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ROOKIE RECORDS – Labelchef Jürgen Schattner im Gespräch

6 Februar 2011 No Comment
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Jürgen Schattner - Rookie Records

Vor 15 Jahren gründete Jürgen Schattner das Label ROOKIE RECORDS, heute eine der ersten Adressen für feinen Punkrock in Deutschland aber auch jenseits dieses Genres umtriebig. Im Gespräch mit triggerfish.de blickt Jürgen Schattner zurück auf die Anfänge, lässt Einblicke in den Label-Alltag zu und spricht über Punkrock und die Welt.

Rookie Records wird 15 Labeljahre alt. Wie viel ist das in Menschenjahren. Wird dein Kind gerade erwachsen, befindet es sich in den besten Jahren oder geht es auf die Rente zu?

Ich denke, „mein Baby“ befindet sich in den besten Jahren, wie der Labelboss auch. Mit dem Wechsel vom Hobby zum Beruf vor ca. 5 Jahren wurde das Kind dann auch endlich erwachsen.

Erzähl uns doch mal, wie alles anfing…

Eindeutig als Notlösung! Meine damalige Band ATTENTION!ROOKIES (daher auch der Name) fand kein Label und wir haben – ganz D.I.Y. – die Sache selbst in die Hand genommen. Dann ging es Schlag auf Schlag: KICK JONESES, TURBOSTAAT, Wiederauflagen von SPERMBIRDS und WALTER ELF.

Und was ist Rookie Records heute?

Mein Beruf, der mich einigermaßen ernährt, und meine Leidenschaft. Neben dem Label betreibe ich eine Edition (Musikverlag) und biete Promotion und Booking (für Labelbands) an.

Wie muss man sich die Arbeit als Labelchef vorstellen?

Ich kann selbstbestimmt arbeiten, habe aber klare Tages-, Wochen- und Monatsziele, die ich mir im Vorfeld setze. Der Alltag ist bestimmt von Produktionen planen und durchführen, mich um Promotion kümmern, Anzeigen basteln, viel Telefonieren, Ware verschicken… ich mache bis auf Presse- und Grafikarbeiten alles selbst.

Was sind die Licht- und was die Schattenseiten?

Es fiel mir lange schwer, richtig abzuschalten, also Feierabend zu machen. Ist inzwischen aber besser geworden. Trotzdem bin ich für meine Bands immer erreichbar, gerade wenn meine Finnen, Kanadier oder Australier auf Tour sind. Positiv: ich mach was mir Spaß macht.

Du musst es wissen: Wie geht es der deutschen alternativen Punkrockszene künstlerisch und finanziell?

Keine Ahnung, ganz ehrlich. Ich sehe natürlich, dass einige Labels aufhören oder sich umorientieren (Booking, Management, Merchandise), mache ich ja auch teilweise. Die Verkaufszahlen gehen zurück, also bleibt weniger Geld für die Labels und die Bands. Künstlerisch erlebe ich nach wie vor schöne Überraschungen, diese passieren aber oft im Privaten oder werden eben nicht für den breiten Geschmack gemacht. Die Subkultur lebt!

Und was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Die Fakten sind bekannt, die Umsätze gehen kontinuierlich zurück, also gehe ich weniger Risiko bei der Bandauswahl und nehme die Bands mehr mit ins Risiko und in die Verantwortung. Eigeninitiative ist das Zauberwort. Das Label kann ein helles Licht im Dunkel sein, mehr nicht. Es gibt Bands, die glauben, wenn sie ein Label haben, geht alles von selbst. Ein kompletter Trugschluss, die Arbeit geht erst richtig los!

Auch vor 15 Jahren gab es schon Internet und wenig später auch illegale Downloads. Trotzdem: Wie hat das Internet in dieser und in anderer Hinsicht die Labelarbeit verändert?

