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PETE TOWNSHEND – Classic Quadrophenia

1 Juni 2015 No Comment
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Classic-Quadrophenia

It’s the singer, not the song: „Quadrophenia“ von 1973 ist das Meisterwerk von Pete Townshend, nicht nur der Höhepunkt im Oeuvre der Who, sondern auch eins der allerbesten Alben aller Zeiten überhaupt. „Tommy“ war schon beachtlich und für die Woodstock-Generation eine Warnung, die über Dylans knappes „Don’t follow leaders, watch the parking meters“ hinausging und mit „We’re not gonna take it“ wesentlich tiefer ansetzte. Letztlich war jedoch die Parabel über den deaf, dumb and blind boy doch an vielen Stellen schwer zu verstehen und ausgerechnet der Hit „Pinball Wizard“ war ein am Ende hinzu geschriebener Plot-Twist um den Kritiker Nik Cohn für die Story zu gewinnen. „Quadrophenia“ kam ohne solche schrägen Momente aus. Generationen von Fans stritten sich über die Frage, ob Jimmy am Ende stirbt oder nicht, aber unabhängig davon gelang es Townshend perfekt einerseits das British Mod Movement der frühen 60s zu portraitieren und anderseits das Thema der Teenage Angst, die auch im Englischen genau so genannt wird, so auf den Punkt zu bringen, dass auch Nicht-Mods das Gefühl bekommen konnten, Townshend hätte diese Texte nur für sie geschrieben. Hinzu kam noch der Aspekt der gespaltenen Persönlichkeiten, der psychische Krankheit erstmals im Popkontext thematisierte.

1972, also bevor er „Quadrophenia“ schrieb, setzte Townshend bereits ein Projekt um, in dem „Tommy“, seine erste Rockoper, vom London Symphony Orchestra eingespielt wurde. Damals übernahm eine beachtliche Liste an Sängerinnen und Sängern aus der Rock/Blues/Folk-Szene die Leadvocals, während Roger Daltrey als die perfekte Inkarnation von Tommy die meisten Songs sang. Das Ergebnis war nicht in allen Momenten überzeugend, aber zeigte doch, dass Townshends Werk auch von einem Orchester instrumentiert besteht und einige Versionen stellten die Fassung von The Who glatt in den Schatten. Von daher kann es nicht der Wunsch gewesen sein, mal zu testen, ob seine Songs sich auch im klassischen Kontext eignen, der Townshend zu diesem Projekt getrieben hat.

„Quadrophenia“ hat durch die Produktion des Soundtracks für den Film bereits eine orchestrale Ergänzung bekommen, einige Songs wurden diesbezüglich angereichert und auch teilweise noch einmal anders gemischt als auf dem Original-Album. Der Film erschien 1979 auf dem Höhepunkt des Mod-Revivals, das nicht zuletzt durch das Album angestoßen wurde, und selbiges bis in die achtziger Jahre verlängerte. Von daher war klar, dass Townshends Rockopern das Potential für eine orchestrale Umsetzung besaßen und auch speziell im Fall von „Quadrophenia“ durchaus auch spannende Ergebnisse liefern konnten.

Nun hat er sich entschlossen, das Werk im klassischen Gewand einzuspielen und zu veröffentlichen. Bei den Arrangements ging ihm seine Partnerin Rachel Fuller zur Hand und bei der Analyse dessen, was The Who seinerzeit auf den Songs spielten, kam die Erkenntnis durch, dass Keith Moon von seinem Spiel her eher ein orchestraler Perkussionist denn ein klassischer Rockdrummer war. Surprise. Die orchestrale Umsetzung gelingt ohne Zweifel überzeugend. Interessant ist dabei, dass in den Arrangements jetzt keine wesentlichen neuen Stimmen zu hören sind, das Orchester spielt das, was man von den Who-Versionen der Songs kennt. Im Umkehrschluss stellt man aber auch fest, dass Townshend mit seiner Band und natürlich auch den Studio-Overdubs eine Musik geschaffen hat, die sich mit klassischen Werken messen lassen kann.

