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MORITZ KRÄMER – Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1 & 2

25 Februar 2019 No Comment
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Ein aberwitziges Vorhaben! Moritz Krämer, Gitarrist und Sänger bei der Band „Die höchste Eisenbahn“ serviert mit seiner zweiten Soloplatte ein Konzept-Doppelalbum über die Freuden, Ängste und Leiden eines Musikers im Kontext von Verträgen, Verhandlungen und Deals mit Plattenfirmen. Dies tut er vornehmlich in Form von fiktiven Briefen an seine Vertragspartner, die verdeutlichen, dass der Prozess der Entstehung einer Platte so viel mehr Facetten hat als die bloße Kunst der Musikschöpfung.

Vorab: Dieses hohe Ziel gelingt Krämer auf gesamter Doppelalbumlänge. Unglaublich, wie der Wahl-Berliner mit Schweizer Wurzeln hier musikalisch alle Facetten des 70s Songwriter-Pop nutzt, um eine selten gehörte Lebendigkeit bei einem solch schwierigen Thema zu erzeugen.

Der Zuhörer erfährt zu Beginn vom Vertragsabschluss mit der Plattenfirma, der den Protagonisten allerdings vor Rätsel stellt. Nicht alle Modalitäten sind klar obwohl die Unterschrift bereits geleistet ist. Die Musik dazu erinnert, wie so viele der Stücke auf dieser Platte, in wunderbarer Weise an Stephan Sulke, dem Meister der orchestrierten, deutschsprachigen Popchansons der 70s. Leicht und fließend wogen die Streicher zum trockenen Beat (Hanno Stick am Schlagzeug) aber eine trötende Plastikflöte evoziert Sand im Getriebe der Vertragsparteien.

Im Folgenden ist es eine schiere Freude zu hören, wie Moritz Krämer zum federleichten Pop a la Supertramp alles tut „Um raus zu sein“, schwelgerisch weiß „Es ist ein langer Weg“ und skeptisch bleibt bei den Aussagen der potentiellen Vertragspartner (Mach dir keine Sorgen) „Alles ist Standard“. Letzteres geschieht zu krautigen Minimalbeats und pluckerndem Rhythmus.

Teil 1 des Doppelalbums bietet aber auch luftigen Reggae und augenzwinkernde Wortspiele „Wenn dein Deal (er) ein guter ist“, Vertragsverhandlungen mit den Obersten („Wenn du’s bis hierher geschafft hast“), obligatorische Enttäuschungen („Du hast dann doch nicht angerufen“) und vorläufige Resignation („Das Ende“) als Zwischenergebnis.

Bis hierhin sind es die geschmeidigen Kompositionen, Krämers
Einfühlungsvermögen und seine Art zu singen, die diese Platte so hell strahlen lassen. Die stimmliche Nähe zu Francesco Wilking, seinem Partner bei der gemeinsamen Hauptband „Die höchste Eisenbahn“ ist dabei unüberhörbar.

Als wäre das nicht schon genug, arbeitet der zweite Teil dieses Konzeptalbums das Zusammenraufen („Da bin wieder“ und „Neue Frische“), die Kompromissbereitschaft + Vorgaben („Eine Ballade muss drauf sein“), die nachlassende Euphorie („Werd‘ nicht müde“ und „Das Wort“) und die großen Vorbilder („Ich muss an Udo denken“) des Künstlers ab.

Am Ende steht neben Niedergeschlagenheit beim eingängigen „Geraubt“ aber auch die Befreiung und Selbstbestimmung des Protagonisten („Was ich sagen wollte, das habe ich dir gesagt…“ und „Ich meld‘ mich“). Zu Motown-Streichern und Elton John Sound findet die Story ein semi-positives Ende.

Moritz Krämer hat nach seinem vielbeachtenden Debut „Wir können nix dafür“ ein famoses Zweitwerk an den Start gebracht. „Ich hab eine Vertrag unterschrieben 1 & 2“ schafft es, aus einem scheinbar trockenen und eher juristischen Thema eine Parabel über Vertrauen, Streit und Versöhnung zu bauen, die auch noch dazu musikalisch glänzen kann. Auf die Live-Umsetzung des großen 70s Sound darf man ab März 2019 gespannt sein.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 01.02.2019
Web: www.moritzkraemer.de

Label: tapete records
Format: CD/LP/Digital

Tracklist:

Ich hab einen Vertrag unterschreiben 1
1. Ich hab’ einen Vertrag unterschrieben
2. Um raus zu sein
3. Es ist ein langer Weg
4. Alles ist Standard
5. Wenn dein Deal ein guter ist
6. Wenn du’s bis hierher geschafft hast
7. Du hast dann doch nicht angerufen
8. Das Ende

Ich hab einen Vertrag unterschreiben 2
1. Da bin ich wieder
2. Mit neuer Frische
3. Eine Ballade muss drauf sein
4. Werd‘ nicht müde
5. Das Wort
6. Ich muss an Udo denken
7. Geraubt
8. Zweites Ende

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