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Rock Classics: THE BEATLES

19 Dezember 2018 No Comment
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SLAM ist ein auf jüngere Rockmusik spezialisiertes Magazin aus Wien. Seit einiger Zeit erscheint im SLAM-Verlag auch unter dem Namen ROCK CLASSICS auch eine Sonderheft-Reihe, die sich in den jeweiligen Ausgaben bestimmten Bands bzw. Themen widmet. Dass die Zielgruppe von SLAM und auch ROCK CLASSICS klar U30 ist, wird daran deutlich, welche Bands in den jüngsten Ausgaben #22,#23 und jetzt #24 behandelt wurden: The Rolling Stones, Led Zeppelin und The Beatles, die von Verlagen, die eher auf Ü40 abzielen, wohl die ersten drei Ausgaben gewesen wären!

Durch die Veröffentlichung der 50th Anniversary Edition des weißen Doppelalbums „The Beatles“ ist jetzt anscheinend ein geeigneter Moment um der Band zu huldigen. Das Heft beginnt mit einer gelungenen Vorstellung der Fab Four, die jedoch nicht ihr Wirken während der Beatles-Jahre in den Fokus rückt, sondern kurz auf die Zeit davor und sehr ausführlich auf die Zeit danach eingeht. Hier wird eine stimmige Übersicht über das Post-Beatles-Werk von John, Paul, George und Ringo gegeben, die auch durchaus kenntnisreich verfasst wurde.

Daran schließt sich eine Doppelseite an, die unter dem Titel „The Beatles in Hamburg“ ihre Stationen auf dem Kiez der Jahre 1960-62 gut auf den Punkt gebracht zusammenfasst. Danach werden die 11 Original-LPs der Band, sowie „Magical Mystery Tour“ und „Yellow Submarine“ in chronologischer Folge stimmig und kenntnisreich besprochen. Diese Vorgehensweise, die bei der Band von Ausgabe #23 und anderen Rockbands, die ihre Karriere vor allem in den Jahren ab 1968 hatten, absolut stimmig ist, erweist sich jedoch hier als der falsche Weg um die Geschiche der Beatles aufzuziehen.

Bis 1967/68 spielten LPs in der Wahrnehmung von Beat/Pop/Rock-Bands eine untergeordnete Rolle. Die Singles waren der entscheidene Faktor. Und wenn auch die Beatles, anders als die meisten Acts der frühen und mittleren Sechziger, auf ihren LPs nicht nur zwei aktuelle Singlehits plus Füllmaterial versammelten, wird man ihre Karriere nicht anhand der LPs begreifen können. Die Beatles hatten nämlich sogar den Anspruch ihre LPs OHNE die aktuellen Single-Hits zu kompilieren. Und dazu kommt auch, dass sie die B-Seite einer Single ebenfalls nicht als Füllware begriffen, sondern den Ehrgeiz hatten, auf beiden Seiten ihrer 7″s zu überzeugen. Später nannten sie die beiden Seiten der Singles gar „Double A“ um klarzustellen, dass beide Tracks – oft einer von John und einer von Paul auf der anderen Seite – als gleichwertig zu betrachten sein. In den Besprechungen zu den LPs wird zwar auch die eine oder andere Single-Veröffentlichung aus der Zeit thematisiert, aber den roten Faden anhand der LPs zu spinnen, wird der Band nicht gerecht.

Die Macher von SLAM haben ihre Vorgehensweise vielleicht aus der Perspektive, dass Rockbands ab 1968 durchaus stimmig in der Album-Perspektive beleuchtet werden können, hier entweder bewusst oder unbewusst auf die Beatles übertragen und werden so werder der historischen Bedeutung, noch der heutigen Rezeption von Klassikern wie der Beatles durch die U30-Generation gerecht. Die hören Spotify-Playlists, die wild aus Singles- und Albumtracks gemsicht sind. Und hier muss man zumindest fragen, warum so legendäre Kompilationen wie das rote (1962-66) und blaue (1967-1970) Album nicht thematisiert werden und auch nicht das in jüngerer Vergangenheit überaus erfolgreiche „1“. Auch die „Past Masters“, die als Ergänzung zu den LPs kreiert wurden, finden hier keine Erwähnung.

Ebenfalls unterschlagen wird in dem Heft die Frage, welche Aspekte bei den besprochenen LPs in der jeweiligen Stereo- bzw. Mono-Version zu berücksichtigen sind. Die Tatsache, dass die Fabs selbst im Mix die Mono-Version als das relevante Endprodukt sahen und auch beaufsichtigten, während die Stereo-Mixe bis 1968 ohne ihr Mitwirken von Toningenieuren in den Abbey Road Studios (damals noch EMI Studio) erstellt wurden, spricht hier Bände. Es gibt zwar in der Ausgabe ein Interview mit Giles Martin, das auf die neue Version des „White Albums“ abzielt, aber ansonsten gibt es auch keinerlei Hinweise auf die Besonderheiten von Remasters (2009) und Remixes („Yellow Submarine Songtrack“,“1″, „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“, „The Beatles“). Ebenfalls keine Erwähnung finden die EPs, Livealben, Anthology oder Projekte wie „Let It Be Naked“ oder „Love“. Stattdessen gibt es Informationen über albernes Spielzeug bzw. Merch und eine Auswahl nur teilweise relevanter Literatur unter Auslassung essentieller Werke wie die Bücher von Mark Lewinson, Geoff Emerick oder auch die von den Fabs selbst erstellte Anthology.

Die Artikel in diesem Heft sind durchaus lesenswert und für sich genommen stimmig geschrieben, aber die Gesamtkonzeption des Sonderhefts bleibt bis auf das erste Viertel fragwürdig. Aus diesem Grund bleibt der Eindruck etwas zwispaltig.

116 Seiten, Seitenrückeneinband

http://www.slam-zine.de/rockclassics/#!/

 

 

 

Jan Woelfer

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