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PETE TOWNSEND – Who came first (45th Anniversary Expanded Edition)

24 April 2018 No Comment
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Etwas verspätet liegt nun die Jubiläumsausgabe zum 45sten Geburtstag des Solodebuts von Pete Townshend aus dem Jahr 1972 vor. Die formschöne neue Universal-Ausgabe kommt erstmals als Doppel-CD im Schuber. Alle neun Original-LP-Stücke auf CD 1 sowie die 17-Tracks umfassende Bonus CD wurden von John Astley neu remastered. Ein umfangreiches Booklet, neue Linernotes und ein Reprint des original „The Wave“ Gemäldes von Mike McInnerney, welches der damaligen Original-LP als Poster beilag, komplettieren diese bereits dritte und definitive CD-Ausgabe des Townshend-Erstlings.

Der Who-Vordenker war 1967 auf den Spiritualismus des indischen Gurus Meher Baba gestoßen. Die Faszination für die Lehren des Mystikers dienten Townshend fortan bis zum heutigen Tag als spirituelle Antriebskraft und Lebensphilosophie.

Parallel zur wachsenden Live-Popularität seiner Band The Who, als lauteste und wüsteste Rockband der 60s und 70s, produzierte und arrangierte Townshend im Stillen mehrere LPs für die weltweit agierende Meher Baba Gemeinde, auf denen er und andere inspirierte Künstler zu hören waren. Diese wurden zusammen mit Weisheiten des 1969 zwischenzeitlich verstorbenen Meisters in Kleinstauflagen für die Anhänger der Lehre von Baba zu Beginn der 70s vertrieben.
1972 wurde Townshend schließlich von Decca angeboten, die Stücke auf denen er selbst zu hören war, sowie neue Aufnahmen als LP unter dem augenzwinkernden Titel „Who Came First“ kommerziell zu veröffentlichen.

Das Ergebnis ist bis heute nicht nur für Who-Fans eine aufregende Entdeckungsreise. Townshend nahm in seinem Heimstudio im Keller des Familienhauses so gut wie jedes Instrument selbst auf und die Rockwelt staunte nicht schlecht, als man (damals) verworfene Who-Ideen für das nie wirklich realisierte Lifehouse-Konzeptalbum von 1971 (Pure & Easy, Let’s See Action & Time Is Passing) erstmals hörte. Besonders auf diese Stücke hatten die Fans der Band ein besonderes Augenmerk. Mit den Lehren des indischen Meisters wussten indes die wenigsten Rockmusikhörer 1972 etwas anzufangen.

Die Heim-Demos des Gitarristen bergen bereits alle Who-Trademarks als Miniaturen in sich. Von Townshend’s donnernden Powerchords über die angedeuteten Schlagzeug-Attacken des legendären Keith Moons bis hin zu ungefähren Vorgaben für John Entwistle’s Bassläufe.

Was Townshend jedoch nicht konnte und was die größte Transferleistung darstellte, war es, seine selbstzweiflerischen Texte, grüblerischen Lebensbeobachtungen und die große Suche nach dem Sinn des Daseins („The Seeker“) mit der Physis und der Rockstimme eines Sängers wie Roger Daltrey auf ein anderes Level zu bringen. Daltrey wurde bei den Who-Aufnahmen zum äußeren Sprachrohr von Townshend, was die auf „Who Came First“ vorliegenden, embryonalen Fassungen mit Townshend’s hoher Stimme eindrucksvoll belegen.

Anderswo hört man den Small Faces Bassisten Ronnie Lane als Gast die „Evolution“ besingen. Townshend‘s Langzeitkumpel Billy Nicholls singt das famose „Forever’s No Time At All“ und dieser selbst erzeugt entwaffnend schöne Momente wie auf dem hinreißenden “Sheraton Gibson“ oder „Content“. Im Schlussstück „Parvadigar“ huldigt der Protagonist gar hingebungsvoll direkt seinem verstorbenen Meister.

Die ganze erste CD1 atmet den Spirit und Geist der späten 60s und frühen 70s. Townshend befand sich als Songwriter damals auf dem Zenit seines Schaffens und würde nach „Quadrophenia“ im Jahr 1973 immer größere Probleme bekommen, seine ambitionierten Werke im Rahmen von The Who zu verwirklichen.

