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MAX GOLDT – Draußen die herrliche Sonne (6-CD-Boxset)

23 Dezember 2019 No Comment
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Max Goldt ist denjenigen, die in den letzten dreißig Jahren geboren wurden, wohl bestenfalls als Literat bekannt. Oder als Teil des großartigen Comicteams Katz & Goldt. Viele haben ihn auf Lesungen erlebt. Aber die Zahl derer, auch aus den Ü-30ern, die ihn als Sänger auf der Bühne erlebt haben, dürfte überschaubar sein. Und auch der Versuch sein musikalisches Wirken über Tonträger oder Streams kennen zu lernen war bislang nicht ohne Schwierigkeiten, denn sein Werk ist vergriffen und die alten CDs oder LPs werden zu stolzen Preisen gehandelt.

Aus diesem Grund ist es sehr erfreulich, dass Tapete Records jetzt eine sehr umfassende Werkschau des musikalischen Wirkens von Max Goldt aus dem vergangenen Jahrhundert heraus bringt, das sein Werk wieder zugänglich macht. 6 CDs sind natürlich eine sehr große Menge Material und bei einem Künstler, bei dem das Attribut „sperrig“ ein durchaus positives Qualitätsmerkmal darstellt, braucht es Motivation sich da durchzuarbeiten.

Foyer des Arts (oder nur „Foyer“, wie Insider die Band nannten – darüber klärt Goldt im Booklet auf) sind die Formation, mit der Goldt nicht nur seinen einzigen kleinen Hit („Wissenswertes über Erlangen“) hatte, sondern auch seine besten Resultate ablieferte. Einen großen Anteil an der Qualität der Band hat das andere Bandmitglied, der Gitarrist und Songschreiber Gerd Pasemann, mit dem Goldt in Jahren von ’81-’95 insgesamt 5 Studio-Alben sowie eine Doppel-Live-LP veröffentlichte. „Erlangen“ war im Sog der „Neuen Deutschen Welle“ einer der Songs, die auf keiner Compilation fehlen durften, und schaffte es sogar in die ZDF-Hitparade (eine Sternstunde des TV!). Essentiell dagegen sind die beiden Alben „Die Unfähigkeit zu Frühstücken“ (1986) und „Ein Kuss in der Irrtumstaverne“ (1988), die wohl das beste sind, was an deutschsprachiger Popmusik in der zweiten Hälfte der 80s erschienen sind. Beide Platten sind mit so essentiellen Großtaten wie „Kaiserschnitt“ oder „Ein Lied aus unendlich schwerer Zeit“ vertreten, hätten jedoch noch stärker berücksichtigt werden können.

Für die Fans, die die Platten bereits besitzen, bietet die Box eine Vielzahl von un- oder nur als CD-Bonustracks veröffentlichten Songs aus allen Phasen der Band, so dass er hier einiges zu entdecken gibt. Neben der Kollaboration mit Gerd Pasemann, ist die mit Stephan Winkler, die unter dem Namen Nuuk lief,  das zweite Bandprojekt von Goldt und diese wird auf der dritten CD ausführlich beleuchtet. Nuuk veröffentlichten ein Album unter dem Titel „Nachts in schwarzer Seilbahn nach Waldpotsdam“ und planten auch einen Nachfolger, der jedoch nie erschien. Der musikalische Ansatz war im Gegensatz zu „Foyer“ ganz klar elektronisch und gitarrenarm.

Winkler war an einigen Neu-Einspielungen bzw. -Produktionen, die für die Box angefertigt wurden, beteiligt. Die meisten Songs klingen so als wären sie entweder von den Platten, die David Bowie in den Mitt-90s gemacht hat, beeinflusst, oder aber von den Künstlern, die auch Bowie inspiriert haben. Darunter sind aber Perlen, wie „Mein Feuer macht noch Fehler“ oder „Dies ist deine Jugend“. Auch das neu erstellte „Die Ratten“ ist stark. Auf Dauer wird aber doch deutlich, dass das Songwriting und die Arrangements von Pasemann im Verbund mit Goldt einen hochwertigeren Output geschaffen haben.

