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RUHRPOTT RODEO 2016 – 5. bis 7. August, Hünxe

15 August 2016 No Comment
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Ruhrpott_Rodeo_2016

Bier wird mit dem Alter schaler, Wein besser. Insofern ist das Ruhrpott Rodeo mehr Wein als Bier, denn trotz des hohen Altersdurchschnitts auf den Bühnen kam das Ganze wieder ziemlich frisch daher.

Muss man sich um den Punkrock sorgen machen? Nimmt man das Line-Up des inzwischen wohl größten deutschen Punkrockfestivals als Beleg, scheint es zumindest so zu sein. Fast alle Bands haben inzwischen graue Schläfen und würde nicht 2016 draufstehen, hätte das diesjährige Ruhrpott Rodeo auch vor 20 oder sogar mehr Jahren stattfinden können.

Kenner wissen natürlich: Dem Punk geht’s gut, der Nachwuchs spielt sich in den Clubs die Finger wund, wird immer größer und irgendwann die Lücken füllen, die zwangsläufig entstehen. Währenddessen versammelt sich die Gemeinde jedes Jahr auf einem Acker bei Bottrop und feiert Revival, lässt alte Helden hochleben und freut sich über unverhoffte und kaum für möglich gehaltene Wiedersehen.

Gleichzeitig sorgt diese thematische Ausrichtung für eine Breite im Publikum, die sich wohltuend auf Stimmung und Atmosphäre auswirkt. Vereinfacht gesagt: Beim Rodeo stimmt die Mischung aus den jungen Wilden und den euphorischen Alten, was dann auch immer wieder für schöne Szenen sorgt. Sei es, wenn sich ein 50-Jähriger bei „Nervous Breakdown“ das Shirt vom Oberkörper reißt und sich in die Menge stürzt, oder sei es eine Gruppe 17-Jähriger in Kniestrümpfen, die auf SUICIDAL TENDENCIES wartet und dabei mit alten ST-Haudegen fachsimpelt.

Dieses friedliche und bunte Neben- und Miteinander war auch indem Jahr wieder ein Erfolgs- und Stimmungsgarant, das überwiegend sonnige Wetter und die mal wieder makellose Orga taten ihr übriges. Die aus Sicherheitsgründen angekündigten intensiveren Einlasskontrollen fielen moderat aus, lange Schlangen bildeten sich selten und die Sicherheitskräfte gaben sich wieder alle Mühe, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie teilten ihr Wasser, hievten geduldig einen Crowdsurfer nach dem anderen in den Graben und wirkten auch ansonsten sehr nahbar, wozu auch die lächerlichen Sonnenbrillen beitrugen. Einzig der für Punkverhältnisse hohe Bierpreis – lag der im vergangenen Jahr auch schon bei drei Euro? – irritierte etwas, ließ sich aber verschmerzen. Schließlich steigt mit dem Alter in der Regel das Einkommen, während der Bierdurst kleiner wird. Und die jungen trinken eh woanders.

DECENDENTS, NOFX, WIZO – Die großen Namen überzeugen

Musikalisch war das Rodeo wieder sehr klassisch aufgestellt und wurde vorwiegend von Etablierten bestritten. Dabei wurden vor allem die großen Namen den hohen Erwartungen gerecht. WIZO sind nach wie vor eine Bank, NOFX kalauerten und schwoften sich wie gewohnt durch ihr Set, auftrumpfen konnten aber vor allem DESCENDENTS. Die machten nämlich alles richtig und setzten voll auf ihre Musik. Kein Banner, kein Feuerwerk, kein Brimborium. Stattdessen Gitarre, Schlagzeug, Bass und Milo am Mikro, alles schön eng beieinander und dann los. So geht Comebackshow, so macht man seine Fangemeinde glücklich, so erstickt man alle möglichen Kritikpunkte im Keim, so setzt man den Höhepunkt des Festivals, auch wenn das Publikumsinteresse bei WIZO und NOFX größer war.

Ganz ähnlich machten es übrigens am Sonntag FLAG, die ebenfalls von vielen mit Spannung erwartet worden waren. Auch sie rissen ihren Auftritt ohne Sperenzchen ab und waren um so vieles besser als die andere BLACK FLAG-Coverband, die 2013 immerhin als Headliner auf dem Rodeo gespielt hatte (hier geht es zur Rezension). Druckvoll und ohne Hänger spielten sich die alten Herren durch ein Set, das keine Wünsche offen ließ. Zwar wurde nichts aus der Wiedervereinigung mit Henry Rollins, der ja am selben Tag auf dem Rodeo war, was vereinzelt für Spekulationen gesorgt hatte, aber dafür war Keith Morris in Bestform und zwischendrin durfte sogar Gitarrist Dez Cadena, ebenfalls ein ehemaliger BLACK FLAG-Sänger, nach überstandener Kehlkopfkrebs-Erkrankung ein paar Songs krächzen.

Headliner-würdig war sicher auch der Auftritt von DRITTE WAHL, die dieses Jahr wieder unter ihrem eigenen Namen ran durften und die Ohrwürmer setzten, die man das ganze Festival nicht mehr aus dem Kopf bekam, was auch für KNOCHENFABRIK galt, deren kurzen Auftritt natürlich in jeglicher Hinsicht vorzüglich und perfekt war. Spaß haben konnte man außerdem bei der Polonaise mit EISENPIMMEL sowie bei LOKALMATADORE, die dieses Mal zwar nur durch EL FISCH präsent waren, aber trotzdem den Hit setzten, der am lautesten mitgesungen wurde (kleiner Tipp: das Wörtchen Olé spielte eine wichtige Rolle).

Weitere Höhepunkte waren die ruppigen THE DWARVES und TSOL, die am Sonntag auf der kleinen Bühne kompromisslos lärmen durften, die fantastischen BABOON SHOW, die inzwischen auch große Bühnen und Menschenmengen vollauf im Griff haben, sowie SUICIDAL TENDENCIES und SICK OF IT ALL, deren Hardcore-Maschine laufen wie am ersten Tag. Etwas unterging zu relativ früher Stunde auf der großen Bühne hingegen JELLO BIAFRA, bei dem vor allem die politische Einstellung und die DEAD KENNEDYS-Klassiker gefielen. Eine Enttäuschung waren TURBONEGRO, die trotz aller Posen und der ganzen Show irgendwie nicht mehr zünden, wobei dies ausdrücklich nicht für „All My Friends Are Dead“ gilt. Den Song kannst du nicht kaputt machen, der geht immer.

Und sonst? Alles gut. Die kleinen Wachstumsschmerzen der letzten beiden Jahre hat das Rodeo überwunden und sich gut eingependelt. Die Party zum zehnten Geburtstag war ein voller Erfolg und auch der Umzug von Pfingsten in den August scheint nicht geschadet zu haben. Natürlich ist das Rodeo kein kleines Punkfest mehr und die Kommerzialisierung schreitet voran, aber es ist eben noch lange kein seelenloses Großfestival. Das Ruhrpott Rodeo schafft es, sympathisch und übersichtlich zu bleiben, und insofern darf man sich jetzt schon aufs neue Jahr und den nächsten Ritt freuen – mit alten Helden und vielleicht mal etwas mehr frischem Blut.

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