Der zweite Silberling birgt nun noch mehr spirituelle Miniaturen, die sich zumeist mit den Weisheiten Babas auseinandersetzen. „Day of Silence“ verneigt sich vor dem Meister und besagt, dass man im Andenken an den Guru einen Tag komplett ohne Sprache verbringen möge. Baba hatte selbst nach seiner Erleuchtung 44 Jahre bis zu seinem Tod geschwiegen und nur durch Gesten und Zeichen gelehrt („His Hands“ & „The Love Man“). „Baba O’Riley“ in einer langen Instrumentalfassung zeigt mit seinen repetitiven und damals revolutionären, von Terry Riley beeinflussten, Keyboardschleifen fast schon meditativ-tranceartige Wirkung. Man hört nochmal Townshend das Lieblingslied von Meher Baba „Begin The Beguine“ singen und in den Linernotes merkt er selbstkritisch einen „Wrong Key“ auf der Gitarre an. Alle Songs stammen aus der Phase 1967-1971 und zeigen neben Townshends spürbarer Hingabe auch, welch‘ feine Song-Perlen der Who-Gitarrist zuhause entwerfen konnte.

Ergänzt wird die vorliegende Universal-Ausgabe nun um einige wenige Alternativ-Takes, einer flirrenden Soundtrack-Idee zu einem Baba-Film von 1976 sowie Liveaufnahmen aus dem Jahr 1976 und 2004.
Für Townshend-Kenner ist aber auch mit „There’s A Fortune In Those Hills“ eine wirkliche Rarität beigefügt. Ursprünglich für eine nie veröffentlichte The Who EP im Jahre 1970 konzipiert, war dieses Stück bisher gänzlich unbekannt und zeigt im Songaufbau, dass es durchaus zum Who-Track getaugt hätte.

Der überarbeitete Klang der gesamten Ausgabe ist hervorragend und die neuen Linernotes des Mannes aus Chiswick vom November 2017 erhellend wie eine Fortschreibung seiner Autobiografie „Who I Am“. Townshend hinterfragt darin sein ganzes ambivalentes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit, gibt zu an (zwischen)menschlichen Problemen fast zerbrochen zu sein, sucht nach Gründen in der eigenen Jugend und sieht sich abschließend nicht als typisches Aushängeschild eines Meher Baba Anhängers obwohl er dessen Lehren für sich als Lebensregeln definiert hat.

„Who Came First“ soll den Auftakt einer ganzen Reihe von Universal-Wiederveröffentlichungen des Townshend-Backkataloges sein, der auch die gesamte Scoop-Reihe mit jeweils relevantem Bonusmaterial umfassen soll.

Es ist an der Zeit auch die Soloarbeiten des Musikers, Arrangeurs und Songschreibers Pete Townshend wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, denn leider hatte einer der begnadetsten Schreiber seiner Generation bereits 1993 beschlossen, keine Soloalben mehr zu veröffentlichen und nur noch im stillen Kämmerlein für sich zu musizieren.

„There Once Was A Note Pure And Easy“

Bewertung: 5,5 von 6
VÖ: 20.04.2018
www.petetownshend.net
Label: Universal
Format: CD/ Digital

Tracklist
CD 1
1. Pure and Easy
2. Evolution
3. Forever’s No Time At All
4. Let’s See Action
5. Time Is Passing
6. There’s A Heartache Following Me
7. Sheraton Gibson
8. Content
9. Parvardigar

CD 2
1. His Hands
2. The Seeker (2017 Edit)
3. Day Of Silence
4. Sleeping Dog
5. Mary Jane (Stage A Version)
6. I Always Say (2017 Edit)
7. Begin The Beguine (2017 Edit)
8. Baba O’Reilly (Instrumental)
9. The Love Man (Stage C)
10. Content (Stage A)
11. Day Of Silence (Alternate Version)
12. Parvardigar (Alternate Take)
13. Nothing Is Everything*
14. There’s A Fortune In Those Hills
15. Meher Baba In Italy
16. Drowned (Live 1976 in India)
17. Evolution (Live At The Ronnie Lane Memorial Concert, Royal Albert Hall 2004)

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