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PAUL WELLER – Saturns Pattern

16 Mai 2015 No Comment
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PAUL WELLER - Saturns Pattern

Forever Mod(ernist)

Für sein 12. Soloalbum „Saturns Pattern“ hat sich PAUL WELLER wieder ganz auf Jan ‚Stan‘ Kybert als Co-Produzenten verlassen und damit auf eine Partnerschaft gesetzt, die auch vor zehn Jahren bei den Alben „Studio 150“ und „As Is Now“ beachtliche Ergebnisse hervorgebracht hat. Dazwischen lag seine Zusammenarbeit mit Simon Dine, die die Alben „22 Dreams“, „Wake Up The Nation“ und „Sonik Kicks“ umfasst. Diese Dine-Triologie dokumentierte Wellers Bestreben, nicht als lebende Legende die gefundene Erfolgsformel zu wiederholen und stattdessen neue Herausforderungen zu suchen.

Die Ergebnisse dieser drei Alben waren höchst unterschiedlich in ihrer Qualität. Während die Kritiker sehr viel Respekt für Wellers Mut bekundeten, war die Begeisterung unter den Fans zwiegespalten. Zu offensichtlich erschien an vielen Stellen der Wunsch, das Prinzip der Innovation über das der Qualität zu stellen. Aber anderseits wurde Weller seinem Ruf als Mod(ernist) oder Changingman gerecht, der auch mit über 50 noch Wagnisse eingeht und dafür auch uneingeschränkt Anerkennung verdient.

„Saturns Pattern“ wurde durch eine unkonventionelle Veröffentlichungspolitik angekündigt. Zunächst gab es Schnipsel von dem Intro des Openers „White Sky“, dann wurde dieser Track als Video veröffentlicht und während die Fans noch darüber rätselten, ob dies jetzt die neue Single wäre, wurde ein Video von „Long Time“ hinterher geschoben und wenig später der Titeltrack „Saturns Pattern“ als echte Single angekündigt. Ein Versuch, in einer Zeit, wo die klassische Leadsingle vielleicht nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher hat, ein Album zeitgemäß zu promoten. Nun ja. Die tatsächliche Single mit dem großartigen Titeltrack und der tollen Flipside „Sun Goes“ erschien dann tatsächlich eine Woche vor dem Album und weckte echte Vorfreude.

Jetzt ist das Album da und es festigt Wellers Ruf als ewiger Modernist, der sich nicht wiederholen will, aber vor allem die Produktion, die nicht auf einen Overkill an akustischen Informationen setzt ohne dabei weniger innovativ zu sein, macht „Saturns Pattern“ zu einem Vergnügen, zu einem Werk, das anders klingt als nahezu alle Platten der Gegenwart, gleichzeitig aber die bekannten Vorlieben Wellers für die 60s und 70s mit einflechtet. Es ist ein interessantes Gedankenspiel, sich auszumalen, was passieren würde, wenn die Formatradios tatsächlich einen Song wie „Saturns Pattern“ in die Heavy-Rotation übernehmen würden und Millionen diesen höchst ungewöhnlichen, aber trotzdem enorm eingängigen Song im Autoradio oder in der Dauerberieselung im Büro wiederholt hören würden. Wie aus der ersten verstörten Reaktion, dass da etwas läuft, das nicht einlullt, aber trotzdem hängen bleibt, vielleicht etwas von dem Gefühl zurück kehren könnte, dass Musik nicht nur gefällig sein kann, sondern aufregend, fordernd.

Das Album beginnt, wie erwähnt, mit „White Sky“, einem Blues-Riffmonster, das in der Zusammenarbeit mit Amorphous Androgynous entstand und dessen Text Weller in einer Art Robert Johnson-Modus geschrieben hat. Sehr ungewöhnlich, beinahe Zeppelinesk, und doch auf der jüngst durchgeführten Tour auch als Konzertopener durchaus bewährt. Dann folgt der bereits hoch gelobte Titeltrack und darauf mit „Going My Way“ ein Song, den Weller für seine Frau Hannah geschrieben hat und der nach einer getragenen ersten Strophe auf einmal Fahrt aufnimmt und auf einmal klingt wie ein Outtake von den Smile-Sessions der Beach Boys. Später bekommt er fast einen Disco-Rhythmus und gegen Ende kommt eine Gitarre, die es bei Brian Wilson garantiert nicht gegeben hätte. Und das Beste daran ist: Es funktioniert! Sehr gut sogar.

