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MORRISSEY – California Son

10 Mai 2019 No Comment
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Pünktlich zum 60. Geburtstag gönnt sich einer der richtungsweisendsten Songtexter und Sänger Großbritanniens den Luxus eines Coveralbums. Nachdem seine letzten Studioalben bei Kritikern und Fans auch wegen der nicht mehr so ganz gewitzten Texte nicht unisono beklatscht wurden, erweist Morrissey auf „California Son“ ausschließlich amerikanischen Liedautoren der 60s und 70s die Ehre.

Paradox und doch folgerichtig. Der Mann aus Manchester hat sich schon in den späten 90s aus seiner Heimat verabschiedet und speziell die Westküste Amerikas für sich entdeckt. In der ehemaligen Villa von Clark Gable und auf dem Sunset Strip ließen sich die vielen hämischen Kritiken aus seinem Mutterland besser ertragen. Zudem pflegte er aus der Ferne seinen querulantischen Charakter gegen alles und jeden, was nicht nach seinem Gusto war.

Trotz seines unsagbaren Ruhms, den er zusammen mit Johnny Marr und The Smiths speziell in UK erntete, trotz Tourneen und triumphalen Homecoming-Konzerten in England und Europa, entfernte sich der Mann, der einst so gekonnt für die Unverstandenen dieses Planeten sprach, immer mehr von großen Teilen seiner Fans.

Ein Prozess, der in immer absurderen Interviews des Sängers (beispielsweise im Spiegel), unreflektierten nationalistischen Parolen, Tourneeabsagen und einem Quasi-Maulkorb eskalierte. Fast hätte er es im Jahr 2018 geschafft, sein eigenes Denkmal zu stürzen. Der Riss, der seither durch die Fangemeinde geht, ist jedoch deutlich sichtbar. Nun also ein amerikanisches Coveralbum, Auftritte am Broadway und Tourneen weit weg von Europa im Jubiläumsjahr.

Aber was taugt die neue Platte Track By Track?
Bevor der junge Steven Patrick Morrissey von der englischen Punkbewegung mitgerissen wurde, waren in den späten 60s und frühen 70s im frauendominierten Haushalt der Familie Morrissey in Manchester vor allem auch viele US-Künstler mit Easy-Listening Anleihen sowie Pop und Folk-Protestsongs wahlweise auf dem Plattenteller oder im Radio zu hören.

Jobriath ist mit seinem „Morning Starship“ keine überraschende Wahl als Opener. Amerikas Glam-Antwort auf David Bowie bleibt eine tragische Randfigur in den Annalen des Pop. Morrissey findet sich in der Rolle des unglücklichen „Wesens“ schon seit dem Jahr 1991 wieder, als er ihn als Support für eine Tournee engagieren wollte, nur um zu erfahren, dass Jobriath schon in den frühen 80s an AIDS verstorben war. Der Glam-Rocker, mit wuchtigen Gitarren, dramatischen Klavieranschlägen und geschicktem Laut/Leise Spiel ist nicht so weit entfernt von Morrisseys musikalischem Spätwerk. Ed Droste als Backing-Gastsänger fällt kaum ins Gewicht. Alles wie gehabt auf dem Planeten Morrissey.

Überraschend nah am Original kommt „Don’t Interrupt The Sorrow“ von der unvergänglichen Joni Mitchell daher. Wunderbar jazzige Interludes und ein Saxofon führen durch den Song einer Künstlerin, die Morrissey so verehrt, dass er sie sogar 1999 persönlich interviewte. Überraschend und gut.

Sich mit „Only A Pawn In Their Game“ an Dylan zu versuchen, lässt einigen seiner Zuhörer nach den vergangenen 20 Monaten den Atem stocken. Ein großer Protestgesang gegen Unterdrückung, im Folkstil mit wunderbar klarer Stimme von Morrissey vorgetragen: Damit hätte keiner gerechnet. Ein Kuriosum, das trotz aller Skepsis musikalisch funktioniert.

Auch „Suffer The Little Children“ von Buffy St Marie und „Days Of Decision“ vom genialen Phil Ochs sind scheinbar ungewöhnliche Songs für die Diva aus Manchester. Aber bereits hier fällt auf, dass er diese Stücke förmlich zu seinen eigenen macht. So beseelt hat man Morrissey auf den letzten Soloplatten einfach nicht singen hören.

