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NIELS FREVERT – Putzlicht

12 September 2019 No Comment
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Schwermütig und herbstlich wogen die Streicher beim instrumentalen Prelude „Bei laufendem Motor“. Das „Comeback“ des ehemaligen Sängers der Nationalgalerie, nach 5 Jahren Sendepause, setzt atmosphärisch dort an wo man ihn erwarten durfte. Melancholische Metaphern, kurz vor der Resignation aber „Immer noch die Musik“ als Rettungsanker, wenn gar nichts mehr geht.

„Wenn die Sache dir zu nahe geht, dein Herz in Schutt und Asche liegt , ist da immer noch, immer noch die Musik“, gleichnamiger Opener stellt sich, zu leicht angezogenem Tempo und Wave-Gitarren, der Traurigkeit trotzig in den Weg.

„Ich suchte nach Worten für etwas das nicht an der Straße der Worte lag“ schlägt musikalisch in die gleiche Kerbe, inklusive nostalgischem Bläser-Break. Der Text und Songtitel zeigen exemplarisch den komplexen und schwermütigen Charakter von Niels Frevert, der nach dem letzten Album „Paradies der schönen Dinge“ und einer privaten Krise länger brauchte, um wieder Kreativität freizusetzen.

„Als könnte man die Sterne berühren“ ist Teil dieser Selbsttherapie, die sich musikalisch kraftvoll ihren Weg bahnt und sich ebenfalls beim vorwärtsdrängenden „Leguane“ zeigt.

„Der Titelsong, als Metapher nicht nur für den Neuanfang nach einer harten Nacht, schwingt majestätisch und die Zeilen „Schein herab auf mich und bring mich raus hier“ haben etwas Großes und Erhabenes. Nach dem Abschied von Tapete und dem Wechsel zu Grönland stehen auch kommerziell die Zeichen auf Neuanfang beim ewigen Geheimtipp der deutschen Songwriter Gilde.

Die Produktion von Philipp Steinke (Revolverheld, Bosse, Andreas Bourani) tut Frevert gut. Der Filmkomponist hat den neuen Liedern des 51-Jährigen modernere Arrangements mit E-Gitarren und dezenten Synthesizern verpasst, ohne dabei die Wärme und das Intime, die vor allem seine bisher gelungenste Soloplatte „Zettel auf dem Boden“ aus dem Jahr 2011 auszeichnete, aufzugeben.

Der dunkle schimmerndem Glanz zieht sich durch den Verlauf der gesamten Platte, auch bei getragerenen Stücken wie „Wind in deinen Haaren“ Der ewige Geheimtipp und Kritikerliebling erstrahlt im Putzlicht heller denn je.

Niels Frevert singt „Irgendwann nur noch Horst mit den Händen am Brückengeländer“ zu jubilierenden Streichern. Die tongewordene Resignation nach einem „hoffnungsvoll verlorenen Jahr“, mit flüchtigem Verweis auf Ton, Stein Scherben: Grandios!

„Es wird nie mehr sein wie vorher“ ist warm, mit Bläsern und Chören durchzogen und man merkt Frevert an, wie er mit Bedacht, die nicht immer einfachen Verse in deutscher Sprache geschmiedet hat.

Diese beeindruckende „Rückmeldung in Moll“ endet konzentriert mit „Dieser Moment“ und nochmals mit der vollen Version von „Bei laufendem Motor“.  Geschmackvoll mit Flamenco-Gitarren und Pianotupfern malt der Hamburger noch einmal starke Bilder und stellt unter Beweis, dass mit dem Mann, der mit seiner Band Nationalgalerie und der Single „Evelin“ 1993 kurz am ganz großen (MTV)Erfolg schnupperte, in 2019 wieder zu rechnen ist. Putzlicht live 2019? Ja, gerne.

Bewertung: 4,5 von 6
: 06.09.2019
Label: Grönland Records / Rough Trade
Web: www.nielsfrevert.net
Format: Vinyl / Download / CD

Tracklist:
1. BEI LAUFENDEM MOTOR (PRELUDE)
2. IMMER NOCH DIE MUSIK
3. ICH SUCHTE NACH WORTEN FÜR ETWAS DAS NICHT AN DER STRASSE
4. DER WORTE LAG
5. ALS KÖNNTE MAN DIE STERNE BERÜHREN
6. LEGUANE
7. PUTZLICHT
8. WIND IN DEINEM HAAR
9. BRÜCKENGELÄNDER
10. NIE MEHR WIE VORHER
11. DIESER MOMENT
12. BEI LAUFENDEM MOTOR

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