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MORRISSEY – Low in High School

12 November 2017 No Comment
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Die letzten Monate waren auch für die hartgesottensten Morrissey Fans keine leichten. Der einst vom NME als „größter Künstler aller Zeiten“ gekürte Sänger provozierte mit fragwürdigen Sympathieäußerungen zum Brexit und dem ehemaligen UKIP-Vorsitzenden Nigel Farage. Für einige der treuen Anhängerschaft war der Bogen somit eindeutig überspannt. Die Presse reagierte irritiert und mit Häme.

Seine verbalradikalen Äußerungen passen allerdings keineswegs stimmig zusammen. Im Gegenzug bezieht er nämlich eine klare Stellung gegen die Politik von Donald Trump. Morrissey und seine fünf Bandmitglieder tragen bei aktuellen Konzerten sogar T-Shirts mit der Aufschrift „Return Of The Black Panthers“. Ein klarer Verweis auf die in den 1960er Jahren gegründete „Black Panther Party“ und ein offenes Amerika.

Seine rigorose Meinung zum Thema Tierrechte oder die Ablehnung der Royals kann man teilen oder eben nicht. Wenn es allerdings in Richtung nationalistisch-verklärtem „Kokolores“ geht wird es schlichtweg unerträglich. Auf der anderen Seite: War es so nicht schon immer mit ihm? Sein Status als Ausnahmekünstler ist gefestigt. Die weltweite Anerkennung, die er gerne hätte, bleibt ihm aber trotzdem verwehrt.

Morrissey wirft, wie eh und je, mit einer Vielzahl eher weniger eindeutigen Aussagen um sich. Eine Erklärung gibt es oft nicht. Warum auch? Missverständnisse bekräftigen die Diva in ihrer Unverstandenheit und dem selbst gewählten Exil. Wenn überhaupt, so erklärt sich Morrissey und wie er die Welt sieht über seine Musik. Von daher senken wir den blutroten Vorhang und werfen einen umfassenden Blick auf sein lange erwartetes neues Album „Low In High School“.

Es gibt mitten auf „Low In High School“, bei der Anti-Soldaten-Suite „I Bury The Living“, einen knapp zweiminütigen Moment, der allen alten The Smiths Fans, Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte. Jesse Tobias spielt eine akustische Gitarrenfigur, die ganz entfernt an Johnny Marr sowie den bittersüßen The Smiths Abschied „I Won’t Share You“ erinnert. Morrissey singt dazu mit einer Leichtigkeit und Sarkasmus wie 30 Jahre zuvor über die Verwunderung der Eltern ob des Fortgangs der Welt, trotz des Ablebens ihres Sohnes John, der auf dem Kriegsfeld sein Leben ließ. Nur jemand wie Morrissey kann dieses Drama mit einem unwiderstehlichen „Lalalala“ garnieren und die Herzen der Anhängerschaft einen Moment lang schneller schlagen lassen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat man sich durch das musikalisch beste und abwechslungsreichste Morrissey Album seit „You Are The Quarry“ gehört. Man genießt den breit ausgestellten T-Rex Riff im Opener „My Love, I’d Do Anything For You“, der laut Stammproduzent Joe Chiccarelli fast gar nicht auf der Platte gelandet wäre und dem er nach Rücksprache mit seinem Auftraggeber ein Pfund an Bläsern, Pauken und Fanfaren verpasste. Bassist Mando Lopez Songwriting-Debut stampft mithin wuchtig im „Glamstaub“ von „Your Arsenal“. Morrissey erneuert hier trügerisch, jedoch euphorisch und fast ausgelassen sein Versprechen an die Liebe.

„I Wish You Lonely“ kommt wie die zickige kleine Schwester von Bowie‘s „Scary Monsters“ daher und marschiert energiegeladen und fokussiert wie lange nicht mehr nach vorne. Keyboarder Gustavo Manzur schafft es hier New Wave Sounds so einzusetzen, dass Morrissey‘s leidenschaftlicher, atemloser und bildgewaltiger Wunsch nach Einsamkeit für seine Widersacher noch intensiver transportiert wird. Ein weiterer Kandidat für eine zukünftige Single und schon jetzt ein Livefavorit der bisherigen Morrissey-Konzerte 2017.

„Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage“, die zweite Singleauskopplung, verstärkt den Eindruck eines famosen Einstiges in diese elfte Morrissey-Soloscheibe nach dem Aus seiner Band The Smiths 1987. Wieder bietet Manzur außergewöhnliche Keyboardsounds, die Band um Boz Boorer spielt eindringlich und der „King of Mope“ fühlt sich sichtlich wohl beim Erzählen der Volte über die eitle Jacky, die es selbstbewusst auf die Bühne zieht, auch wenn sich der Saal leert.

Es sind solche abgründigen kleinen Geschichten, die er immer noch bestens beherrscht und die nicht nur hinter vorgehaltener Hand auch als Metapher des Ausstiegs von Großbritannien (Union Jack) aus der EU gedeutet werden könnte. „This Country Is Making Me Sick“ und „Brexit“ getarnt als „Exit“ bzw. „Excess” beim hysterischen Outro dieses süchtig machenden Kleinods bekräftigen diese These. Skurriler aber auch treffender kann der Zustand Großbritanniens durch einen seiner größten neuzeitlichen Textschreiber und zugleich Kritiker nicht formuliert werden. Gerade auch in Hinblick auf die innenpolitisch angeschlagene Premierministerin Theresa May, die aktuell mit Skandalen und Stillstand bei Brexit-Verhandlungen zu kämpfen hat.

Morrissey und Band können aber noch bewegender formulieren und servieren mit „Home Is A Question Mark“ einen Song, der seine Ursprünge noch in den Sessions zu „You Are The Quarry“ birgt. Demzufolge ist diese Ballade „Larger Than Life“ und Morrissey, der Entwurzelte, der seit seinem Wegzug aus Großbritannien Ende der Neunziger zum Weltenbummler avanciert ist, sehnt sich nach Geborgenheit und hinterfragt den Wert von Heimat. Musikalisch befindet sich seine aktuelle Besetzung auf dem Zenit. Dem Crescendo aus 90s Indie-Gitarren, einem Schellenbaum und Streichern beim Finale kann man kaum entkommen. Morrissey stellt hier alle seine gesanglichen Fähigkeiten unwiderstehlich in den Dienst dieses zukünftigen Klassikers. Prächtig!

„Spent The Day In Bed“, von Gustavo Manzur geschrieben und mit ungewöhnlichen 70s E-Piano Klängen ausgestattet, bekam als Vorabsingle durchwachsene Kritiken. Morrissey’s Wiederbelebung seines veralteten 80s Bedsitter-Images und die Negation aller medialer Berichterstattungen ist schön zu hören, gehört aber tatsächlich nicht zu den Highlights dieser sehr guten Scheibe und ist als Vorbote zum Album einfach nicht zwingend genug.

Der Auftakt des zweiten Teils der Platte überrascht gleich bei zwei aufeinanderfolgenden Stücken mit versteckten Anleihen an sein leider von der Kritik nicht besonders gewertschätztes Soloalbum „Kill Uncle“ von 1991. „In Your Lap“ hat wieder diese einzigartigen Morrissey-Vocals und das Klavier begleitet dazu sowohl pointiert als auch nuanciert. Es geht um Schutz im Schoß von jemandem bei all dem Elend in der Welt. Das Stück benötigt einige Durchläufe, entwickelt sich dann aber zu einem der schönsten der Platte.

„The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel“ tänzelt via Tangorhythmus im rein akustischen Gewand und hat den anachronistischen Charme der Morrissey von je her umgibt und den er liebt. Stimmlich klingt er hier faszinierenderweise wie in seiner frühen Solophase aber auch hier braucht der Hörer etwas Zeit um sich auf den modifizierten und leichten Sound einzulassen. Altfans werden aber die „Kill Uncle“ Parallelen erkennen und ihre Freude haben.

Erstaunen herrschte allerseits bei den ersten Livedarbietungen von „All The Young People Must Fall in Love“. Der Meister und seine Band adaptieren uramerikanisches Terrain mit Gospel- und Barrelhouse Blues-Einflüssen. Noch erstaunlicher: Das Ganze funktioniert sehr gut und der Meister verbindet textlich das Verliebtsein der Jugend mit der Halbwertszeit von ungeliebten Politikern. Typisch für den Morrissey des Jahres 2017.