Besonders gilt das auch für die Interpretation von Roy Orbisons Schmachtfetzen „It’s Over“. Die Transformierung zum gealterten amerikanischen Crooner scheint hier auf dem Höhepunkt. Maximales Drama in Musik und Text, der Meister in Hochform und Laura Pergolizzi sorgt für die schrägen Töne, die einst die in Ungnade gefallene Kristeen Young im Morrissey-Kosmos übernahm.

Die folgenden drei Songs reanimieren die Easy-Listening Hörgewohnheiten des Amerikas der späten 60s. „Wedding Bell Blues“ mit Billie Joe Armstrong als gesanglicher Gegenpart ist entwaffnend schön. „Tongue-In-Cheek“ fordert Morrissey „Bill“ ungeduldig zur Heirat auf. Überhaupt ist Morrissey bei dieser Coverplatte konsequent, wenn es um die Überwindung von Gender-Grenzen geht. Er schlüpft in Frauenrollen und weibliche Gesangsparts genauso wie in männliche. 

„Loneliness Remembers What Happiness Forgets“ ist federleichter-tänzelnder Vintage-Westcoastpop und „Lady Willpower“ klingt für deutsche Hörgewohnheiten nach „Schlager“ im besten „Guilty Pleasures“-Sinne. Wenn der fast 60-Jährige im Refrain seinen Bariton anhebt und schmachtend die Liebe einer starken Frau einfordert, ist das schon beeindruckend und animiert zur völligen Hingabe beim Mitsingen.

Die finalen drei Stücke dieser Jubiläumsplatte sind deutlich introvertierter und verraten mehr über das Wesen des Sängers. „When You Close Your Eyes“ von Carly Simon gerät traumwandlerisch. Tempowechsel und explosionsartiger Refrain klingen geschmeidig und sind nah dran, an den eigenwilligen Morrissey-Popsongs der frühen 90s.

Das Klavier-Lament „Lennys Tune“ lässt einem das Blut gefrieren und Morrissey beweint, auch aus fremder Feder, den Verlust enger Freunde, wie er es schon immer tat. Schließlich setzt „Some Say I Got Devil“ mit einsamer Trompete und Western-Bravado einen passenden Schlusspunkt. Geschickt spielt der Jubilar auch hier wieder im übertragenen Sinne mit seinem Ruf, den mancher Kritiker als böse bezeichnet und das obwohl Satan doch bereits 1997 seine Seele abgelehnt hatte.

Morrisseys oft kritisierte Stammband um Boz Boorer spielt auf der ganzen Platte kompetent und diszipliniert. Die Anzahl an Gästen ist überschaubar und fügt dem Gesamtsound keine wesentlichen Zusätze bei. Der Jubilar steht stets im Vordergrund. Die Original-Arrangements werden geschickt auf den Stimmumfang und den Geschmack des Protagonisten geringfügig umgedeutet. Alles hat einen guten Flow und Produzenten-Veteran Joe Chiccarelli kann endlich die Akzente setzen, die man sich vielleicht schon auf den letzten beiden Studioplatten etwas mehr erhofft hätte.

Morrissey schafft es tatsächlich mit dieser Platte seine Manierismen und den Kern seines Wesens anhand fremder Komposition nach 60 Jahren zum Ausdruck zu bringen und die Platte wächst mit jedem Spin mehr ans Herz.

Alles Gute zum Geburtstag und schön, dass du noch unter den Lebenden weilst, alter Querkopf!

 

Bewertung: 5 von 6

VÖ: 24.05.2019
Label: BMG Records
Web: morrissey-official.com
Fomat: Vinyl / Download / CD

Tracklist:

  1. Morning Starship (Jobriath) mit Ed Droste von Grizzly Bear
  2. Don’t Interrupt The Sorrow (Joni Mitchell)” mit Ariel Engle von Broken Social Scene
  3. Only a Pawn In Their Game (Bob Dylan) mit Petra Haden
  4. Suffer the Little Children (Buffy St Marie)
  5. Days of Decision (Phil Ochs) mit Sameer Gadhia von Young The Giant
  6. It’s Over (Roy Orbison)” mit LP
  7. Wedding Bell Blues (The Fifth Dimension) mit Billie Joe Armstrong von Green Day & Lydia Night von The Regrettes
  8. Loneliness Remembers What Happiness Forgets (Dionne Warwick)
  9. Lady Willpower (Gary Puckett)
  10. When You Close Your Eyes (Carly Simon) mit Petra Haden
  11. Lenny’s Tune (Tim Hardin)
  12. Some Say I Got Devil (Melanie)
Sascha Kilian

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