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PINK FLOYD – The Final Cut (Vinyl Reissue)

18 Januar 2017 No Comment
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Es ist anzunehmen, dass Roger Waters den Albumtitel „The Final Cut“ auch ganz bewusst für das letzte Werk, das er noch unter dem Moniker PINK FLOYD veröffentlichen wollte, gewählt hat. Es war ein Konzept, das unmittelbar an „The Wall“ anschließt, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg, exemplarisch projiziert auf seinen Vater, der im 2. Weltkrieg in Italien fiel, und angesichts des Falkland-Krieges 1982 mit höchst aktuellen Referenzen als die Platte 1983 erschien. „A requiem for the post war dream“ by Roger Waters stand auf der Platte. Und darunter: „Performed by Pink Floyd“. Und genau so klingt die Platte. Wie ein Roger Waters-Werk, auf dem Dave Gilmour und Nick Mason das spielten, was Waters ihnen vorgab. Richard Wright war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Mitglied der Band, er war während der Aufnahmen zu „The Wall“ von Waters gefeuert worden.

„The Wall“ war Waters‘ Meisterwerk und doch hört man darauf noch eine Band, die gemeinsam spielt und – wie man seit der 2011er Experience Edition weiß – die Demos von Waters entscheidend aufwertete. „The Final Cut“ wurde seine erste Soloplatte, bei der auch Gilmour zum Statisten reduziert wurde, ein Statist, der zwar einige tolle Gitarrensoli spielte und auf dem tollen „Not Now, John“ auch singen durfte, aber am Masterplan und der Produktion nicht beteiligt war. Dafür waren James Guthrie, der bereits an „The Wall“ mitgearbeitet hatte, und der Keyboarder Michael Kamen als Produzenten beteiligt. Das Ergebnis ist ein in sich sehr konsequentes Werk. Nur zeigte sich hier zum ersten Mal, dass Waters‘ Gesang zwar sehr effektvoll und spannend ist, wenn im Song danach – oder noch besser: im gleichen Song – auch eine weniger anstrengende Stimme zu hören ist, aber auf Dauer eher nervt.

„The Final Cut“ zeigt, dass Waters zwar als Einziger in der Band in der Lage war, ein zusammenhängendes Werk textlich umzusetzen, aber auch, dass seine musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten nicht mit dem Output, den er als Teil der gemeinsam kreativen Band Pink Floyd veröffentlicht hat, mithalten können. Für sich genommen ist beinahe jeder Track des Albums ein Bruder der Tracks von The Wall, aber auf Albumlänge zeigt sich der Mangel an Nicht-Waters-Einflüssen.

Das LP-Reissue, das jetzt erscheint, unterscheidet sich von den anderen Vinyl-Wiederveröffentlichungen, die Pink Floyd in der jüngsten Vergangenheit vorgenommen hat, dadurch dass auf der LP ein Song enthalten ist, der auf der originalen LP nicht enthalten war: „When The Tigers Broke Free“ wurde erstmals auf einer Single 1982 im Zusammenhang mit dem „The Wall“-Film veröffentlicht und wurde bereits 1979 während der Sessions zu „The Wall“ aufgenommen. Dieser Song beschreibt sehr konkret die Kriegshandlungen, die zum Tode von Fletcher Waters, Rodgers Vater, führten und war auf der 2001er Compilation „Echoes – The Best Of Pink Floyd“, aber auch auf dem 2011er CD-Reissue von „The Final Cut“ enthalten. Der Song fügt sich jedenfalls sehr stimmig in das Konzept des Albums ein.

Die LP ist hervorragend gefertigt und klingt gut, gerade im Vergleich zu der 2011er CD, die schriller klingt und somit auch vom Sound her anstrengender. Auch das Cover profitiert natürlich vom LP-Format. Hier wäre noch anzumerken, dass Waters für „The Final Cut“ nicht mehr auf das bewährte Team von Hipgnosis zurück griff. Stattdessen verwendete er Bilder seines Schwagers, die eine Ausgeh-Uniform in Ausschnitten zeigten. Auch wenn sich dieses Coverkonzept grundlegend von den Hipgnosis-Entwürfen der anderen Floyd-Alben unterscheidet, zeigt sich doch, dass hier nicht nur per se ein stylishes Motiv gewählt wurde, sondern auch, dass das Foto auch inhaltlich im Kontext der Platte stimmig gewählt wurde.

„The Final Cut“ ist ein Exot im Pink Floyd-Oeuvre – die Omnipräsenz von Waters prägt das Album genauso wie seine Abwesenheit die Nachfolger, die ohne seine Mitwirkung entstanden sind. Es ist bedauerlich, dass sie damals keinen Weg gefunden haben, gemeinsam kreative Wege neu zu finden, aber es ist müßig derartige „Hätte-Wäre-Wenn“-Diskussionen zu starten, das Album markiert das Ende einer Ära und den Übergang zu einer neuen. Der gleiche Häutungsvorgang stand der Rest-Band, die sich –  mehr oder weniger um Richard Wright ergänzt – 1987 zusammen fand um ohne Waters neues Material zu erarbeiten bevor. Aber das ist eine andere Geschichte, die hier erzählt wird.

Bewertung: 3 von 6
VÖ: 20.01.2017
pinkfloyd.com

Tracklist:

A1.     The Post War Dream
A2.     Your Possible Pasts
A3.     One Of The Few
A4.     When The Tigers Broke Free
A5.     The Hero’s Return
A6.     The Gunner’s Dream
A7.     Paranoid Eyes

B1.     Get Your Filthy Hands Off My Desert
B2.     The Fletcher Memorial Home
B3.     Southampton Dock
B4.     The Final Cut
B5.     Not Now John
B6.     Two Suns In The Sunset

Jan Woelfer
Jan Woelfer

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