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NEW MODEL ARMY – 20.10.2016, Hannover, Capitol

26 Oktober 2016 No Comment
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NEW MODEL ARMY - 20.10.2016, Hannover, Capitol Foto: Daniel Junker / www.junkerphoto.de

Dass NEW MODEL ARMY eher nach vorne als zurückschauen, hatte Bandchef Justin Sullivan bereits in zahlreichen Interviews zur Tour klargemacht, nachdem er immer wieder auf Hits aus längst vergangenen Tagen und den Status als Kultband gefragt wurde. So wie sich die Interviews lasen, wirkte Sullivan auf solche Fragen meist eher gelangweilt. Verständlich – schließlich lebt die Band im hier und jetzt, und NEW MODEL ARMY brauchten sich auch nie vorwerfen lassen, sich auf alten Erfolgen auszuruhen. Im Gegenteil: In regelmäßigen Abständen veröffentlichte die Band in den vergangenen ein Album nach dem anderen, so wie jüngst das großartige „Winter“, mit dem die Musiker jetzt in Deutschland auf Tour waren.

Bei dieser Vorgeschichte ist es nicht verwunderlich, dass NEW MODEL ARMY beim Konzert in Hannover zu Beginn vorrangig auf neue Songs setzen. Auf das aktuelle „Burn the Castle“ folgt zwar zunächst „White Light“, mit dem titelgebenden „Winter“ und „Part the Waters“ geht es aber mit Songs der frischen Produktion weiter. Das Publikum stört das nicht – schließlich gehört ein Großteil der Besucher sowieso zum NMA-Stammpublikum, das die anfangs angesprochenen Hits auch in der Live-Version schon mehrfach rauf und runter gehört hat. Viele Fans sind also gespannt darauf, wie die aktuellen Titel in der Bühnenumsetzung klingen.

Tatsächlich klingen die Songs von „Winter“ auf der Bühne gar nicht so anders als von der Konserve – wohl auch aufgrund des dicht am Album angelegten Live-Sounds im Capitol, bei dem jedes Instrument klanglich genau da ist, wo es sein soll. Dennoch entfalten die aktuellen Titel in der Bühnenumsetzung noch einmal eine ganz neue Intensität – sie wirken düster-melancholisch und trotzdem ungemein kraftvoll. Schlagzeuger Michael Dean treibt die Songs nach vorne, der leicht angezerrte Bass von Ceri Monger – er stieß nach dem Ausstieg von Nelson 2012 als jüngstes Bandmitglied zu NEW MODEL ARMY – tut sein übriges. Justin Sullivans Stimme und sein Auftreten sorgen für die Wut, so wie man es von ihm kennt und liebt. Tatsächlich wirkt der Sänger beim Konzert in Hannover aber längst nicht mehr so aufgebracht wie sonst. Ob das an seinem Alter von mittlerweile 60 Jahren liegt oder ob er vielleicht einfach nur einen guten, ruhigen Tag hatte, ist nicht überliefert.

An seinen kritischen Aussagen zum kollabierenden System in Europa und dem Zustand der Welt ändert das freilich nichts – im Gegenteil: Auf den Songs vom Album „Winter“ klagt Sullivan über Krieg und Flucht, „Burn the Castle“ ist eine Abrechnung mit seiner Heimat England – obwohl er den Song lange vor dem Brexit geschrieben habe, wie er selbst sagt. Zwar spricht Sullivan beim Konzert nicht allzu viel, es wird aber auch so deutlich, dass sich da einiges in ihm aufgestaut hat.

Musikalisch schaffen NEW MODEL ARMY das, was vielen ihrer Alterskollegen abgeht: Sie schreiben moderne, geradezu zeitlose Songs, und auch ihren Sound entwickeln die Musiker stetig weiter. Dennoch fügen sich die Titel nahtlos in die Discografie des mittlerweile 36-Jährige Schaffens der Band ein. Wenn „Stormclouds“ vom 2013er Album „Between Dog and Wolf“ zum Ende des Konzerts auf das uralte „White Coats“ trifft, passt das hervorragend zusammen. Und schließlich spielen NEW MODEL ARMY dann doch noch einige alte Gassenhauer wie „51st State“ und „Vagabonds“, zu denen die Fans wie eh und je auf die Schultern anderer Konzertbesucher steigen.

Schön! Aber eigentlich wäre das mit den Hits gar nicht nötig gewesen.

Fotos und Text: Daniel Junker

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