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ROGERS – „Punk ist das, was du draus machst“

9 Juli 2015 No Comment
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Rogers

ROGERS sind eine aufstrebende Macht im Deutschpunk und der Name ihres zweiten Albums ist Programm. Auf „Nichts zu verlieren“ sind die Düsseldorfer vor allem eines: dagegen und ziemlich angepisst. Wie sich das anfühlt, ob die ständigen BROILERS-Vergleiche nerven und was Punk heute ist, diese und andere Fragen hat Bassist Artur Freund im Interview mit triggerfish.de beantwortet.

Erst die „Flucht nach vorn“ und jetzt „Nichts zu verlieren“ – schon die Titel eurer Alben klingen danach, als wolltet ihr aufs Ganze gehen. Wo wollt ihr hin mit eurer Band?

So genau kann ich das gar nicht beantworten und ich glaube ich spreche da für alle von uns. Was wir alle mit Gewissheit sagen können, ist, dass wir mittlerweile an einem Punkt angekommen sind, wo wir erst recht daran arbeiten jedes Jahr zu wachsen und so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln. Diese Einstellung zieht sich zwar schon seit Ewigkeiten wie ein roter Faden durch die Bandgeschichte, ist aber nun auch an einem Grad angekommen, wo wir von bewusster Professionalisierung der Band reden können.

…und wo kommt ihr her?

Wir kommen aus Düsseldorf. Als wir anfingen Musik zu machen, war Düsseldorf eher ein totes Loch bezüglich guter musikalischer Veröffentlichungen. Die Broilers haben jetzt gut vorgelegt wie ich finde, die Antilopen Gang stolziert hinterher. Hört sich nach einem gelungenen Start an um die Musikgeschichte im Westen Deutschlands weiter zu schreiben oder? Haha

In euren Texten seid ihr ziemlich kompromisslos und dagegen und legt in eurer Ablehnung von „08/15-Leben“ eine klare „Punk-Haltung“ an den Tag. Übertragt ihr das manchmal auch in die Realität oder, anders gefragt, was bedeutet es heute, Punk zu sein?

Haha. Also so viel ist dazu schon mal zu sagen: Wir haben mit Sicherheit eine komplett andere Lebensweise als 80% aller anderen in unserem Alter. Ob das jetzt für andere Leute „Punk“ ist, sei mal dahingestellt. Wir leben unseren Traum und genau das wollen wir vermitteln. Uns geht es nicht darum zu verurteilen, wenn jemand mit dem „08/15-Leben“ seinen Traum lebt. Unsere Nachricht an unsere Hörer ist eher das Hinterfragen, ob man wirklich das tut, was man liebt oder nur das lebt, was „angeblich“ so gemacht werden sollte. Punk ist das, was du draus machst.

Und was genau habt ihr gegen Frau, Kind und Familienkutsche?

Pauschal überhaupt nichts. Das beinhaltet wieder das Thema „Lebe deinen Traum“. Wenn es dein Traum ist, Frau, Kind und Familienkutsche zu haben, dann ist das doch wunderbar. Die Kritik, die wir an dieses 08/15-Leben äußern, widmet sich in erster Linie den Menschen, die unüberlegt Dinge machen, die von der Gesellschaft vorgelebt werden oder von ihren Eltern erzwungen worden sind. Ob das ein asozialer Umgang mit der Natur ist, das unüberlegte Verzehren gewisser Lebensmittel oder gewissenloses Kapitaltreiben um sich mit sinnlosen Konsumgütern kurzzeitig zu befriedigen.

Von Tausenden Punkbands schaffen es nur ein paar zum Plattenvertrag und noch weniger werden richtig erfolgreich. Ihr habt es schon ganz schön weit gebracht. Gibt’s ein Erfolgsgeheimnis?

Wenig und/oder effektiv arbeiten gehen und viel Energie in die Band stecken, haha. Also wir folgen keinem Masterplan, den wir uns geschmiedet haben. Wir bleiben einfach am Ball, haben richtig Bock und sind ein gut funktionierendes, mittlerweile durch viele Höhen und Tiefen gegangenes, Team. Leidenschaft wird bei uns einfach großgeschrieben. Kurz: Wir l(i)eben, was wir tun!