Die CDs 4 und 5 beinhalten Tracks aus den Soloplatten von Goldt aus den 80ern und 90ern, bei denen er die Musik allein geschrieben und produziert hat. Viele davon haben eher den Charakter von Sprechtexten mit musikalischer Untermalung. Aber auch instrumentale Werke finden sich darunter, bei denen sich Goldt vielleicht nicht so bewusst war, dass seine Stärke in den Worten liegt. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass viele von den Texten dieser Tracks ganz wunderbar in Büchern funktionieren, während die instrumentalen Passagen in erster Linie die technischen Möglichkeiten der Low-Budget-Produktion der damaligen Zeit dokumentieren.

Die sechste CD versammelt allerlei Tracks aus unterschiedlichen Phasen, die Goldt gern in der Box haben wollte und die aber aus irgendwelchen Gründen nicht zu den auf den anderen CDs passten. Hier findet man Kleinode aus „Foyer“-Tagen, wie z.B. aus dem 10“-Minialbum „Die seltsame Sekretärin“ oder auch Episoden aus der „Familie und…“-Reihe, die man damals bringen konnte, aber heute in Zeiten politischer Korrektheit undenkbar wären („Familie, Pubertät und Haarwuchs“, „Familie und Gewaltanwendung“). Großartig auch sein Beitrag zu einem „Lindenstraße“-Huldigungs-Sampler („Jeden Sonntag bin ich glücklich“).

Tapete Records gehört Dank zugesprochen, dass sie sich an ein so aufwändiges Unterfangen gewagt haben. Auch wenn nicht alles auf dieser Kompilation essentiell ist und jeder, der mit dem Werk Goldt’s vertraut ist, eine Top-5 der Songs, die hier fehlen aus der Hüfte schießen könnte, ist dies eine wunderbare Dokumentation. Eine, die einem leider auch vor Augen führt, welches Niveau provokative Kunst im Musikkontext im vergangenen Jahrhundert hatte. Das Äquivalent des 21. Jahrhunderts wäre wohl der deutschsprachige Gangsta-Rap. Vielleicht war früher doch alles besser.

Bewertung: 5 von 6

VÖ: 13.12.2019

https://www.tapeterecords.de/artists/max-goldt/

Tracklisting:

CD1 (Foyer des Arts)

1.    Drums on my mind
2.    Senf drauf!
3.    Ich habe Geld und würde gern
4.    Ein Elvis-Imitator auf dem Wege zu sich selbst
5.    Kaiserschnitt
6.    Stärker für „Sie“, schöner für „Ihn“
7.    Umbalme mich
8.    Eine Königin mit Rädern untendran (Gerd Bluhm Remix)
9.    Mein lila Reisebügeleisen
10.    Dein Kuß war Heimatkunde
11.    Heavy Metal
12.    Toulouse-Lautrec
13.    Zwei Refrains
14.    Gleichzeitig? Das kann ich nicht.
15.    Schimmliges Brot (Single-Version)
16.    Schwester Waltraud
17.    Ratschlag eines reformierten Herrn
18.    Ein Haus aus den Knochen von Willy Brandt (Live)
19.    Schleichwege zum Christentum (Live)

CD2 (Foyer des Arts)

1.    Die toten Augen von Deutschland
2.    Dans la ville blanche
3.    Ein Fuß der Dame Anton
4.    Unter meinen Fingernägeln
5.    Flugstunden und Autostunden
6.    Amyle
7.    Olympia (Prä-Bullerbü-Version)
8.    Komm in den Garten
9.    Könnten Bienen fliegen
10.    Das Leben ist uninteressant
11.    Hubschraubereinsatz
12.    Zimt auf Samt
13.    Penis – Vagina
14.    Eingecremter Arbeiter
15.    Ein Lied aus unglaublich schwerer Zeit
16.    Trends
17.    Comment and create
18.    Neue Freunde
19.    Was ist super? (Nachbau)

CD3 (Nuuk)

