist: „Nichts nimmst Du mit!“.

In „Blinde Passagiere“ geht es um die Erderwärmung und der Verschwendung von Ressourcen („Mutter Erde weint“) und einem schönen Saxofon-Part von Marco Zügner, der wieder selige Hob Goblin-Zeiten aufleben lässt.

BLINDE PASSAGIERE PROMO CLIP

Weitere Radiohits sind das westcoastige „Weitergehen“ mit einem schönen „Wir leben!“ Refrain und „Komm doch mal“. Ein wunderbar luftiges, lebensbejahendes Sommer-Autofahr-Lied mit akustischer Gitarre und südamerikanischen Flair. Tolle Gitarrenfills und -licks sowie ein pumpender Bass runden den Song ab. „Auf „Weitergehen“ lässt er seine exzellente Stimme laut erklingen und stellt unter Beweis, was für ein toller Frontmann / Sänger er immer noch ist.

Wir wissen, dass Martin ein Checker ist und das Worldwide Web nicht braucht („Wie es geht“) – Henrik Fleischader liefert ein tolles, funkiges Gitarrensolo ab.

In „Zwischen 8 und halb 10“ geht es um eine Affäre und heimliche Rendezvous, die in einem coolen „Billy Jean“-artigen Lalala-Groove in Steely Dan-Manier daherkommt. Starproducer Lothar Krell (Hob Goblin, ex-Tokyo) brilliert an den Keyboards und tippt seinen Stetson in Richtung „Riders on the storm“ von den Doors. Das Frankfurter Mädsche Linda Rocco unterstützt mit souligen Backing Vocals und Raimund Salg spielt dazu eine heiße, jazzige Gitarre.

Was Frau Geißen einen „Burner“ nennen würde, serviert Martin im abschließenden „Nur mich“ – einer wunderschönen großen Power-Rock-Ballade, die wieder Trends eine Absage erteilt und wieder zwischen Beatles und Westcoast Rock balanciert. Eine tolle Leadgitarre von Henrik Freischlader rundet den Song ab.

Bei einer Laufzeit von 71 Minuten mit 16 Songs, wobei nur 2 Ausfälle zu verzeichnen sind, halte ich das Album für exzellent und mit 6 absolut radiotauglichen Hits hätte es verdient gehabt, bei einer großen Firma veröffentlicht zu werden, um Martin durch die Fernseh- und Musikhows dieses Landes zu schicken. Aber die Zeiten haben sich geändert und die großen Labels sind nur noch an einem schnellen Euro interessiert. Ganz bewusst wurde dieses Meisterwerk konsequenterweise übrigens nicht bei Spotify veröffentlicht.

Nun schreien die Songs geradezu danach live präsentiert zu werden. Also hoffen wir auf mehr in Kürze. Bis dahin gibt es das Album nur bei Martin / Megaphon Tonstudios zu bestellen. Buy or die!

Und: Welcome back Meinschäfer! Das Warten hat sich gelohnt. Und vielleicht gibt es ja auch wieder eine Hob Goblin-Reunion.

: 22.04.2020
Bewertung: 5/6
Web: https://www.megaphon-tonstudios.de/details/wer-hat-der-hat.html
Label: Sombrero Records

Tracklist:
Börsenmelodie (6:25)
Vor die Wand gefahren (3:53)
Wo kämen wir hin (4:43)
So viel (3:47)
Willst du Meinen? (3:25)
Bunt (4:01)
Wahnsinnig (4:42)
Das Babylon System (5:16)
Umsonst ist der Tod (4:00)
Blinde Passagiere (3:49)
Schmerzensgeld (3:46)
Weitergehen (3:55)
Komm doch mal (4:42)
Wie es geht (3:29)
Zwischen 8 und halb 10 (6:17)
Nur mich (5:59)

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