Und was war der Knackpunkt oder der Moment, wo ihr zum ersten Mal gemerkt habt: Mensch, aus dieser Band könnte was Großes werden?

Einen Knackpunkt in der Form gab es offen gesagt noch gar nicht. Es gab durchaus eine Zeit, besonders letztes Jahr, wo wir gemerkt haben, dass wir eine unheimlich gute Resonanz bekommen. Aber „was Großes werden“ ist ein Gedanke, der sicherlich noch viel an Erfahrung in sich trägt. Wir wollen immer weiter gehen und wir werden sehen, wo hin uns die Reise führt.

Der „Sellout“‬ naht, habt ihr Mal scherzhaft auf Facebook nach einem Radiointerview geschrieben. Gibt’s was, was ihr auf keinen Fall machen würdet?

Geil ist, dass einem in so einem Moment wie jetzt gerade nach dieser Frage natürlich keine konkrete Antwort einfällt. Zum einen werden wir uns nach wie vor niemals mit gewissen Bands die Bühne teilen, die uns offenkundig durch ihre eigene Gesinnung, oder die ihrer Fans, zuwider sind und zum anderen liegt natürlich eine hohe Priorität darauf, niemals in einem Marionetten-Zirkus die Marionetten spielen zu müssen. Wir bleiben eigenständig und selbstbestimmt.

Ihr geht ab Herbst zweimal auf Tour, dazu kommen viele Festivalauftritte im Sommer. Wie müssen die nächsten Monate laufen, damit ihr für euch sagt: Es hat sich gelohnt?

Die Hauptsache ist, dass es so ist. Allein die Tatsache, dass uns das alles in diesem Jahr erwarten wird, ist schon lohnenswert genug. Vorausgesetzt alles findet statt und wir müssen kein Konzert absagen. Da wir aber ja die Band alle priorisieren, kann von unserer Seite eigentlich nichts schiefgehen. Wir freuen uns auf alles, was kommt!

Ist 2015 das entscheidende Jahr in der Geschichte der Rogers?

Das wird sich herausstellen! Geplant ist einiges und noch viel mehr. Hypothesen sind immer eine schwierige Angelegenheit. Grade beim Thema Musik. Man wird viel von uns hören und kann davon ausgehen, dass es wieder mehr als letztes Jahr wird, aber weniger als nächstes!

Was sind vom Gefühl her die Unterschiede zwischen einer Einzelshow im kleinen Club, einem Auftritt als Vorband in einer größeren Halle und einem Festivalgig?

Im Grunde können wir hier nur aus den Erfahrungen, die wir bisher selbst gemacht haben sprechen: Bei einer Einzelshow im kleinen Club ist der Hauptteil des Publikums fast ausschließlich wegen dir und deiner Band da. Das ist nicht einfach nur ein absolut abgefahrenes Gefühl, nein, da kannst du auch sicher sein, dass die Leute Bock auf dich und deine Musik haben und – sofern ihr nicht alles gnadenlos verkackt – selbst mit nur einer Handvoll Leuten das Potenzial für eine ausgelassene Party am Start ist.

Als Vorband in einer wesentlich größeren Location zu spielen, als man sie selber als Hauptband spielen würde, ist mit viel mehr Variablen verbunden und kann dadurch entweder zum absoluten Erfolgserlebnis mutieren oder dich und deine Band – vor allem wenn es das erste Mal passiert – hochgradig demotivieren. Hier geht es erst mal darum, wie aufgeschlossen das Publikum der anderen Band(s) mit denen man spielt gegenüber deiner eigenen Band ist; falls man hier an absolut knallharte und kompromisslose Hauptband-Fans gerät, kann es nämlich leider passieren, dass man am Ende doch nur mit Ignoranz oder gar Abneigung gestraft wird. Zum Glück ist sowas bisher selten bis gar nicht vorgekommen.

Festivalpublikum ist Publikum, dass Bock auf ne ordentliche Party hat. Wenn sie deine Band kennen und mögen, werden sie auch feiern, falls sie euch super kacke oder langweilig finden, werden sie gehen, doch es gibt einfach auch immer ein große Menge Leute, die einfach Bock auf gute Stimmung und Live-Musik haben. Die sorgen natürlich auch für ordentlich Stimmung und zaubern einem – zusammen mit den eigenen Fans – ein gutes Gefühl in den Bauch und ein Grinsen ins Gesicht.