1.    Zusammen
2.    Die Ratten
3.    Dies ist deine Jugend
4.    Anspruchsvolle Seele
5.    Mein Feuer macht noch Fehler
6.    Smaragdring
7.    Spaß an der Schönheit des Glücks
8.    Schuhe
9.    Mach mir mein Bett in Deinem Mund
10.    Unheimlich dick
11.    Anderthalb Magnesium für jeden
12.    Drei Tasten
13.    Wenn man keinen kennt
14.    Große anonyme Quaste

CD4 (Max Goldt)

1.    Neulich in Manderley
2.    Zurück in die Heimat
3.    Die symbolische Nachbarin (Erste Vertonung)
4.    Triptychon zum Thema Dürfen
5.    Ich werde morden
6.    Meister hab Geduld
7.    The dance of no return
8.    Monster aus Jenaer Glas
9.    Rhododendron
10.    Ein Eimer Erbsen mittelfein
11.    Querflötengirl
12.    Hamburg hat Fadendienst
13.    Katinka wird zur Frau
14.    Das finst’re Aug Pts. 1&2
15.    Bei elektrischem Licht
16.    Wissenswertes über Erlangen (Ur-Demo)
17.    Bisweilen, nicht immer
18.    (Dreizehneinhalb) halbvergessene Fischgeschäfte
19.    Tante Rahmbein
20.    Kontakt zu jungen Leuten
21.    Salzburg, Hilton 1972 (An einem Sommerabend)
22.    Eine Schangse für die Welt von morgen
23.    Sie kam aus Belgien
24.    Die Backuhr
25.    Der Leichnam der Lady Vanilla
26.    Es ist eine alte Geschichte
27.    Rentnerzirkus Rudi Kipp

CD5 (Max Goldt)

1.    Kein hoher sowjetischer Gast
2.    Schweres tragend
3.    Unter einem grünen Dach
4.    Das rätselhafte Geheimnis des sonderbaren Mystikers
5.    Einmarsch der Hauptstädterinnen
6.    Ende Juli, Anfang August (Ranklotzen im Wohngebiet)
7.    Ein brezelförmiger Regenbogen
8.    Kalfaktor ist tot
9.    Immerhin: Ihr tut’s nicht weh Pts. 1&2
10.    Weißt Du noch?
11.    An die Wand gelehnt
12.    Das kranke Kind (2. Vertonung)
13.    Schulbücher, unverbumst
14.    Affe in Milch
15.    Ein Kopf wird durch die Stadt getragen
16.    Kleines Reisetelegramm (Erste Version)
17.    Kinderchor, Brandenburger Tor
18.    Wenn schöne Augen traurig blicken
19.    Die Beatles in New York
20.    Welpen spielen (und stoßen dabei ein Glas Sekt um)
21.    Endlich Bruder Schwein im Abendkleid
22.    Die Angst auf dem Nachhausweg
23.    Dieb der Verdeutlichung
24.    Molke-Uhus Giftgewölle
25.    Ursula Hübner kennt eine, die Sally Ölhafen heißt
26.    Nur mit oanserl Herzerl kieke wa leiwand
27.    Schröder schlief in Rumpelkammer
28.    Sound Rübli
29.    Weil ich Jeans trage

CD6 (Diverses)

1.    Draußen die herrliche Sonne
2.    Die Räude (Felix-Kubin-Schnitt)
3.    You’re a century
4.    Lustig geht’s im Tale zu
5.    Das Leben ist ein Jeansshop (Vier Demos in einem)
6.    O-Ton
7.    Alzheimer Chaussee
8.    Fog Frog
9.    Jeden Sonntag bin ich glücklich
10.    Im Cafe mit verkehrtrummenem Akzent
11.    Familie und Gewaltanwendung (Live 1990)
12.    Scheußliche Schuhe
13.    You’ll never walk alone
14.    Party
15.    Familie und Beatmusik (Live 1982)
16.    Familie, Pubertät und Haarwuchs
17.    Miss Kiss
18.    I don’t trust my native tongue
19.    Dandruff Dandy
20.    Der Europa-Docht
21.    Monolog des morganatischen Maurers (1988)
22.    Renates Mann übt eine Rede
23.    Bejubel den Pomp, verschmähe die Dürre

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