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MORRISSEY – Das Ende?

2 Juli 2018 No Comment
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Im Nachhinein haben sie es alle kommen gesehen. Die hingebungsvollen Fans, die Zweifler, die ewigen Nörgler und die Morrissey-Hasser. Nachdem am letzten Freitag eine lapidare Meldung des Managements die unbestimmte „Verlegung“ der anstehenden Nordeuropatournee von Morrissey mit den läppischen Worten „Wegen logistischer Umstände außerhalb unserer Kontrolle“ angekündigt hatte, gab es in den sozialen Medien kein Halten mehr.

Bis dahin hatte es Morrissey geschafft, als gottgleicher The Smiths Sänger vom Sprachrohr einer unverstandenen Jugend der 80s, die insbesondere in England unter dem Thatcherismus litt, über eine wechselhafte Solokarriere mit zuletzt nachlassender künstlerischer Durchschlagskraft bis hin zum „missverstanden“ Fürsprecher traditionalistischer Werte alle Phasen einer Karriere zu durchleben.

Nach irritierenden Äußerungen zu Beginn seiner Solokarriere („Schwarze und Weiße werden nie miteinander klarkommen“) und Songtitel („Bengali In Platforms, Asian Rut“) sowie dem Schwenken der britischen Flagge beim Support eines Madness Konzerts im Finsbury Park 1992, war es diesbezüglich länger still um den Mann aus Manchester.

Doch die Aussage aus 2010, Chinesen seien wegen ihrer Behandlung von Tieren eine minderwertige Spezies und sein immer wiederkehrender Wunsch nach einem England mit alten britischen Werten (außer Monarchie natürlich) ließen in den letzten Jahren die Kritiker immer lauter werden, wenn sich Morrissey mit neuer Platte in die Öffentlichkeit begab.

Als er dann im Zuge der Veröffentlichung von „Low In High School“ 2017 der Spiegel-Reporterin Juliane Liebert eine launige Audienz in seinem LA Domizil gewährte, eskalierte die Gesamtsituation um den stets unbequemen Mann mit irischen Wurzeln. Egal ob es um „Verständnis“ für Harvey Weinstein ging oder Morrissey Deutschland ob der Asylpolitik der Kanzlerin als die „Vergewaltigungshauptstadt Europas“ bezeichnete, es hinterließ Spuren im Renommee des eitlen Sängers. Auch eine eilig eingeforderte Veröffentlichung des Audio-Interviewmitschnitts konnte daran nichts ändern.
Der milde Ton in Morrisseys Stimme und der gönnerhafte Umgang mit der übernervösen, jungen Journalistin änderten aber nicht den Inhalt des Gesagten.

Nach abgesagten US-Konzerten zum Ende des Jahres 2017 gab sich der ehemalige Smiths Sänger zum Jahreswechsel in einer Videobotschaft wieder einmal als der missverstandene Weltversteher im Elfenbeinturm seines einstigen Erfolges und gedachte nochmal (als einziger!?) der beim Ariana Grande Konzert getöteten Kinder aus Manchester. Bereits hier wirkte er angeschlagen und fügte verbittert hinzu, dass seine Kritiker ihr Ziel, ihn zu zerstören, in vielerlei Hinsicht erreichen würden. Es würde von ihm keine gedruckten Interviews mehr geben. Man solle nur den Worten Glauben schenken, die man aus seinem Mund selbst vernehmen würde.

Die Promo-Tournee durch Großbritannien im März 2018 brachte nochmal volle Häuser, einen – wie immer – brillant singenden Morrissey, mit einer – wie immer – zu groben Band im Rücken und er hielt sich mit Statements bis auf die Kritik an der schottischen Anti-Brexit Premierministerin Nicola Sturgeon weitestgehend zurück.

Man hätte ihm also wieder einmal seine sehr spezielle Weltsicht, den militanten Vegetarismus und das Bejammern der fehlenden englischen Werte durchgehen lassen. Dann aber installierte er mit Hilfe seines Neffen, die eigene Homepage morrissey-central, führte Selbstgespräche mit fiktiven Interviewern und drückte fast täglich seinen Senf zu allem was ihm nicht passte hinaus in die Online-Welt.

Nigel Farage hatte er für sein Brexit-Engagement schon vorher gelobt. Anne Marie Waters, von Farage selbst als „Nazi und Rassistin“ aus dessen UKIP-Bewegung geworfen und Anführerin der neuen ultrarechten „For Britain“ Partei, mit antiislamistischer aber tierfreundlicher Ausrichtung, solle man bitte ebenfalls unterstützen. Über den Umgang mit dem inhaftierten Tommy Robinson, Anführer der verfassungsfeindlichen „English Defence League“, sei er „schockiert“. Halal und ISIS bedingten sich gegenseitig und das schlechte Englisch des muslimischen Londoner Bürgermeisters mit englisch-pakistanischen Wurzeln, sei auch Schuld, dass es der Hauptstadt nicht sonderlich gut ginge.

Morrissey, der seit über zwei Jahrzehnten selbst nicht mehr in England wohnt und nach eigenen Angaben noch nie im Leben gewählt hat, sah sich also befähigt, offenbar ohne großes Hintergrundwissen, den großen politischen Aufklärer zu geben. Die britische „Verrückte Linke“ fragte er dann noch ob sie vergessen habe, dass Hitler ja auch linksorientiert gewesen sei.

Das Fass war nun übergelaufen, auch der kongeniale Ex-Smiths Partner Johnny Marr machte in Interviews klar, dass er „Of Course“ den Ansichten seines Ex-Sängers widerspräche. Es ging um „Freedom Of Speech“ vs. „Verführerischer Sympathisant der Rechten“ und das im ohnehin schon schwer gespaltenen Großbritannien, dessen Linke brachial mit den Brexit-Befürwortern und Nationalisten im Clinch liegt.