Soweit also alles gut. Bleibt der nicht unerhebliche Aspekt des Gesangs. Townshend konnte für das Projekt den britischen Tenor Alfie Boe gewinnen, der in den letzten zehn Jahren die Klassik im UK wieder in die Charts führte. Boe schätzt nach eigenen Aussagen The Who und speziell Quadrophenia sehr und fühlte sich sehr geehrt, dass er als die Hauptstimme erwählt wurde. Natürlich trifft er all die Töne, die Roger Daltrey seit zwanzig Jahren nicht mehr zur Verfügung stehen und er legt auch Gefühl und Dramatik in seinen Vortrag. Nur ist er halt ein klassischer Tenor, der Töne ganz anders angeht und aushält, als ein Rocksänger. Dies gibt den Songs eine völlig neue Note. Hätte man vielleicht vor zwanzig oder dreißig Jahren Daltrey bei einer klassischen Fassung von Quadrophenia singen lassen, wären die Songs vom Charakter her wahrscheinlich dicht am Original geblieben und die fehlende Rockband wäre nicht so stark ins Gewicht gefallen.

Man muss davon ausgehen, dass es Townshends Absicht war durch den klassischen Gesang Boes das Werk in einem ganz anderen Licht zu präsentieren. Ob es ihm gelingt damit ganz neue Zuhörerkreise zu erschließen, wird sich zeigen. Für Who-Fans, die Quadrophenia verinnerlicht haben, bleibt der Gesang auf dieser Fassung ein Fremdkörper, denn die Story von Londoner working-class-Mods und der Klang eines Heldentenors passen nicht zusammen. Auch die Verzweiflung, die aus der Teenage Angst und der Persönlichkeitsspaltung entsteht, kann Boe nicht glaubwürdig transportieren.

Townshend selbst mag auch seine Zweifel gehabt haben, ob so der Bezug zur Arbeiterklasse verloren gehen würde. Jedenfalls zog er mit Phil Daniels, der den Jimmy im Quadrophenia-Fim spielte, und Billy Idol noch zwei weitere Nebensänger hinzu, die in den Momenten, wo sie singen den krassen Unterschied zu Boes Stil noch einmal verdeutlichen. Townshend selbst singt bei „The Punk And The Godfather“ und spielt bei „I’m One“ und „Drowned“ akustische Gitarre.

Es wird sich zeigen, ob es Townshend gelingt, auf dem klassischen Musikmarkt mit dieser Produktion erfolgreich zu sein, künstlerisch hat er sich schon vorher bewiesen, dazu hätte es diese Fassung nicht gebraucht, Quadrophenia ist und bleibt ein Meisterwerk. Vielleicht wird das jetzt auch die Klassik-Welt erkennen. Angesichts der stark nachlassenden Kraft sowohl seiner als auch Daltreys Stimme, lotet er ja vielleicht auch so aus, ob sein seit Jahren angekündigtes letztes Großwerk „Floss“ vielleicht gar nicht mehr als Rockoper, sondern im klassischen Gewand Potential hätte.

PETE TOWNSHEND Classic Quadrophenia

Label: Deutsche Grammophon / Universal
VÖ: 05. Juni 2015
Bewertung: 3 von 6
http://www.petetownshend.com
http://www.universal-music.de/classic-quadrophenia/home

Tracklist:
1 – I Am The Sea
2 – The Real Me
3 – Quadrophenia
4 – Cut My Hair
5 – The Punk And The Godfather
6 – I’m One
7 – The Dirty Jobs
8 – Helpless Dancer
9 – Is It In My Head?
10 – I’ve Had Enough
11 – 5:15
12 – Sea And Sand
13 – Drowned
14 – Bell Boy
15 – Doctor Jimmy
16 – The Rock
17 – Love Reign O’er Me

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