Welche Band würdet ihr gerne mal supporten und welche würdet ihr gerne selbst als Vorband mitnehmen?

Supporten würden wir gerne einige Bands. Dadurch, dass jeder von uns einen anderen Geschmack hat, fällt die Auswahl da natürlich sehr groß aus. Ein paar Bands haben wir ja erfreulicherweise schon abhaken können und würden es auch immer wieder tun. Unabhängig davon, ob das Genre zusammenpasst oder nicht, steht von Rise Against bis Red City Radio oder einem Heimspiel mit den JKP-Klassikern alles drauf. Als Vorband fallen mir spontan unsere Freunde von „ATOA“ und „Blut Hirn Schranke“ ein. „Steen“ sind auch verdammt gute Jungs und haben uns sogar schon bei unserem Single-Release im Januar supported.

Musikalisch verwandt und dann auch noch aus der gleichen Stadt: Nerven die ganzen „Broilers“- und „Hosen“-Vergleiche schon?

Ja und Nein. Niemand wird unfassbar gerne verglichen. Wir sind allerdings auch keine krankhaften Individualisten. Womit ich sagen will, dass es auch darauf ankommt, warum man es gesagt bekommt. In der Regel sind die Absichten positiv und als Lob gemeint. Wenn uns jemand damit sagen will, dass wir ein billiger Abklatsch von den „Broilers“ oder den „Hosen“ sind, dann ist das halt mal so, aber das interessiert uns nicht. Wir wissen wer wir sind.

Erst kürzlich habt ihr euch auf Facebook wieder klar gegen rechts positioniert und euch gegen unangemessene Vergleiche mit anderen Bands gewehrt. Wie seht ihr die ganze Diskussion um den sogenannten „Deutschrock“?

Problematisch. Fast schon zu problematisch um es hier detailliert zu schildern. Was ist „Deutschrock“ überhaupt und wie kommt man darauf ihn mit Punkrock zu vergleichen? Das trifft es finde ich viel eher. Wir wollen mit dem ganzen Scheiß nichts zu tun haben, weil wir der Meinung sind, dass, selbst wenn da „keine Nazis“ sind, diese kulturelle Bewegung einen viel zu guten Nährboden für nationalsozialistisches Gedankengut bietet. Wir sind an einem Punkt der Globalisierung angekommen, an dem wir uns als Menschen dieser Erde und somit als Weltbürger bezeichnen können. Nationale als auch religiöse Grenzen mit Stolz und Ehre zu verknüpfen gehört meiner Meinung nach ins vorletzte Jahrhundert und sorgt regelmäßig für Kriege rund um den Globus.

Gab es schon Situationen, in denen ihr dachtet: So Leute wollen wir eigentlich nicht im Publikum?

Ja. Ein paar Mal schon, aber nicht der Rede wert. Lange sind sie nie geblieben, ob mit oder ohne Hinweis wo sich der Ausgang befindet.

Und abschließend bitte noch eine Antwort für alle Leute aus Düsseldorf: Was sind eure drei Lieblingsorte in der Stadt und wo gibt’s ihn noch, den Punk?

Wenn wir mal nicht auf Tour sind und ich zusätzlich nicht arbeite, bin ich ehrlich gesagt immer ganz froh die Zeit mal in etwas Entspannung zu investieren und gehe mit meiner Freundin irgendwo gemütlich essen oder Ähnliches. Wenn dann aber doch mal „der Punk“ Vorrang hat, gehts ab ins Tube, auf die Kurze Straße oder in eine der umliegenden Kneipen. Wer es noch eine Nummer derber will, kann auch im AK47 vorbeischauen, da finden auch häufiger mal Konzerte statt. Je nachdem was man jetzt aus dem Begriff „Punk“ rausholt, gibt es in Düsseldorf auf jeden Fall ein paar Ecken, an denen man sich wohlfühlen kann.

Das neue Album der Düsseldorfer „Nichts zu verlieren“ erschien am 26. Juni (hier geht es zur Plattenkritik). Im Sommer stehen etliche Festival-Auftritte an, im Herbst gehen ROGERS auf Tour.

Weitere Infos:
facebook.com/RogersPunkrock
peoplelikeyourecords.com

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