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MICHELS – Erntezeit

5 November 2018 No Comment
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Lieber Wolfgang,

ich schreibe Dir diese Zeilen am Erntedankfest. Nun ist es endlich soweit, Dein neues deutschsprachiges Album „Erntezeit“ ist erschienen. 10 Jahre nach „Zuhause“, das seinerzeit beim Hamburger Label ferryhouse erschien, hast Du nun beim ostwestfälischen Kultlabel Glitterhouse Records (Walkabouts, Jacobites, Nikki Sudden, Monster Magnet, Mudhoney, Pere Ubu, Steve Wynn, Tilman Rossmy u.a.) eine neue musikalische Bleibe gefunden. Musikalisch warst Du ja immer auf der Höhe der Zeit oder dieser gar voraus und wusstest wohin der Wind weht. Nun hat es länger gedauert, aber das Warten hat sich gelohnt. Dein neues deutschsprachiges Studioalbum gefällt mir außerordentlich gut, zeigt es doch erneut was für ein genialer Songwriter, 1a Akustik-Gitarrist und guter Sänger Du bist. Mit jungen Musikern im Team ist Dir mit „Erntezeit“ ein hervorragendes Album gelungen, das wie Roger Waters‘ letztes Album klassisches Michels-Songwriting mit aktuellen Sounds verbindet.

Ein weiteres englischsprachiges Studioalbum ist fertig und bereit zur Veröffentlichung. Es wäre gut und richtig, wenn dieses Album sowie ein weiteres Album mit den vielen bis dato unveröffentlichten starken Demos und Songs das Licht der Welt erblicken könnte.

1. Erntezeit

Der Titelsong, dessen Titel natürlich eine Hommage an Neil Youngs 1972 akustisches Kultalbum ist, fängt mit Frauenlachen und Soundcheck-Geräuschen an. Eine beatlesque Slide-Gitarre untermalt die akustische Gitarre bis der Refrain an „Schritt für Schritt ins Paradies“ erinnert. Starke Loops und Noise runden den Song ab.

2. Der Mond dreht sich weiter

Das Thema Mond darf natürlich bei Michels nicht fehlen. Hierbei handelt es sich um einen poppigen Radiohit, der mit seinem lässigen „On the beach“ Chris Rea-Feeling locker in die Heavy Rotation kommen im sollte. „Das Leben geht weiter und wir werden weiser, in unseren Herzen bleiben wir für immer jung.“ Psychedelische Gitarren und Slidegitarren geben den Song im Outro eine unverhoffte Wendung. Tim Lorenz glänzt am Schlagzeug.

3. Genialer Tag

So stellst Du Dir also einen „perfect day“ vor. Verdientermaßen ist dieser 60s Popsong im Stile von „Penny Lane“ und „Waterloo sunset“ kompositorisch auf einem Level mit Lennon & McCartney und Ray Davies. „Der Sinn des Lebens immer noch nicht geklärt, vielleicht einfach nur zu leben… Wir ernten was wir säen, wir werden sehen was wir ernten“. Ein weiterer Radiohit, der kongenial beweist, dass Du Deutschlands bester Songwriter bist.

4. Wenn ich mich so fühl

Hierbei handelt es sich um eine Neuaufnahme des Liedes „Wenn ich mich so fühl wie heute“, dass Du im Juli 1980 schriebst und 1981 auf dem Album „Irgendwas stimmt hier nicht“ veröffentlichtest. Du spieltest es gerne live, hier kommt die Jackson Browne-artige Ballade mit einem dezenten Streicherarrangement daher. Pete Struck steuert ein schönes Klavier bei. Im Vergleich zum Original singst Du „…. Zeit Dich auszuruhen“ statt „sich auszuruhen.“

Und am Ende bin ich wirklich traurig so wie Du.

5. Sehnsucht

Neuaufnahme der Single vom Zuhause-Album mit neuem Arrangement. Mir gefällt diese spartanische Version mit Besenschlagzeugintro sehr. Die knackige Leadgitarre steuert Pete Struck bei.

6. Geisterhaus

Neuer Westcoast-Song mit starkem Text, der gut auch auf John Lennon’s Plastic Ono Band-Album oder ein Siebziger Jahre Neil Young & Crazy-Album gepasst hätte. Das Gitarrenduell zwischen Dir und Jörn Heilbut ist klasse, aber wer spielt nun das Eine-Note-Gitarrensolo? Fragen über Fragen… Am Outro gefällt mir das „Riders on the storm“-artige Klavier – die Doors mochtest Du ja immer schon – und die elektronischen Krautrock-Sounds und runden den Song ab.

