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WHIPLASH

19 Februar 2015 No Comment
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whiplash

Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm sorgte der ärgerlich junge Regisseur Damien Chazelle mit Whiplash im letzten Jahr auf dem von Robert Redford ausgerichteten Independent Film Festival Sundance für Furore. Seine Karriere fing wenig versprechend an, und zwar mit den Drehbüchern zu zwei technisch eindrucksvollen, aber sonst enttäuschenden bis wechselhaften Genre-Filmen (The Last Exorcism: The Beginning of the End und Grand Piano – Symphonie der Angst). Mit seinem Spielfilmdebüt und einem offensichtlichen Leidenschaftsprojekt wird er sich jedoch schon im zarten Alter von 30 in den Regieolymp und zu den Oscar nominierten Drehbuch-Schreibern katapultieren.

Die Lebens- und Karriereplanung des jungen Musikstudenten Andrew (Miles Teller) beinhaltet nicht unbedingt die üblichen Wünsche junger Studenten: Er will einer der besten Jazz-Schlagzeuger der Welt werden. Seiner Meinung nach führt der einzige Weg dorthin über das Jazz-Ensemble des Dozenten Fletcher (J.K. Simmons). Nach einem anfänglichen noch freundschaftlichen Gespräch muss Andrew jedoch schon bei der ersten Probe feststellen, dass hier ein ganz anderer Ton herrscht: Fletcher spart nicht mit Profanitäten, wirft gern mit Stühlen nach Studenten und verteilt auch Ohrfeigen, um seine jungen Schüler im Takt zu halten. Jedes Mittel ist ihm recht, um das richtige Ergebnis zu erzielen, auch wenn er dabei einige Studenten zerbrechen muss, nur um sie wieder aufzubauen.

Einen besseren Darsteller als J.K. Simmons hätte sich Damien Chazelle nicht wünschen können. Simmons ist aus vielen Nebenrollen bekannt, wie z.B. als J. Jonah Jameson in Sam Raimis Spiderman – Filmen, als Vater der schwangeren Teenagerin „Juno“ und diversen Serienrollen. Simmons hat sich hier eine Nische eingerichtet, in der er zwar nicht so oft Beachtung findet, aber mit sarkastischem, lakonischem und trockenem Humor immer wieder zum großen Sympathieträger avanciert.

All das kann er nun in einer verdienten Hauptrolle bündeln, die sicher nicht an Witz spart, aber vor allem Furcht einflößend ist. Sein unberechenbarer Fletcher folgt einem ebenso beängstigenden wie erschreckend einleuchtenden Credo: Kinder und Jugendliche werden heutzutage viel zu oft viel zu sanft behandelt und Gute Arbeit sind die beiden schlimmsten Worte, die man seinen Kindern sagen kann. In dieser fast wahnhaften Überzeugung schleift er seine Studenten wie der Drill-Sergeant in Full Metal Jacket. Er stimmt jeden seiner Studenten als wäre sein Ensemble selbst ein Instrument.  Wenn dabei die ein oder andere Saite reißt, ist das ein Risiko, dass er durchaus bereit ist einzugehen, solange das perfekte Jazz-Stück das Ergebnis ist.

Zwischen ihm und Andrew baut sich eine Mentor-Protege-Beziehung auf, die schnell eine düstere und selbstzerstörerische Wendung nimmt. Whiplash hebt sich dabei verstörend, aber dennoch erfrischend, von ähnlichen Beziehungen des Kinos ab, auch wenn der Plot gelegentlich unglaubwürdige Züge annimmt. Andrew wird zunehmend so abhängig von der Zustimmung und Anerkennung seines Mentors Fletchers, dass er seine Beziehung zu seiner hübschen aber weniger ehrgeizigen Freundin Nicole (Melissa Benoist) einfach in den Wind schießt. Er trommelt sich die Hände blutig und lässt sich auch nicht von Autounfällen aufhalten, schließlich muss er pünktlich zum Jazz-Konzert kommen.

Nach diversen Teenie-Komödien kann auch der Jungschauspieler Miles Teller endlich seine Talente und sein Potential unter Beweis stellen: Er verkörpert den gleichzeitig naiven und ehrgeizigen Studenten überzeugend und steigert sich insbesondere in die Schlagzeug-Szenen hinein, die durch Chazellas Inszenierung wie wahnhafte Fieberträume wirken und in einem aberwitzigen finalen Trommelsolo kulminieren.

Mit schnellen Schnitten und Nahaufnahmen von Trommeln und Becken, auf denen Blut und Schweißtropfen umhertanzen, die zuvor von Tellers Gesicht und Händen heruntergefallen sind, inszeniert er seine Jazz-Konzerte spannender und aufregender als viele Verfolgungsjagden des Actionkinos. Zusammen mit den großartigen Leistungen der beiden Hauptdarsteller ist ihm ein dynamisches und vibrierendes Kino gelungen. Er wirft dabei eine unbequeme Fragen auf, die er nicht unbedingt zur Zufriedenheit jedes Zuschauers beantwortet: Wie weit sollte man wirklich für die Kunst gehen? Vor allem eine Kunst, die einem Großteil der Weltbevölkerung wahrscheinlich nicht einmal viel bedeutet.

Darsteller: Miles Teller, J.K. Simmons, Paul Reiser, Melissa Benoist, Austin Stowell, Nate Lang, Chris Mulkey, Damon Gupton, Suanne Spoke
Regie: Damien Chazelle
Musik: Justin Hurwitz, Tim Simonec, Stan Getz, Juan Tizol, Duke Ellington, Hank Levy, Buddy Rich, Nicholas Britell, Dana Williams, Travis Baker
Genre: Musikdrama
Laufzeit: 107 Min.

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