Trotzdem wollte Morrissey im Juli nochmals einige ausgewählte Konzerte, inklusive zweier besonderer Dates in seiner Heimatstadt Manchester, nachlegen. Skandinavien und Berlin standen auch auf dem Plan. Er schien die „Black Cloud“ am Horizont einfach nicht sehen zu wollen, auch wenn er offenbar in Panik zu Besänftigung seiner irritierten Fans durch seinen Neffen einen unveröffentlichten Song preisgab. Kein wirklich professionelles Verhalten!

Die Mitte Mai angekündigte Tournee kam nie in den von Morrissey so geliebten Status, ausverkaufte Venues zu melden. Ticketverkäufe blieben nahezu allerorten hinter den Erwartungen zurück. Die Mercedes Benz Arena in Berlin fasst 3 x so viele Zuschauer als das Tempodrom, der Ort seines letzten offiziellen Deutschlandkonzerts 2016. Ein Nackenschlag für den Narzissten.

Am Ende war es der Hacienda-DJ, ehemalige Morrissey-Fan und Popkolumnist Dave Haslam, der mit „One Nation Under The Groove“ am Tage des bevorstehenden Morrissey Konzerts in Manchester eine Gegenveranstaltung zu dessen andauernden Hasstiraden ins Leben rief und diese per Social Media gehörig befeuerte.
Morrisseys wortgewaltiger Manager Peter Katsis startete am Donnerstag zwar noch via Facebook einen ruppigen Gegenangriff, bei der er neben der Diffamierung Haslams u.a. auch verlauten ließ: „We Are Actually Not In The Business Of Politics…“ doch es war zu spät.

Hatte Morrissey nicht selbst dazu aufgerufen „For Britain“ zu unterstützen?

Verkauft man hier alle Anhänger für minderbemittelt?

Geht man hier dem öffentlichen Konflikt aus dem Weg und vermeidet ein klares Wort während der geplanten Auftritte?

„A Rush & A Push“ und alle Konzerte wurden mit der o.g. – nicht wahrheitsgemäßen – Begründung abgesagt und Morrissey versteckt sich wieder einmal hinter einer Armee von Ja-Sagern, die hilflos versucht Sand in die Augen der Öffentlichkeit zu streuen.

Man erntet hier nun doch die Saat, die man selbst so emsig gesät hat. Wie kann man sich von jeder Verantwortung seiner öffentlichen Äußerungen lossagen? Wie kann man ständig behaupten, die Medien zitierten ihn mit voller Absicht falsch? Morrissey war in den 80s und 90s ein Meister des Interviews. Er spielte mit der Presse, gab ihnen ein Stückchen Zucker und bekam doch zwei zurück. Doch sein übergroßes Verlangen nach allumfassendem Weltruhm als Künstler wird ihm im Moment zum Verhängnis. Eine eilig anberaumte Tournee, bei den Treuesten in Lateinamerika soll nun Ende November Balsam für die Seele sein. In Europa indes wirkt Morrissey bis auf weiteres verbrannt. Weitere Auftritte in Großbritannien würden aktuell noch mehr Gegenveranstaltungen ins Leben rufen und dies auf Dauer.

Morrissey wird im Mai 2019, 60 Jahre alt, er plant aktuell ein weiteres Album, das dann zeitnah erscheinen soll und er hat sich gewisse Teile dieses Erdballs, die eigentlich seine Wurzeln darstellen, selbst künstlerisch unbegehbar gemacht.

Er, der immer behauptet, dass er ohne seine Fans nicht existieren könne, mutet diesen nun zu, sich mit seinen kruden öffentlichen Aussagen auseinanderzusetzen und am besten den Künstler vom Menschen zu trennen. Hat er auch nur die leiseste Ahnung, was es z.B. für einen deutschen Fan bedeutet, sich als Anhänger seines künstlerischen Schaffens von anderen anhören zu müssen, ob die AfD beim Berliner Konzert Infostände im Foyer besetzen würde? Den Bezug zum „Kleinen Mann“ hat er in seinen Texten schon lange verloren. Dass er Außenseitern aus der Seele sprach, nicht erwidertes Verlangen genial in Worte fasste und doch immer Humor besaß, wirkt Lichtjahre entfernt. Über Twitter und Facebook kündigen ihm alte Anhänger unter emotionalsten Worten die Gefolgschaft, nie ohne zu erwähnen, wie wichtig er früher in ihrem Leben war. Ein mittlerweile genervter Johnny Marr erklärt der holländischen Presse jetzt noch eindringlicher, dass Morrissey aktuell für nichts mehr stünde, was in den 5 Jahren „The Smiths“ ihre Agenda gewesen sei und dass er absolut nichts mehr mit ihm am Hut habe.

Im Oktober 2017 gab Morrissey im Berliner SchwuZ Club ein intimes Konzert, das live online übertragen wurde. Es war großartig, er war bestens gelaunt, genoss die breite Aufmerksamkeit an den Screens, umsegelte politische Zwischenrufe gerade noch galant und hinterließ eine kleine Fangemeinde überglücklich.

Ob man nun am Ende „Oh, We’ve Lost Our Boy“ aus „National Front Disco“, „Sorrow Will Come In The End” oder aber „Little Man, What Now?“ zitieren möchte, ändert nichts an der Tatsache, dass es sehr ernst steht, um das popkulturelle Vermächtnis des britischen Denkmals Steven Patrick Morrissey.

 

Foto: Pressebild via verstärker

Sascha Kilian
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