7. Eiskalt

Mich kotzen auch viele Sachen an. In diesem Blues lässt Du raus, was Dir gegen den Strich geht: Bonzen, Schickimicki-Typen, Spießer, Faschos – alle „scheißkalt“. Rio Reiser wäre stolz auf Dich für den Text gewesen. Franz Plasa spielt eine knackige Gitarre dazu und die Keyboards kommen auf den Punkt.

8. Wir haben die Power

Endlich bist Du hier einmal von der Leine gelassen und den Spaß bei diesem Rocker hört man Dir sichtlich an. Ein knackiges Gitarrenriff à la Kinks prägt den Song und maschinengewehrartig lässt Du mit einem Augenzwinkern raus wie man in der heutigen Gesellschaft mit Egoismus prima vorankommt. Erkenntnis: Peter Fox‘ Das Haus am See ist mit einer Hypothek belastet. Patti Smith („People have the power“), John Lennon („Power to the people“) und Ton Steine Scherben / Rio Reiser lassen grüßen.

9. Bald zuhause

Auch hier eine Neuaufnahme des Songs, den Du seinerzeit mit Rio Reiser schriebst, der aber zu Rios Lebzeiten unveröffentlicht bliebt und auf dem Tribute-Album 2003 „Familienalbum“ und auf Deinem gleichnamigen Album 2008 herauskam. Kompositorisch ein Meisterstreich und locker auf einem Level mit John Lennon: Eine stimmungsvolle Ballade basierend auf einem akustischen Riff, das hier im Gegensatz zur 2008-Version mit einem Streicherarrangement daherkommt. Den Bass spielt hier Benjamin Hüllenkremer (ex-Lake, Interzone, Inga Rumpf, Georg Danzer, Hannes Wader, Achim Reichel, Maurenbrecher), der auch Teil Deiner Liveband 2003 war. Das beatlesque Flair des Liedes wird durch eine wunderschöne Slide-Gitarre von Pete Struck à la George Harrison unterstrichen.

10: Sommerzeit

Und noch ein Charthit: Nach all den schwierigen / traurigen Themen hält mit diesem Pop-Song der Sommer Einzug im Album. Wir sind auf dem Weg ins Paradies (Rio Reiser lässt grüßen) und „endlich frei“ um eine „neue Zeit“ einzuläuten. Ein wunderbarer Text verpackt in einem eingängigen Song, der nicht nur zur Sommerzeit im Radio in der Heavy Rotation sein müsste. Sehr gelungen ist die schöne Bridge-Sektion.

11.Es ist nicht einfach

Es ist wirklich nicht immer einfach. Ein textlicher Seelenstrip, der mich an „Fata Morgana“ vom 1985er Album „Bei Mondschein…“ und John Lennons 1970 Plastic Ono Band Album erinnert („Ich wollte gut sein aber das Leben hat mich hart gemacht… Es ist nicht einfach mir meine eignen Lügen abzukaufen.“). Das massive Crescendo von Keyboards und elektronischen Sounds verneigt sich vor „A day in the life“ von den Beatles. Die Samples steuert Mimi Müller-Westernhagen bei. Lediglich die akustischen Dampfhammer-Passagen nerven – die einzigen Kritikpunkte auf einem ansonsten perfekten Album.

12. Arm in Arm

Hierbei handelt es sich um eine Neuaufnahme von „Bitte sehr“, dem ersten Lied Deines 1981er Albums „Irgendwas stimmt hier nicht“. Die Message ist klar auf der Hand: Love is all you need. Wir gehen Arm in Arm und halten uns warm.

***

„Manchmal liege ich schon im Sterben und dann geh ich durch die Nacht.“

Am 14. September 2017 bist Du gestorben. Wie Du weißt warst Du für mich und Rio Reiser Deutschlands bester Singer-Songwriter, dieses vielleicht letzte Album ist Dein Abschiedsgeschenk. „The main thing is you aint‘ alone“ so sangst Du schon 1970 auf „Sing this song together“, dem ersten Song des Debütalbums Deiner Band Percewood’s Onagram. Dem kann ich nichts mehr beifügen. Mach es gut mein Freund, wir sehen uns wieder.

MICHELS – Erntezeit
Bewertung: 6 von 6
VÖ: 14.09.18
www.wolfgang-michels.de
Label: Glitterhouse / Indigo

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