„When You Open Your Legs“ klingt für deutsche Ohren nach heißblütigem 70s Schlager. Der Mann aus Manchester erzählt von einer schwitzigen und warmen Sommernacht in Tel Aviv, Clubbesuchen und körperlichem Verlangen die ihn inspiriert zu haben scheinen. Kein wirklicher Höhepunkt der Platte obwohl bereits jetzt fester Bestandteil des aktuellen Livesets.

„Who Will Protect Us From The Police“ gefällt sich textlich zu sehr in einer von Morrissey schon zu oft gehörten Abrechnung mit Polizei- und Staatswillkür. Musikalisch ist das Stück von Boz Boorer leider auch ähnlich medioker wie vieles auf dem überschätzten „Ringleader Of The Tormentors“ Album aus dem Jahr 2006. Auch das Outro und die Nennung des Staates „Venezuela“ können das Lied nicht vor der Mittelmäßigkeit bewahren.

Doch Morrissey und seine Mitstreiter verlassen uns nicht ohne einem nochmaligen Höhepunkt. „Israel“ hat Würde, Größe und eine der schönsten Gesangsdarbietungen des Meisters überhaupt. Die jüdische Hauptstadt als Sinnbild für eine/n Geliebte/n, mit all der Schönheit, dem Schmerz, der Bedrohlichkeit und dem Widerspruch.

Aufgenommen im Frühsommer 2017 in Ennio Morricone‘s römischen Studios und in Südfrankreich, zeichnet sich fast die gesamte Band erstmals verantwortlich für das Songwriting. Der Bandsound ist mithin viel homogener und die Songs auch wertiger als noch beim viel kritisierten Vorgänger „World Peace Is None Of Your Business“. „Low In High School“ ist zu großen Teilen ein sehr gutes Morrissey-Album geworden und versucht durchaus alte Traditionen mit den Stärken der aktuellen Besetzung neu zu definieren. Es transportiert allerdings keine generelle Grundstimmung wie z.B. sein hoch dekoriertes 90s Album „Vauxhall & I“ (Nostalgie & Verliebtheit).

Die Texte von Steven Patrick Morrissey haben im Jahr 2017 auch eine andere Relevanz als noch in den 80s und 90s, in denen er messerscharfe, englische Alltagsbeobachtungen anstellte und noch unschuldiges Verlangen sowie scheue Hingezogenheit formulierte. Auf „Low In High School“ widmet er sich heißem Verlangen, weltweiter Polizeiwillkür, korrupten Staatsoberhäuptern, Kriegstreibern und vor allem dem Staat Israel, der gleich in drei Titeln zum Schauplatz gemacht wird. Die symbolische Aushändigung des „Keys To The City Of Tel-Aviv“ im Jahr 2012 hat den Engländer mit irischen Wurzeln offenbar tief beeindruckt.

Der Weltenbummler mit dem großen Weltekel ist noch mehr abgerückt von seiner englischen Heimat. Während das sonnige Los Angeles den 10. November nun offiziell zum „Morrissey-Tag“ ernannte, fordert dieser auf dem Cover von „Low In High School“ durch die Hand eines Kindes dazu auf, Monarchien mit der Axt zu bedrohen. Der querulantische Romantiker Morrissey war nie lebendiger, die Queen in nie größerer Gefahr. „Low in High School“ manifestiert die Ausnahmestellung des Mannes „zwischen allen Stühlen“ erneut eindrucksvoll.

Bewertung: 4,5 von 6
VÖ: 17.11.2017
Label: BMG
Format: CD/LP/Download

Tracklist:
1. My Love I’d Do Anything For You
2. I Wish You Lonely
3. Jacky’s Only Happy When She’s Up On The Stage
4. Home Is A Question Mark
5. Spent The Day In Bed
6. I Bury The Living
7. In Your Lap
8. The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel
9. All The Young People Must Fall In Love
10. When You Open Your Legs
11. Who Will Protect Us From The Police?
12. Israel

 

Text: Sascha Kilian & Stefanie Garbs-Bähr. Special Thanks an Martina Köhne

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