Alles ist immer und überall verfügbar, also muss keiner mehr irgendetwas kaufen. Alles ist umsonst, verliert dadurch aber an Nachhaltigkeit und Qualität. Diesen Wahnsinn kann aber keiner mehr aufhalten. Das Rad dreht sich immer schneller, immer kürzere Hypes folgen aufeinander. Am besten bleibt man in seiner Nische, haha.

Die erste Rookie Regel lautet: Eine Band muss mich live überzeugen

 

Du arbeitest mit jungen Bands genauso zusammen wie mit „alten Hasen“ wie den SPERMBIRDS. Gibt es da Unterschiede zwischen den Bands was ihre Herangehensweise an die Musik, ihr Verhältnis zum Punkrock, ihr Selbstverständnis als Künstler und die Erwartungen an ihr Label betrifft?

Bands wie SPERMBIRDS wissen natürlich wie der Hase läuft, jungen Bands muss man mehr erklären, damit sie verstehen, warum ich was wie tue. Allerdings sind viele junge Bands auch hervorragend vernetzt und bringen ihre Kontakte und Ideen mit ein. Den Punkt „sich-ins-gemachte-Nest-setzen“ hab ich weiter oben ja schon ausgeführt.

Du hast wahrscheinlich viel mit jungen Bands zu tun, die dir ihre Demos schicken. Wie bekommt man deine Aufmerksamkeit und welchen väterlichen Rat würdest du aufstrebenden Bands mit auf den Weg geben?

Ich sage immer, nie, niemals ungefragt Demos schicken. Die liegen sonst auf einem hohen Stapel und fliegen irgendwann in den Müll. Am besten per Email anfragen und einen Link dazu, fertig. Spart Zeit und Geld, für beide Seiten. Was mir auch oft auffällt, dass diesen „unerwünschten“ Sendungen nicht mal ein Anschreiben beiliegt, also nur den Waschzettel stumpf kopiert ohne persönliche Ansprache. Das ist eine ganz schlechte Visitenkarte.

Welche Rolle spielt dein persönlicher Musikgeschmack bei deiner Arbeit?

Die erste Rookie Regel lautet: Eine Band muss mich live überzeugen, dann sehen wir weiter.

Mit welcher Band/Künstler würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

SPEEDO, früher ROCKET FROM THE CRYPT, (heute NIGHT MARCHERS), meine absolute Lieblingsband.

Was sind die fünf Rookie-Records-Alben, die man unbedingt haben sollte?

Oh ha, schwere Frage, ist ja auch Geschmackssache. Wenn man die Sache historisch bzw. aus der Sicht des Musikfans betrachtet, bestimmt die erste SPERMBIRDS und eine der beiden frühen WALTER ELF (sozusagen die Keimzelle der K-town Szene). Diese Wiederauflagen waren quasi der Grundstock des Backkatalogs. Danach dann evtl. die erste TURBOSTAAT, die in Kooperation mit Schiffen erschien. Von den neueren Scheiben sicher PASCOW, SPERMBIRDS und AlLIAS CAYLON. Aber es gibt ganz sicher weit mehr zu entdecken bei 100 Katalognummern.

Und auf was können wir uns in der nächsten Zeit freuen?

Die neue GENEPOOL (kommt Ende März) ist großartig geworden, es kommen Vinylversionen der aktuellen Alben von CITY LIGHT THIEF und KNUCKLEBONE OSCAR, eine Neuauflage des SEWER RATS-Debüts und deren neues Album im Spätsommer.

Nun noch der Klassiker: Wo siehst du dich und Rookie Records in 10 Jahren?

Gute Frage, ich fürchte, der Bereich Label wird an Wichtigkeit verlieren, Verlag und Promotion werden einen größeren Stellenwert einnehmen. Oder ich mache was ganz anderes, haha!

Und zum Schluss vervollständige doch bitte diesen Satz: Internetmagazine wie triggerfish.de sind…

….die logische Fortsetzung von Mags & Zines in der digitalen Welt und deshalb unverzichtbar.

Weitere Infos:
rookierecords.de

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