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ROGER DALTREY – As Long As I Have You

19 Mai 2018 No Comment
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ROGER DALTREY hat als Solokünstler nie die gleiche Aufmerksamkeit erreicht wie ein Mick Jagger, ein Robert Plant, ein Roger Waters oder ein Pete Townshend und das liegt daran, dass er kein eigentlicher Songwriter ist, der sich mit eigenem Material versorgt und dieses dann ureigentlich interpretiert. Und doch veröffentlicht er jetzt mit „As Long As I Have You“ bereits sein neuntes Soloalbum. Allerdings mit einem Abstand von 26 Jahren zu dem Vorgänger „Rocks In The Head“.

Ein Trittbrett zu diesem Album war sicherlich das überaus erfolgreiche Album, das Daltrey gemeinsam mit Wilko Johnson im Jahre 2014 veröffentlicht hatte. Auf dieser Platte („Going Back Home“) ging Daltrey zurück zu seinen Wurzeln als Rhythm’n’Blues-Sänger in den frühen 1960er Jahren und ließ sich auf das Material von Johnson ein. Eine weitere Verbindung ist die Einbindung von dem durch The Style Council, The Merton Parkas und auch Dexy’s Midnight Runners bekannten Pianisten Mick Talbot, der sowohl auf „Going Back Home“ als auch „As Long As I Have You“ spielt.

Eine weitere Besonderheit dieser Platte ist das Engagement von Pete Townshend, der sich bislang von Daltreys Soloaktivitäten fern gehalten hatte. Nun ist er an Bord – nicht von Anbeginn ab, aber als das Projekt fest steckte, bot er sich an und bereicherte die Aufnahmen nicht nur um einige typische Gitarrenparts, sondern motivierte Roger Daltrey und auch Produzenten Dave Eringa dazu die Platte heraus zu bringen. Denn was er hörte, gefiel ihm gut und auch wenn es um sein Gehör ja nicht allzu gut bestellt ist, kann man seinem Urteil durchaus trauen, denn die Platte ist wirklich gut.

Und so kam es jetzt zu einem Album, das immerhin auf 7 Tracks Daltreys Stimme mit Townshends Gitarre paart, und doch keineswegs als Veröffentlichung von The Who angesehen werden kann. Denn die Rolle, die Townshend hier eingenommen hat, ist eine, die es im Who-Kontext so nicht geben könnte. Aber der Vergleich zu dem letzten Who-Werk „Endless Wire“, immerhin auch schon 12 Jahre alt – drängt sich natürlich doch auf und da spürt man als Unterschied die Unbekümmertheit, mit der Daltrey bei dieser Songauswahl vorgeht. Während „Endless Wire“, natürlich als Konzeptalbum angelegt, große Ernsthaftigkeit ausströmt und an vielen Stellen bemüht daher kommt, sind es hier einfach Songs, die Daltrey singen und aufnehmen wollte und das macht einen Unterschied in der Stimmung der Platte aus.

Das Album beginnt wuchtig mit dem Titeltrack, Daltrey klingt stark, Townshend haut kurze Schläge in die Pausen und die Rhythmusgruppe shuffelt und groovt wie es bei den Who niemals möglich war. Hier hört man eher die Verwandschaft zu „Going Back Home“ und einem Groove wie ihn Dr. Feelgood auch hatte. Es folgt mit „How Far“ aus der Feder von Steven Stills als Gegenstück das Lied, das am meisten nach The Who klingt, die Nummer hätte so auch auf „Who By Numbers“ gepasst – und stellt bereits den Höhepunkt des Albums da. Besser wird es nicht mehr, aber das Niveau bleibt noch eine ganze Weile hoch bevor es gegen Ende der Platte dann leider doch abfällt. Auch „Where Is A Man To Go?“ hat einige prägende Gitarrenakkorde von Townshend verpasst bekommen und erinnert auch vom Titel er ein wenig an „A Man Is A Man“ von „It’s Hard“. Auch „Get On Out Of The Rain“ hätte auf „It’s Hard“ gepasst, hier ist Pete gar als Sologitarrist zu hören. In der Folge verlässt das Album dann wieder Who-Gefilde und wird auch zunehmend softer.

Mit „Into My Arms“ singt Daltrey einen Song von Nick Cave – gesanglich macht er das gut, aber die Stimmung, die Cave in solch Gospel-nahen Momenten erreicht, kann er nicht schaffen. Um für die zweite Seite der LP noch mal ein Ausrufezeichen zu setzen kommt mit Stevie Wonders „You Haven’t Done Nothing“ noch mal grooviger Funkrock bevor es dann sehr mellow wird. „Certified Rose“, von Daltrey bereits Anfang der Nullziger Jahre geschrieben und mehrmals auch schon im Who-Kontext geprobt, aber nie aufgeführt/veröffentlicht, erscheint jetzt hier endlich – eine solide, geschmackvolle Soulballade. Danach plätschert das Album leider wenig spannend aus.

Die erste Hälfte der Platte ist vielleicht das Beste, was Daltrey je unter seinem Namen veröffentlicht hat. Die Hilfe von Townshend bringt natürlich das Salz in die Suppe, aber auch die anderen Musiker überzeugen ohne Frage. Dass er diese Form auf Albumlänge nicht durchhalten konnte, ist bedauerlich, aber hier ist das Glas auf jeden Fall weit mehr als nur halbvoll und man kann nur überrascht den Hut ziehen, dass hier überhaupt noch mal ein solches Studio-Lebenszeichen entstanden ist.

Bewertung: 4 von 6

VÖ: 01.06.2018

Universal/Polydor

Roger Daltrey

Tracklist:

  1. „As Long As I Have You“
  2. „How Far“
  3. „Where Is A Man To Go?“
  4. „Get On Out Of The Rain“
  5. „I’ve Got Your Love“
  6. „Into My Arms“
  7. „You Haven’t Done Nothing“
  8. „Out Of Sight, Out Of Mind“
  9. „Certified Rose“
  10. „The Love You Save“
  11. „Always Heading Home“

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