„Long Time“ ist die bekannte Hommage an NYC-Punk mit zwei Akkorden und The Strypes-Gitarrist Josh McClorey als Gast. Mit einer Laufzeit von 2:12 läuft die Nummer nicht Gefahr zu langweilen. Kein Höhepunkt, aber okay. Ein solcher folgt danach mit „Pick It Up“, das als purer 70s Funk beginnt und in den gut 6 Minuten seiner Dauer viele andere stilistische Bereiche einbindet, dabei aber immer von Noten, die nicht gespielt werden, sprich als Luft zum Atmen gelassen werden, lebt. Großartig!

Die zweite Seite der LP eröffnet mit dem bereits auf der letzten Tour vorgestellten „I’m Where I Should Be“, das der einzige von den neuen Songs ist, der live überzeugender daherkommt als in der Studioversion. Die Liveband, vor allem Steve Cradock, der in der Studioversion nicht dabei ist, bringt dem Arrangement ein wenig mehr Kante und auch Weller singt live weniger gekünstelt als auf der Platte. „Phoenix“ groovt angenehm soulig und birgt auch einige Überraschungen, gehört aber ebenfalls nicht zu den Stand-out-tracks des Albums.

„In The Car“ bedient sich dann wieder dem Blues und wieder ist Wellers Stimme verzerrt. Ab und zu klimpert ein Mike Garson-Gedächtnis-Piano dazwischen und der Chorus lässt dann den Blues hinter sich und der Nummer ihren freien Lauf. Die Inspiration stammt von dem Film „No Turning Back“ mit Tom Hardy. Sein alter Buddy und Jam-Gründungsmitglied Steve Brooks spielt die Slideguitar, auch dies kein echter Höhepunkt, aber eine gute Überleitung zu dem ausladenden Schlusstrack „These City Streets“, Wellers Liebeserklärung an London.

Dieser über achteinhalb Minuten gehender Track klingt zum Abschluss der Platte wie ein von einer Band live im Studio eingespielten Session, dessen Entwicklung von den Musikern im Zusammenspiel maßgeblich beeinflusst wurde. Und der Track atmet den Geist der frühen 90s, fast meint man Steve White am Schlagzeug zu hören (es ist jedoch Moons-Drummer Ben Gordelier, der auf dem ganzen Album spielt) – ein wunderbarer Ausklang einer Platte, die Wellers Wunsch nach Innovation und seine musikalischen Wurzeln noch stimmiger mischt als auf den letzten drei Alben. Nicht alles ist perfekt geraten und doch kann man die Platte gut so nehmen wie sie ist. Jan ‚Stan‘ Kybert hat daran großen Anteil. Ihm gelingt ein wesentlich besserer Schlagzeugsound als Simon Dine, die einzelnen Instrumente bekommen in seiner Produktion eine größere Transparenz und vor allem klingen seine Mixe niemals anstrengend, etwas, das auf den letzten Platten leider immer wieder der Fall war.

PAUL WELLER Saturns Pattern

Bewertung: 5 von 6
Label:
Parlophone/Warner
VÖ:
15. Mai 2015
paulweller.com
parlophone.co.uk

Tracklist:
1.     „White Sky“
2.     „Saturns Pattern“
3.     „Going My Way“
4.     „Long Time“
5.     „Pick It Up“
6.     „I’m Where I Should Be“
7.     „Phoenix“
8.     „In the Car…“
9.     „These City Streets“

*Nachtrag für die Fans, die sich überlegen, welche Version sie sich zulegen sollten:
Die 9-Track LP/CD ist in ihren Songs oben beschrieben worden und Grundlage der Bewertung. Auf der Special Edition-CD/DVD ist eine DVD enthalten, die Interviews und die Promovideos sowie ein Making-of enthält. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich diese DVD mehr als einmal anschauen will, ist gering und es besteht zudem eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass man den Inhalt auch über das Netz anschauen kann.

Die Limited-Deluxe-Edition enthält neben der in blauem Vinyl gehaltenen LP auch die bereits oben erwähnte DVD, sowie drei Bonustracks auf der CD. Diese sind das geschmackvoll soulig gehaltene Cover von „I’m A Roadrunner“, bei dem Steve Brooks eine sehr gute Figur abgibt, das folkige im 6/8-Takt gehaltene „From Dusk To Dawn“, das nicht ganz so exzellent wie die Flipside der Single „Saturns Pattern“, dem Song „Sun Goes“, ist, aber dennoch very nice to have. Und zum Abschluss gibt es noch einen „Prof. Kybert vs The Moons“-Remix von „White Sky“, der nicht ganz so aggressiv wie die Amorphous Androgynous-Version auf dem Album ist und damit auch eine angenehme Bereicherung darstellt.

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